Immer wieder sage ich mir im Stillen Charlottes Worte, die mir schon oft genug den Arsch gerettet haben.
Je öfter ich kontrolliert ein- und wieder ausatme, desto mehr lockert sich die Eisenkette um meinen Brustkorb. Langsam, aber sicher findet auch mein Herz zu einem normalen Takt zurück. Nur mein Magen kapiert mal wieder nicht, dass die Party vorbei ist. Dabei ist dieses Bild längst dahin verschwunden, wo ich den Teil von mir begraben habe, der in jener Nacht gestorben ist.
Geblieben ist jemand, der gegen sich selbst kämpft. Das behauptet jedenfalls der Großteil meines Umfelds und so ganz unrecht haben sie nicht. Es sei denn, es ist normal, dass mir Dinge, die bei anderen Menschen Todesangst auslösen, die Luft zum Atmen geben.
Ich greife zu meinem Handy. Neun Minuten nach vier zeigt die Uhr. Also habe ich es tatsächlich geschafft, fast fünf Stunden durchzuschlafen.
Wahnsinn. Mein neuer Rekord.
Auch wenn mein Dienst erst in ein paar Stunden beginnt, schwinge ich die Beine aus dem Bett und ziehe mir Shorts und T-Shirt an. Schlaf wird eh überbewertet. Und pennen kann ich auch noch, wenn ich mir die Radieschen von unten angucke, während Maden mich in meine Einzelteile zerlegen.
Ich verziehe das Gesicht. Das ist selbst für mich zu makaber. Schnell laufe ich die Treppe runter und verlasse das Haus. Wie immer um die Zeit ist in der Siedlung alles dunkel. Nicht mal die Straßenlaternen sind an, seitdem L.A. beschlossen hat, grünste Stadt der Vereinigten Staaten zu werden. Kurz laufe ich mich warm, lege dann einen Zahn zu und bin froh, als die Gedanken auch diesmal unter meinen Schritten auf dem Asphalt verhallen.
Als die ersten Lichter in den Häusern angehen, laufe ich zurück nach Hause. Nicht, dass Daniel auf die Idee kommt, mir auch noch vor der Arbeit mit seiner Küchenpsychologie auf den Sack zu gehen. Er nennt das Freundschaft – ich Folter.
Nach einer ausgiebigen Dusche steuere ich die Kaffeemaschine an. Das kalte Wasser hat mich zwar wach gemacht, aber Koffein zur Unterstützung kann nicht schaden. Während mein Lebenselixier in die Tasse läuft, öffne ich die Schublade und nehme die Zigarettenschachtel heraus. Das schlechte Gewissen überhöre ich wie Dads Worte damals und setze mich mit Kaffee und Kippen auf die oberste Stufe der Veranda. Als Arzt muss er das sagen. Von wegen Hippokratischer Eid und so.
Eine Weile ziehe ich an meinem Glimmstängel und kippe mir meinen doppelten Espresso hinter die Binde. Die Hyazinthen strecken der aufgehenden Sonne neugierig ihre Köpfe entgegen. Genauso wie sie es immer getan hat, sobald ein Sonnenstrahl am Himmel auftauchte. Dabei konnte sie ihm locker Konkurrenz machen.
Kopfschüttelnd drücke ich meine Zigarette aus. Gedanken dieser Art kann ich gerade gar nicht gebrauchen. Eigentlich nie. Auch wenn es verdammt unfair ist. Auf dem Weg nach drinnen trinke ich meinen Kaffee aus, stelle die Tasse in die Spüle und schnappe mir den Autoschlüssel.
Mrs. Rodriguez, die ihren Mann wie jeden Morgen spazieren fährt, winkt mir freudestrahlend zu, als ich aus der Garage auf die Straße biege. Seit einem Schlaganfall letztes Jahr ist er nicht nur halbseitig gelähmt, sein Sprachzentrum und andere Teile seines Hirns haben auch ordentlich was abbekommen. Ich hebe ebenfalls die Hand und gebe anschließend Gas.
Während ich mich durch das morgendliche Verkehrschaos quetsche, kündigt das Display über der Mittelkonsole einen Anruf an. Sophia.
Scheiße. Warum ausgerechnet jetzt? Kurz überlege ich, es klingeln zu lassen, erinnere mich aber dann daran, dass man sich normal verhalten sollte, wenn man normal behandelt werden will. Und da meine große Schwester die Einzige in meiner Familie ist, die das nach dem, was ich getan habe, noch hinkriegt, werde ich den Teufel tun und mir das versauen. Also nehme ich den Anruf entgegen. »Was gibt's?« Dummerweise dringt die Gelassenheit meiner Stimme nicht, bis in meine Finger durch, die sich am Lenkrad festkrallen.
»Nicht so viel Begeisterung auf einmal bitte. Du weißt doch. Damit kann ich nicht umgehen.«
Ich muss grinsen. »Was verschafft mir die Ehre, geliebtes Schwesterherz?«, erwidere ich mindestens genauso sarkastisch.
»Du denkst an Sonntag?«
Fuck. Das hatte ich total vergessen. Oder eher verdrängt. Mom und Dad sind tolle Eltern. Jeden Wunsch hat Mom mir von den Augen abgelesen. Solange es nichts Gefährliches war. Trotzdem hält sich meine Lust auf einen Familiennachmittag mit koffeinfreiem Kaffee und Kuchen in Grenzen. Zumal Greg bestimmt auch aufkreuzen wird.
»Komm schon, du alter Brummbär. Gib dir einen Ruck«, meint Sophia und ich wäre nicht ich, wenn ich mir diese Steilvorlage entgehen lassen würde.
»Ich sag's dir ja echt ungerne, aber ich bin nicht derjenige von uns mit der Vier vor der Eins.« Eigentlich ist meine große Schwester eine toughe Frau, die es liebt, vornehmlich Männern, die ihre Frauen wie ihr Eigentum behandeln, im Gerichtssaal den Arsch aufzureißen. Mit dem Altern führt sie allerdings spätestens seit ihrem Vierzigsten einen persönlichen Kleinkrieg.
»Dafür habe ich keine Augenringe, die bald Kinder kriegen.«
1:0 für sie.
Ich will zum Konter ansetzen, da ergreift sie erneut das Wort. »Also was ist jetzt? Kommst du? Dad hat schließlich nur einmal im Jahr Geburtstag. Da freut er sich, dich zu sehen.«
Das wage ich zu bezweifeln. »Wenn es dich glücklich macht.«
»Noch ein bisschen mehr Enthusiasmus und ich könnte dir fast glauben, dass dir mein Wohlergehen tatsächlich am Herzen liegt.«
Oh. Das tut es. Auch wenn ich das anderen nicht mehr zeigen kann. Ich höre ein Klopfen in der Leitung.
»Wie lange brauchst du noch? Ich muss auch ins Bad.« Während Sophia scheinbar mit Alice, ihrem pubertierenden Monster – ihre Worte, nicht meine – diskutiert, fahre ich auf den Schotterplatz neben der Wache, der zu dem Stundenhotel gegenüber gehört. Jack, der Besitzer, lässt uns zum Glück hier parken. Sonst hätten wir in der Innenstadt echt ein Problem.
»Dieses Kind macht mich noch wahnsinnig!«
Ich schmunzle, als ich an Sophias heiße Zeiten denke. »Gar nicht so einfach mit einer Mini-Version seines Selbst klarzukommen, ne?«
»Warte ab. Wir sprechen uns wieder, wenn du mal so weit bist«, erinnert sie mich, dabei wissen wir beide, dass der Zug schon lange abgefahren ist und ich auch nicht wieder auf ihn aufspringen werde. »Alice McKenzie!« Sophias Geschrei verdrängt die Bilder in meinem Kopf, die meinem Herzen nicht guttun. »Du hast noch genau eine Minute, dann ...«
»Mom, ich muss mal«, jammert Joshua und ich verabschiede mich von meiner Schwester.
»Bis Sonntag.« Subtil kann sie.
Seufzend verdrehe ich die Augen. »Yes, Ma'am.«
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Beyond your Shadows
RomanceKannst du etwas finden, wonach du nicht mal gesucht hast? Lebensmüder Sturkopf trifft durch (un)glücklichen Zufall auf leidenschaftliche Overthinkerin, gemeinsam blicken sie hinter ihre Schatten, wachsen an- und miteinander und finden heraus, ob Feu...
