2 | T O M

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Es gibt Tage, da bleibst du besser im Bett. Spätestens, als Amy mich vor der Umkleide anquatscht, weiß ich: Heute ist so ein Tag.

»Hast du eine Minute?«

Kurz überlege ich, sie stehen zu lassen. Bis mir einfällt, dass sie gegen Ignoranz immun ist. Zumindest gegen meine scheint sie ein persönliches Abwehrsystem entwickelt zu haben. Irgendwann habe ich aufgehört zu zählen, wie oft sie mir aufgelauert hat, um eine neue Runde einzufordern, nachdem ich die letzte abgebrochen habe. Als sie mir dann vor ein paar Tagen in der Dusche aufgelauert hat – splitterfasernackt – hatte ich endgültig die Schnauze voll. Die liebevolle Erinnerung daran, dass sexuelle Belästigung nicht nur strafbar ist, wenn sie von Männern ausgeht, hat sie dann endlich zur Vernunft gebracht. Dachte ich.

Widerwillig drehe ich mich zu ihr um. »Was willst du?«

»Ich ... bräuchte deine Hilfe.« Mit gesenktem Blick spielt sie am Reißverschluss ihrer Jacke rum und beißt sich auf die Unterlippe. Ist das jetzt ihre neue Masche? Vom männermordenden Vamp zum schüchternen Schulmädchen? Vielleicht sollte ihr mal jemand sagen, dass sie es gar nicht nötig hat, sich zu verstellen. Amy ist eine attraktive Frau, die ihren Job versteht. Auch wenn man bei dem Puppengesicht, das von blonden langen Haaren eingerahmt wird, glauben könnte, dass sie eher auf den Laufsteg als in einen Rettungswagen gehört.

Mit ausreichendem Abstand lehne ich mich gegen die Mauer und verschränke die Arme vor der Brust. »Wobei?«

»Das Tierheim, von dem ich dir erzählt habe, veranstaltet am Samstag einen Tag der offenen Tür. Viele haben schon zugesagt. Auch für eine Adoption interessieren sich einige.« In ihrer Stimme schwingt auf einmal die gleiche Freude mit wie an dem Abend auf der Weihnachtsfeier, als sie mir von Balu, ihrem Labrador-Mix, erzählt hat, der aus dem Tierheim kommt, in dem sie ihre Freizeit verbringt.

Ich hebe die Augenbraue. »Und?«

»Der, der für den Grill zuständig war, ist krank geworden.«

Sie muss den Satz nicht mal zu Ende führen, da kennt mein Magen schon die Antwort. Allein der Gedanke an den Gestank von verkohltem Fleisch lässt mich kotzen. »Samstag.« Ich schlucke. »Da muss ich ... zu Familienangelegenheiten.«

»Verstehe.«

Ihr Ton gefällt mir genauso wenig wie ihr misstrauischer Blick. Hastig angle ich nach dem Türknauf. »Man sieht sich.«

»Wieso gehst du mir aus dem Weg?«

Diesmal drehe ich mich nicht zu ihr um.

»Ist es, weil ich die ...«

Bevor sie weitersprechen kann, öffne ich die Tür neben der Umkleide und ziehe sie in den kleinen Raum, in dem der Trockner rattert. Muss ja nicht gleich jeder mitkriegen, was wir hier bequatschen.

»Zum allerletzten Mal«, setze ich an, als wir alleine sind, »das mit uns war eine einmalige Sache.« Schließlich sage ich das jeder Frau vor dem Sex. Einmal und nie wieder. Auch Amy wusste das. »Also lass uns wie zwei erwachsene Menschen miteinander umgehen und ...«

»Und was?« Wäre die Situation nicht so beschissen, könnte ich darüber lachen, wie sich die Frau, die mir selbst mit High Heels nicht mal bis zur Brust reicht, vor mir aufbaut wie Hulk. »Kommt jetzt die Wir-können-ja-Freunde-bleiben-Nummer?« Wütend blinzelt sie die Tränen weg und ich frage mich, wann ich zu einem dieser Scheißkerle geworden bin, die ich früher verabscheut habe. Mein Schweigen macht sie noch rasender. »Vergiss es«, spuckt sie mir entgegen und reißt die Tür auf. »Vorher friert die Hölle zu!« Die Energie in ihren Worten entlädt sich an der Tür, die keine Sekunde später krachend ins Schloss fällt.

Beyond your ShadowsWo Geschichten leben. Entdecke jetzt