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»Du schaffst das, Emma! Tschakka!« Wenn ich den Blick der Frau, die an der Seitenscheibe vorbeigeht, richtig interpretiere, sehe ich aus wie der letzte Vollidiot. Wundert mich nicht. Wer führt schon am helllichten Tag ein intensives Gespräch mit seinem Rückspiegel?

Richtig. Ich. Wobei ... ganz normal war ich ja noch nie. Doch so merkwürdig dieser Kampfschrei auch ausgesehen haben muss, ich brauchte ihn, nachdem mein wasserdichter Plan beim Anblick des roten Backsteingebäudes den Bach runtergegangen ist.

Wer auch immer behauptet hat, dass man sich wie neugeboren fühlt, nachdem man dem Tod ins Auge geblickt hat, muss sich geirrt haben. In meinem Leben ist jedenfalls alles noch beim Alten. Weder habe ich meine Traumfigur, noch bin ich selbstbewusst geworden wie John oder Lucy. Dafür malt sich mein Hirn immer noch postapokalyptische Horrorszenarien aus, bei denen Steven King neidisch werden würde, wie ich gerade feststelle. Es ist aber auch wirklich nicht einfach, die passenden Worte für einen fremden Menschen zu finden, der einem das Leben gerettet hat. Und zwar, ohne dabei an sein eigenes gedacht zu haben, weil ... na ja, sind wir mal ehrlich, in ein brennendes Auto zu klettern, ist jetzt nicht unbedingt die beste Idee, die man haben kann. Selbst in diesem Job nicht.

Erneut durchforste ich mein Hirn und komme zu dem Schluss, dass ich die Wahl zwischen einem Danke und einem Hey! Bei nächster Gelegenheit kann ich mich ja mal revanchieren habe. Da mir für Letzteres die Voraussetzungen fehlen, bleibt nur ein lapidares Danke. Und die Flasche Champagner, die ich aus Johns Repertoire gemopst habe. Die Frage meines Verstandes, ob das angesichts der Umstände das richtige Geschenk ist, blende ich aus. Was soll ich meinem Lebensretter auch sonst mitbringen? Pralinen? Kann man einem Mann so was überhaupt schenken? Blumen scheiden ebenfalls aus. Und da ich in der Küche eine absolute Niete bin, kommt Kuchen auch nicht infrage. Mal abgesehen davon könnte er eine Lebensmittelallergie haben. Ich sehe jetzt schon die Schlagzeile: Wahnsinnige bedankt sich bei ihrem Retter, indem sie ihn vergiftet! John würde ausflippen, obwohl die Öffentlichkeit nicht mal weiß, dass wir zusammen sind.

Fest entschlossen, wenigstens einmal im Leben was richtig zu machen, greife ich zu der Flasche auf dem Beifahrersitz und trete den Gang zum Schafott an. Wie ein Sprengstoffexperte einer tickenden Bombe nähere ich mich dem hochgezogenen Rolltor und merke erst zu spät, dass ich mal wieder Opfer meiner blöden Angewohnheit geworden bin. Wenigstens blutet es noch nicht. Vielleicht sollte ich es doch mal mit Yoga zur Entspannung probieren. Wobei mir allein die Anfängerkurse gezeigt haben, dass mein Körper für derartige Verknotungen einfach nicht gemacht ist.

Mit jedem Schritt protestiert mein Herz heftiger. So nervös war ich zuletzt bei meiner mündlichen Abschlussprüfung, als ich mir krampfhaft vorgestellt habe, meine Lehrer wären nackt. Ist eine effektive Methode, um ihnen nicht vor die Füße zu kotzen oder in Ohnmacht zu fallen. Gut. Dafür habe ich den Inhalt meines Wasserglases auf dem Tisch verteilt und bin dem, der mir gesagt hat, dass ich bestanden habe, heulend um den Hals gefallen.

Aber wie sagt Lucy immer so schön? »Fehler sind was für Anfänger. Profis produzieren Katastrophen.«

Zaghaft setze ich einen Fuß in die Halle, in der zwei rote Trucks mit der Aufschrift Los Angeles Fire Department stehen. Einen weiteren Kampfschrei, um mir Mut einzuhauchen, spare ich mir an dieser Stelle. Sonst sind die Männer mit der weißen Jacke wirklich nicht mehr weit entfernt. Stattdessen sehe ich mich vorsichtig um. »Hallo? Ist hier wer?« Doofe Frage, Emma. Das ist eine Feuerwache. Hier muss immer jemand sein. Macht sonst wenig Sinn, den Notruf zu wählen.

Entgegen meiner Befürchtung bleibt es still, weshalb ich mich schnell zum Ausgang drehe. Gehe ich halt wieder. Ich meine, der Wille war immerhin da. Was kann ich dafür, wenn ...?

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⏰ Letzte Aktualisierung: Jan 27, 2025 ⏰

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