Ästhetik

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Das erste was ich tat, als ich erwachte, war so tief einzuatmen, dass mir kurz schwarz vor Augen wurden. Erst dann merkte ich, dass ich in einem fremden Bett lag. Es schlug mir kurz den Boden aus. Wo war ich? Mir kam ein Gedanke und ich zog die Decke weg, aber ich stellte erleichternder Weise fest, dass ich bis auf meine Schuhe und meine Jacke noch die selben Sache trug, in denen ich gestern aus der Wohnung gegangen war. Oder war das gar nicht gestern? Erst jetzt merkte ich, wie sehr mir der Kopf weh tat und ich zog mir die Decke wieder über den Kopf. War es nicht das, wovor meine Eltern  mich gewarnt hatten? Nicht mal zwei Monate weg von Zuhause und schon ein Blackout? Was war gestern Nacht los gewesen? Ich war doch sonst nicht das Mädchen, das auf Partys geht und ohne Erinnerungen aufwacht.
Wo war ich?
Ich setzte mich auf und sah mich in dem Zimmer um. Es war kleiner, als das Zimmer, welches ich in meiner WG bezogen hatte. Nicht mal ein Schrank hätte rein gepasst, nur das eine Bett. Außerdem roch es komisch. Nach Parfüm oder so was und nach Farbe und nach anderem Zeug. Noch Komischer aber waren die Wände. Auf weißen Untergrund waren verschlungende Symbole gemalt worden. Ein asymmetrisches, bizarres  Muster bedeckte alle vier Wände, die Decke und sogar Tür und Fensterrahmen.
Das Fenster stand auf Kippe und ließ die Geräusche der Stadt hinein. Welcher Tag war heute? Sonntag?  Musste ich zur Uni? Ich stieg aus dem Bett und stand vor der Tür. So sehr ich mich auch zu erinnern versuchte, ich wusste nicht, wem ich dahinter begegnen würde.

In dem Raum saß ein einziger junger Mann hinter einem absurd größen Schreibtisch. Im Licht einer Schreibtischlampe, denn die Fenster waren mit Spanholzplatten verschraubt. Der Tisch hatte eine U-form und macht fast das Ganze Zimmer aus. Auf der Fenster abgewandten Seite gab es zwei Türen, ich stand in einer. Auf einer der verbliebenen Seiten war der Tisch bis ganz an die Wand geschoben, auf der anderen Stand ein großer Schrank. Ich kannte den Raum nicht und ich hatte Schwierigkeiten ihn zu erfassen, dass der Tisch so sehr mit allem möglichen Zeug beladen war, dass man das Material der Tischplatte nicht erkennen konnte.
Der Mann dahinter starrte mich über einen Brillenrahmen hinweg an, als würde er etwas von mir erwarten. Trotz des wenigen Lichtes sah ich, das er blass war und aschweißes Haar hatte. Er trug einen weißen Künstlerkittel und hielt einen Lötkolben in der linken Hand.
“Morgen.,“ krächzte ich. Meine Stimme war verkratzt und beim Sprechen tat mein Hals weh.
Seltsam langsam verzog sich das Gesicht des Typen zu einer Parodie eines Lächelns, bei dem seine Mundwinkel weitestmöglich auseinander gingen und er zwei Reihen weißer Zähne entblößte, ohne aber die Augen zu verändern.
“Morgen!“ sagte er. Seine Stimme war deutlich, aber tonlos, als würde er flüstern. Es klang, als würde er lediglich meinen eigenen Gruß wie ein korrigiertes Echo wiederholen.

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