Whisky hatte recht – als wir nach einer halben Stunde Fahrt, in der ich mich fürchterlich aufgeregt hatte, während sie Gas gegeben und immer mal wieder den Kopf geschüttelt hatte, auf einem Rastplatz hielten, um die Lage zu prüfen standen wir vor einem kackbraunen 1978er Cadillac Seville.
Zumindest behauptete sie das, und sie behauptete auch, dass sie es ja wissen müsste. Und ich beschloss einfach, nicht nachzuhaken. Aus irgendeinem Grund fand ich das sogar recht logisch. Whisky sah aus wie jemand, der Vieles wusste.
Und dort stand sie, die Hände in die Hüfte gestützt, die Haare milchig weiß im kalten Mondlicht, mich neben sich.
„Hm", machte sie.
„Sehr aufschlussreich", murrte ich und fing mir dafür einen bösen Blick ein.
Also beschloss ich, mich auf dem Rastplatz umzusehen. Wir befanden uns irgendwo an der Autobahn, man konnte in kurzer Entfernung die heulenden Motoren und quietschenden Reifen hören.
Trotzdem sah man nichts außer dem brüchigen Asphalt des Platzes, riesigen LKWs und Tannen, einem ganzen kleinen Tannenwald.
„Was machen wir jetzt?", fragte ich nach einer unbestimmten Zeit des Schweigens zwischen uns.
Whisky zuckte die Schultern lehnte sich nach vorne und stützte die Arme auf das Dach des Cadillacs nur um sich dann wieder zu bücken und sich auf den Fahrersitz zu schwingen.
Kopfschüttelnd trat ich an ihre Seite und steckte den Kopf in den Wagen.
„Was?", fragte sie.
„Was wir jetzt tun?"
„Gibt es da denn 'ne große Auswahl?"
Ich zog die Augenbrauen zusammen und musterte sie, denn was auch immer für sie so offensichtlich schien, war für mich ein Rätsel.
Hatte sie wirklich vor, das Auto zu klauen? So richtig, mit neuem Nummernschild und so? Oder war es für sie klar, dass wir zurückfahren würden?
Dann würde sich allerdings die Frage stellen, warum sie überhaupt erst eine Stunde herumgefahren war.
Sie seufzte, wahrscheinlich war ich schon wieder kurz weggetreten.
„Wir hauen jetzt erstmal ab, du Idiot. Suchen einen Platz, an dem wir das Auto lassen können. Und dann sehen wir zu das wir aus dieser Scheiße sauber rauskommen."
„Achso, ja klar. Natürlich, warum bin ich da nicht gleich drauf gekommen?", erwiderte ich augenrollend und umrundete den Wagen, um auf dem Beifahrersitz einzusteigen.
Langsam ging mir diese Whisky nämlich gehörig auf die Nerven, mit ihren bissigen Kommentaren und ihrer Besserwisserei.
Ich meine gut, ich hatte uns das eingebrockt, aber trotzdem. Ich hatte die Kiste Bier ja nicht mit Absicht geklaut. Und das Auto auch nicht. Genau genommen, hatte ich nicht einmal beschlossen, irgendetwas zu klauen, das war sie gewesen.
Sobald ich gemerkt hätte, was los gewesen war, hätte ich wahrscheinlich angehalten oder mich übergeben oder so. Ich war gar nicht der Typ für sowas. Und während ich so aus dem Fenster starrte, meinen Blick über die Tannen am Straßenrand, den schmutzigen Asphalt im Schein unserer Scheinwerfer und den verhangenen, sternlosen Himmel schweifen ließ, setzte sich ein sehr lauter und sehr kindischer Gedanke in meinem Kopf fest – ich wollte nach Hause.
Oder wenigstens in Whiskys Truck sitzen. Ohne den geklauten Alkohol vorzugsweise. Sogar bei der Party, neben der vergnügten Hester wäre ich tausend Mal lieber gewesen.
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Whisky
Novela JuvenilDank einer Reihe unglücklicher Missgeschicke findet sich Thomas mitten in der Nacht neben der forschen Holland, die von allen nur Whisky genannt wird, auf dem Beifahrersitz eines klapprigen Cadillac Seville wieder. Und um dem Ganzen noch die Krone...
