9. Kapitel: Chris

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Tief holte ich Luft, lehnte mich gegen die Tür. Das Herz schlug mir immer noch bis zum Hals.

Was hatte er sich nur dabei gedacht?!

Es fühlte sich an, als wäre mir das Blut in den Adern gefroren. Nach all den Monaten kreuzte er plötzlich auf!? Obwohl ich ihn ohnehin nicht aus dem Kopf bekam!? Ich konnte nicht mal wütend auf ihn sein. Egal, aus welchem Grund er mich verlassen hatte, es war vermutlich das Beste. Für uns beide. Und wenn ich mich noch so nach ihm sehnte ... Das hier war vorbei. Wir würden nie wieder das sein, was wir bis vor drei Monaten gewesen waren.

Ich schloss die Augen, setzte mich in Bewegung, ging in Richtung Küche. Das Ganze stresste mich jetzt schon. Wie sollte ich Mary das erklären? Und gleichzeitig kam ich nicht umhin, ihm dankbar zu sein. Es wäre auch für mich leichter, wenn ich nicht alle paar Wochen eine Ausrede für meinen Chef finden musste.

Mit dem musste ich mich schon genügend rumplagen durfte. Heute Nachmittag durfte ich mir schon wieder anhören, dass es andere »auf die Reihe« bekamen mit Job und Kind, nur ich nicht. Dass »andere« aber kein Kind mit einer Immunkrankheit hatten, ließ er dabei außer Acht.

Tief holte ich Luft, stieß den Atem aus. Dreimal wiederholte ich das, stützte die Arme auf dem Tresen ab.

Ich hasste, wie gut es getan hatte mit ihm zu reden. Er hatte so eine Art an sich, dass ... sich alles leichter anfühlte. Ob es das Leuchten in seinen dunklen Augen war, das Lächeln. Oder vielleicht auch nur seine Anwesenheit. Auch wenn ein Teil in mir auf ihn wütend sein wollte, so konnte ich nicht abstreiten, dass ich ihn vermisste. Wie sehr mir diese Wärme fehlte, die er versprühte. Diese Leichtigkeit in seiner Person. Wenn er meine Hand nahm, wurde mir warm und ich fühlte mich, als könnte ich mich fallen lassen.

Er hatte miterlebt, als ich fast jede Nacht von Albträumen heimgesucht worden war. Wie oft ich nicht mal in Worte hatte fassen können, was in mir vorging. Er hatte mich nie zu etwas gedrängt, ganz im Gegenteil. Und deshalb ... fühlte er sich wie mein Zuhause an.

Und ich hasste es! Was brachte es mir, wenn ich ihm so nachhing? Das war vorbei!

Auch wenn er so gewirkt hatte, als wäre da noch etwas ...

Fest kniff ich die Lippen zusammen, schüttelte den Kopf. Ich machte mir nur falsche Hoffnung, wenn ich dem zu viel Bedeutung gab.

An diese großen, dunklen Augen. Seine langen und dichten Wimpern. Die fast schwarzen Haare mit diesem leichten Ansatz von Grau. Den perfekt geschnittenen Bart, der ihm so viel besser stand als mir.

Ich atmete auf, drückte mir die Finger gegen die Schläfen, bis das Ticken in meinem Kopf verstummte. Hier war nichts, das diesen Laut machen konnte. Es gab nicht mal eine Uhr in der Küche.

Ich hob den Blick, starrte auf den Fleck, an dem mal ein Uhr gehangen war. Als ich dieses Haus bezogen hatte, war es das Erste, was ich rauswarf. Bis heute hatte ich sie noch nicht ersetzt. Ich hatte nicht mal einen Grund. Es hatte sich nie ergeben – wie so vieles.

Genau wie das Loch in der Wand, das ich nicht mehr verputzt hatte. Dort hing nun ein Bild, das Bill ausgesucht hatte.

Mein Blick verharrte an der Delle auf den Fließen. Meine Finger begannen zu kribbeln. Es brannte. Mein Kopf pochte – so wie in dem Gespräch von gestern.

Ich verließ die Küche und setzte mich an den Tisch. Fest ballte ich die Hände zusammen, raufte mir die Haare. Das alles kam mir vor wie ein Fiebertraum.

Tief seufzte ich auf, zog einen Schub auf und griff nach meinem Tablet und dem Stift. Ich verdiente damit zwar kein Geld – schon lange nicht mehr, aber es war die beste Ablenkung, an die ich aktuell denken konnte. Und die hatte ich mehr als nötig.

Bis wir uns wiedersehenWo Geschichten leben. Entdecke jetzt