Ritzen

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Wie stark es auch brennt,
wie schnell das Blut rennt,
wenn es mich fast vom Leben trennt.
Die Klinge geht tiefer als jedes Gefühl,
jedes Laken, das ich in Kummer zerwühl.
Doch mein Körper wird nicht kalt, nur kühl.
Mein Blick erstarrt derweil zu Eis.
Narben bleiben da als Preis -
Ein Kampf, den ich nicht zu kämpfen weiß.

Zurückgezogen in meiner Welt,
in der das Blut den Geist erhellt,
zeige ich mir selbst wie weit
mein Körper fühlt, bis dass er schreit.
Narben da auf meinem Arm,
für manche schreien sie „Alarm!",
für andere sind sie Grund zum Lachen,
weil sie sich nie solch' Sorgen machen.
Und auch nie versuchen wollen
zu verstehen, was im tollen
Tiefenrausch der Klinge steckt,
was in mir den Frieden weckt.

Das Traurige am Ritzen ist nicht der Vorgang an sich, auch wenn man sich selbst verletzt und zeitweise Blut fließt. Nein, das Traurige am Ritzen ist, dass es die Probleme nicht zu lösen vermag, die einen plagen. Man fühlt sich kurzzeitig gut, hat für ein paar Sekunden die Kontrolle über sich selbst und kann entscheiden, wo, wie tief, wie lang und was man ritzt. Doch danach ist alles wieder wie vorher - außer dass man eine Verletzung mehr hat. Eine Verletzung, die der Außenwelt zeigt, dass etwas im Innern nicht stimmt. Etwas, das nicht durchs Ritzen gelöst werden kann.

Wenn der Schnitt die Nerven trifft
und ich mich selber spüren kann,
dann ist es wie ein süßes Gift,
wie ein Zelt, das ich aufspann'.
In diesem Zelt bin ich allein,
die Sorgen lasse ich nicht rein.
Sie warten, dass das Blut gerinnt
und sich das Zelt um mich entspinnt.
Dann lieg ich wieder wie ein Feld,
das brach und keine Frucht enthält,
voll Narben der Gewitter da.
Die Sorgen sind dann wieder wahr.

Der Schmerz, der meine Seele füllt
wenn das Blut den Arm einhüllt,
ist das einzige, was ich fühlen kann.
Darum ritze ich mich dann und wann.

Ich weis wie es ist,
wenn man sterben will,
wenn jedes lächeln weh tut,...
Du versuchst dich anzupassen,
doch du scheiterst...
du verletzt dein Äußeres
um die Wahrheit
dein Inneres zu töten...
Die Splitter meines zerbrochenen
Herzens schneiden tiefer, als jede Klinge

Ich ritze, schneide, verletzte mich,
absichtlich, lächle, träume, weine nicht,
nicht für dich.
Rote Tränen fließen,
rinnen, laufen, sie ergießen
sich auf meinem
Arm
wärmen mich, befreien mich, trösten mich,
tropfen auf den Boden, töten können sie nicht,
wollen es nicht,
wollen es nicht, noch nicht...

Meine Freundin sieht so traurig
aus ich möchte ihr so gerne helfen...
doch jetzt greift sie wieder zur Klinge
ich versuche sie davon abzuhalten
sich wieder
zu ritzen
doch sie hört mich nicht...
Das Blut tropft auf den Boden
sie setzt noch einmal die Klinge an ihren
linken Arm
vor lauter Schmerzen fällt die Klinge zu Boden.
Nun denkt sie, ihre Seele sei befreit...
oder nicht? Tränen kullern über ihre Wangen
Sie schreit... Doch niemand hört sie.
Ich seh ihr sehr tief in die Augen
doch dann spür ich einen Stich in meinem
linken Arm.
Was sehe ich da? Blut... Als ich wieder
aufblicke,
ist meine Freundin verschwunden.
Das einzigste, was ich sehe, bin ich vor einem
großen Spiegel,
mit Tränen im Gesicht, Blut an dem Arm und
einer Rasierklinge in der Hand...

Ich sehe das Blut, das an meinem Arm
entlang fließt.
Ich spüre den Schmerz, der mir unter die Haut
schießt.
Ich merke das ich noch lebe, obwohl ich
dachte, ich seihe tot.
Ich schaue noch einmal nieder, mein Arm ist
über und über Rot.

Wenn ich mich schlecht fühle, und dies mache,
denke ich: "Irgendwann, endest du in einer
Blutlache."

Ich drücke die Augen ganz fest zusammen,
trotzdem lasse ich alles zu.

Ich verzweifle und kann nicht mehr.
Wer steht bei mir? 1000 Fragen, die sich
mir stellen,
und die sich nur mit der Zeit beantworten.
Ein Blitz in den Augen,
reflektiert von der Rasierklinge.

Ein Schnitt,
ein Tropfen Blut rollt.
Dein Gesicht entspannt sich.
Ich sehe meine Arme, ich sehe Blut,
sehe Narben, der Schmerz, die
Wut,
doch plötzlich geht es mir
gut!!
Denn ich spüre die Klinge auf
meiner Haut, spüre den Schmerz,
der mich von meiner Leere
erlöst und aufbaut.
Doch wenn die Leere zurück
findet, der Schmerz verschwindet,
bleibt ein Arm voller Narben
und Blut,
doch das lindert kaum
meine Wut.
Ich saß einfach nur da,
wusst nicht, was mit mir geschah,
meine Arme voller Blut,
Der Schmerz tat mir mehr als gut.
Immer tiefer, immer wieder,
irgendwann fiel ich dann nieder
auf den Boden der Tatsachen,
dort wo alle über meine Probleme lachen,
wo sie mit ihrem Lachen meinen Kopf sprengen,
mir böse Sachen anhängen...
Immer wieder, immer tiefer,
meine Haltung immer schiefer,
mit der Klinge in der Hand.

Jeden Tag
sehe ich die Schandtaten
die ich mir selber zufüge
jeden Tag
werde ich daran erinnert
und jede Tag
birgt neue Gefahren
es wieder zu tun
so einfach
der Griff zur Rasierklinge
so angenehm
das rote Blut - Leben
so unendlich befreiend
von
all den negativen Gefühlen
Hass
Trauer
Schmerz
es tut so gut
Leben zu spüren
und kurzzeitig entspannt zu sein
kurzzeitig
bis
der Kreis sich weiter
dreht
doch
werde ich ihn brechen.
Hoffentlich

Traurig sitzt sie da
von Schmerz und Trauer gezeichnet
die Rasierklinge in der Hand
sie wird sie befreien
für einen kurzen Moment
und ihr zeigen,
dass sie noch lebt
doch was ist dieses Leben wert?
Langsam
bahnt sie sich einen Weg durchs Fleisch
Tränen laufen
über ihr Gesicht
ihren Körper
kleine Rinnsale bilden
vereint ihr Blut den ganzen Schmerz
-wie eine Metapher-
spült ihn davon
und lässt sie
für den Bruchteil einer Sekunde
glücklich sein
das Leben geht weiter
-offiziell und äußerlich-
innerlich hat sie aufgegeben
ist gefangen im Kreislauf ihres Lebens
unendlicher Schmerz hat Besitz von ihr ergriffen
und lässt sie nicht gehen
weder in die eine
noch in die andere Welt
so lebt sie ihr Leben weiter
in Angst und Ungewissheit
vor der Zukunft
und dem
Ende

Wie soll ich das unterlassen, was mir am meisten
hilft? Warum soll ich das einzigste unterlassen, was mir zeigt,
dass ich noch am Leben bin? Hört ihr denn auf zu Atmen?

Bring diese Stimme in mir zum Schweigen, die alles
in den Schmutz zieht. Bring diesen Körper zum
schweigen, der nicht leben und nicht sterben will
bring diese Gefühle in mir zum schweigen, die
meine Maske zerbrechen wollen.
Bitte bring all dies zum schweigen, damit ich nicht
spüren muss, dass ich lebe...
Narben haben die Macht zu erinnern, dass die Vergangenheit
einmal Realität war.

Schneiden- in die Haut schneiden, die Körpergrenzen
durchschneiden, die Innenwelt mit der Außenwelt in
Kontakt bringen. Die Grenzen auflösen, grenzenlos
sein, solange, bis das Blut fliest.

Eine Narbe ist das Zeichen eines ausgetragenen
Kampfes. Versteht denn niemand, dass eine Kämpferin
Narben haben muss.

Wir benutzen den Körper, um Dinge
auszudrücken, für die wir keine Worte finden.

Rote Tränen, einfach wegspülen, so als wäre nie etwas
gewesen.

Meine Seele hat mehr Narben als mein Körper.

Der Schmerz sitzt tiefer, als du jemals Schneiden kannst.

Jeden Schmerz, den ihr mir zufügt, überbiete ich.

Wenn der Schmerz das einzigste ist, was man hat,
wird er schnell zum Freund.

Ich bin gefangen in einem Käfig namens
Körper... ich schneide ihn auf, um ihm zu entfliehen.

Sprüche über Liebe, Leid, Ritzen...Wo Geschichten leben. Entdecke jetzt