„Leonie?" „Ja, hier!" und damit bekomme ich meine heiße Schokolade in die Hand gedrückt und spaziere aus dem Laden. Mit meinem süßen Glück mache ich mich durch das Gewühl der Londoner Straßen zu meinem Arbeitsplatz. Inzwischen finde ich mich hier ohne Probleme zurecht. Vor zwei Monaten waren die neuen Straßen für mich hier sehr verwirrend! Die Karte hatte ich nicht nur einmal falsch herum gehalten, als ich versucht hatte die für mich wichtigen Wege zu finden.
Mein Abenteuer London wäre allerdings fast, innerhalb kürzester Zeit, zu Ende gewesen wäre die Autofahrerin des Autos nicht so aufmerksam gewesen, als ich beim Überqueren der Straße in die falsche Richtung geschaut hatte. Der Schreck war also das Einzige was mir zustieß. Daraufhin schwor ich mir immer in beide Richtungen beim Kreuzen einer Straße zu schauen.
Trotz all der Anfangsschwierigkeit liebe ich diese Stadt. Sie ist mein neues Zuhause und die Straßen, wunderschönen Plätze, Grünanlagen und Gebäude riechen für mich nach Neuanfang und Abenteuer. Ich atme tief ein und aus. Gerade war wieder ein Regenschauer über die Großstadt gezogen. Nun ist die Luft wieder besonders klar und rein, ich genieße diesen Geruch von Frische noch einen kleinen Moment, dann öffne ich in die Tür der Kindertagesstätte im Herzen von London und trete ein.
Die kleine Sarah fällt mir in die Arme sobald ich in meinem Gruppenraum ankomme. Behutsam streiche ich ihr über ihren kleinen Rücken bevor sie sich von mir löst. Ein kleines Lächeln bereitet sich dabei auf meinen Lippen aus. Seit fast einem Monat arbeite ich jetzt nun schon im Deutschen Kindergarten in London. Wer hätte gedacht, dass ich mein Glück im Beruf hier finden würde, nachdem ich mein eigentlich geplantes Studium nach meinem Au-Pair- Jahr in Amerika nicht beginnen konnte. Zwar hatte ich nur einen Jahresvertrag aber ich fühlte mich hier in der Stadt, dem Land, meiner Wohngemeinschaft und meiner Arbeit so wohl, dass ich schon darüber nach dachte für länger zu bleiben. Und Deutschland war ja auch nur eine Flugstunde entfernt.
„Hast du wieder dein Lieblingsgetränk dabei?" damit reißt mich Sarah aus meinen Gedanken. Ich hatte sie wirklich in dieser kurzen Zeit in mein Herz geschlossen. „Ja aber ich glaube ich brauche bald Nachschub." Sie schnappt sich sofort meine Hand und zieht mich in die Rollenspielecke und bereitet mir in der Spielküche einen neuen zu. „Er schmeckt wie immer fantastisch. Danke Sarah!" Die Kleine strahlt mich aus ihren blauen Augen an. Es macht mich glücklich sie so zu sehen. Unsere inzwischen morgendliche Routine wird durch das Klingeln eines Glöckchens unterbrochen. Es ist Zeit für die Obstrunde am Morgen. Ich setzte mich auf meinen Platz und beobachte die Kinder an meinem Tisch. Ein fröhliches Geplapper aus Deutsch und Englisch ist zu hören. Ich blicke verträumt in die Gesichter der Kinder und schweife mit meinen Gedanken ab.
Bevor ich für ein Jahr ins Ausland, genauer gesagt nach Amerika ging, hatte ich meine Ausbildung als Erzieherin abgeschlossen. Das kam mir natürlich sehr zu Gute, als ich meine Bewerbung nach London abschickte. Trotzdem zweifelte ich daran überhaupt eine Chance zu haben angenommen zu werden. Umso mehr freute ich mich, als dann die Zusage bei mir im Briefkasten lag. Natürlich waren meine Freundinnen nicht sehr begeistert davon gewesen und auch meine Fußballmannschaft meinte, ich könnte sie nicht schon wieder für ein Jahr hängen lasse. Aber zum Schluss verstand mich dann doch jeder, dass ich noch nicht im normalen, tristen Arbeitsalltag versinken wollte. Dies konnte ich mir nach meinem AuPair-Jahr einfach noch nicht vorstellen. Ich hatte ziemlich großes Fernweh bekommen, sobald ich wieder deutschen Boden berührt hatte. Jeder meiner Freunde wusste dies und alle wussten auch, dass es nur eine Frage der Zeit sein würde, bis ich wieder verschwinden würde. Nur hatte keiner, selbst ich nicht, damit gerechnet, dass es so schnell gehen würde.
Nun wohne ich seit fast 2 Monaten in einer WG in London. Mit meinen Mitbewohnerinnen Holly und Lucy verstehe ich mich gut. Auch wenn ich da am Anfang doch den einen oder anderen Zweifel hatte, ob es zwischen uns dreien so gut funktionieren würde. Mit meinen besten Freundinnen und meiner Familie zu Hause in Deutschland skype ich regelmäßig. In diesem Falle liebe ich die moderne Technik extrem. Sie war in dieser Hinsicht eindeutig mehr ein Segen als ein Fluch für mich. Und das selten auftauchende Gefühl von Heimweh und die Sehnsucht, nach der Routine und dem schon altbekannten Leben, verschwindet jedes einzelne Mal innerhalb weniger Minuten, wenn mich die Gesichter meiner Liebsten auf dem Bildschirm anstrahlen.
Eigentlich ist im Moment einfach alles perfekt in meinem Leben! Ich zweifle im Augenblick nicht an meiner Entscheidung. Es scheint, als hätte ich den richtigen Weg für mich eingeschlagen. Könnte ich in die Zukunft schauen, vielleicht würde ich dann an diesem Gedanken zweifeln! Aber im Moment genieße ich jeden dieser kurzen aber perfekten Momente.
Zu dieser Erkenntnis komme ich auch mal wieder, als ich gegen 17.00 Uhr als letzte den Kindergarten abschließe. Die Sonne scheint inzwischen und für Ende Oktober gibt sie sich dafür noch einmal richtig Mühe. Ein Lächeln stielt sich auf mein Gesicht. Im Moment bin ich wunschlos glücklich. Freitagnachmittag, das Wochenende steht vor der Tür und wenn ich die Mädels richtig verstanden hatte, wollten sie mich heute Abend ein wenig ins Londoner Nachtleben einführen. Das erste Mal seit ich hier bin soll ich also durch die Bars und Clubs ziehen und diese unsicher machen. Wenn ich genau darüber nachdenke, war ich schon eine halbe Ewigkeit nicht mehr feiern. Ich vermisse es ein wenig. Es waren solche Momente in denen man das Gefühl hatte zu leben. Nicht weil ich die größte Partyqueen bin, aber egal mit wem ich zu Hause unterwegs war, es machte immer Spaß. Wenn man es genauer betrachtet, bin ich sogar ziemlich unschuldig. Vor allem wenn ich überlege, was ich auf manchen Partys schon alles erlebt und überwiegend beobachtet hatte. Ich stehe zwar nicht die ganze Nacht in einer Ecke rum und hoffe, dass der Abend einfach nur vorbei geht aber ich halte nicht viel davon, mich die ganze Zeit an völlig fremde Typen zu schmeißen und ihnen am besten noch die Kleidung im Club vom Körper zu reißen. Das wäre einfach nicht ich.
Allerdings hatte ich keine Ahnung was mich in der heutigen Nacht erwarten würde. In Deutschland behauptet man, dass die Engländer immer besonders viel trinken, wenn sie einmal unterwegs waren, und dann umso hemmungsloser feiern. Irgendwie konnte ich mir das bei meinen Mitbewohnerinnen nicht vorstellen. Schließlich kommen Beide eher aus der reichen Schicht Englands. Aber es heißt ja auch, dass der Alkohol erst so manche Hülle fallen lässt. Ich merke wie die Vorfreude in mir hochsteigt. Ich würde gerade am liebsten laut los lachen, tanzen und aus voller Kehle schreien, als die Glücksgefühle durch meine Adern rauschen. Ging allerdings schlecht hier mitten in der Innenstadt. Die Leute schienen mich jetzt schon komisch anzuschauen, da ich etwas langsamer lief und nicht so hetzte wie sie selbst alle. Meine Haut fängt an zu kribbeln und meine Fingerspitzen zucken. Langsam mache ich mich auf den Weg zur Tube. Kopfhörer in die Ohren, Musik an und Welt aus. Musik hilft mir in allen Lebenslagen und in diesem Moment hilft sie meine super Laune zu unterstützen. Erst kurz vor der Haustür ziehe ich die Kopfhörer wieder aus meinen Ohren und betrete mit einem fetten Grinsen die Wohnung.
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Vielen, vielen lieben Dank für die ersten Reads, Votes und Kommentare! :)
Ich habe mich wirklich sehr darüber gefreut und ich hoffe ich enttäusche euch jetzt mit dem 1. richtigen Kapitel nicht! Ich weiß, es ist noch nicht wirklich etwas spannendes passiert, aber ich bin der Meinung, dass es wichtig ist etwas über die Hauptperson zu wissen... Und keine Sorge, die Jungs tauchen auch bald auf!
Ich hoffe ihr begleitet Leonie noch eine Weile!
Sophie
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Leave it, love it or change it [Pausiert]
FanfictionEigentlich sollte London ein Neustart für Leonie sein. Obwohl Neustart ist wohl zuviel gesagt. Sie wollte einfach noch mal raus und nicht im Arbeitsalltag verrotten. Und am Ende ist es eben Englands Hauptstadt geworden. Da wollte sie sowieso schon i...