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| Harry |

Seit Emma so unsagbar viele und vor allem auch kostbare Schritte auf mich zugekommen war, hatte ich jegliches Gefühl für Raum und Zeit verloren.

Sie hatte mich dort am Steg zum ersten Mal geküsst und seitdem gab es für uns beide wohl kaum etwas, das wir lieber taten, als genau diesen Moment zu wiederholen.
Emma hatte es geschafft, sich endlich ihren Gefühlen zu stellen und hatte sich mir verletzlich gezeigt — und ich wollte ihr zeigen, dass das nichts Schlechtes, sondern ganz im Gegenteil etwas Wunderbares war.

Wir waren im Meer, am Strand, auf der Veranda und verbrachten die Abende am Lagerfeuer oder auf dem Sofa im Haus — und überall genoss ich Emmas vorsichtige, aber ehrliche Zuneigung und die Nähe, die sie langsam zuließ. Wir gingen ihr Tempo und das war auch völlig in Ordnung. Ich war mit dem zufrieden, was sie mir geben konnte.

Hier in den Hamptons waren wir abgeschieden. Niemand ging uns auf die Nerven oder erinnerte uns an irgendwelche Hürden, die es definitiv gab. Hier konnten wir einfach nur dieses wir sein und langsam kennenlernen, was diese neue Einheit mit sich brachte.

Es war gerade mal der vierte Tag, als sich dieser perfekte Schein, dem ich mich hingegeben hatte, wieder durchbrochen wurde.

Wir genossen gerade die Morgensonne. Emma lag neben mir im Sand und hatten ihren Kopf auf meinem Bauch abgelegt. Während sie eines meiner alten Bücher, die sie im Strandhaus gefunden hatte, las, sah ich das Display meines Handys aufleuchten.

Schon als ich auf Anhieb aus dem Augenwinkel erkannte, wer mir geschrieben hatte, wusste ich, dass dieser Tag nicht so unbeschwert sein würde wie die Vergangenen. Als ich die Nachricht las, wurde mir genau diese Vorahnung bestätigt.

Ohne es zu wollen, entkam mir wohl ein tiefes, bedauerndes Seufzen. Aufmerksam sah Emma zu mir auf.
„Ist alles okay?", fragte sie skeptisch und runzelte die Stirn.

Es waren Sekunden, in denen ich eine Entscheidung treffen musste — und ich entschied mich für die Lösung, die ich für uns beide am Besten hielt.

„Geht so. Ich muss heute kurz in die Stadt zurück", antwortete ich seufzend.

Traurig guckte sie mich an, versuchte sich aber an einem Lächeln. „Ich werde schon einen Tag ohne dich auskommen. Warum musst du denn los?"

Wieder sagte ich das, was ich für das Beste für Emma hielt — und es war nicht die Wahrheit.
„Jeff braucht ein paar Unterschriften und er fliegt morgen schon wieder nach LA", tischte ich ihr stattdessen eine glatte Lüge auf. „Aber das sollte nicht lange dauern. Ich bin bald wieder hier. Und dann haben wir noch ein paar ruhige Tage gemeinsam."

Zuversichtlich lächelte ich Emma an, ehe ich den Blick wieder auf mein Handy richtete.

Bin in 2 bis 3 Stunden da, tippte ich schnell, legte das Telefon wieder beiseite und gab Emma einen flüchtigen Kuss.
„Ich muss auch direkt los, aber umso schneller bin ich wieder da", ließ ich sie noch eben wissen und strich ihr einmal durch das dunkle Haar, ehe ich mich aufrappelte.

Ich hatte ein unheimlich schlechtes Gewissen, sie so plötzlich alleine zu lassen und auch noch anzulügen. Doch ich war mir sicher, dass sie die Wahrheit verrückt gemacht und direkt wieder all die Schritte, die sie auf mich zugemacht hatte, zurückweichen hätte lassen.

Trinkgeld || h.s. ✓Geschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt