10 Jahre später
Die Uhr im Büro schlägt gerade neun Uhr, als die Türe aufgeht. Lyn ist gerade dabei, ihre braunen Haare mit den grauen Strähnen hochzustecken, während ihr Computer hochfährt. Die Türe knallt zu, weswegen sie genervt ihre Augen schließt.
„Was willst du denn schon wieder hier?"
Ein junges Mädchen mit langen, weißen Haaren und einem ernsten Gesichtsausdruck bleibt vor der Theke stehen, welche den Bürobereich vor dem neu angebauten Wartebereich trennt. Sie sieht Lyn streng an und seufzt.
„Ich hab keinen Bock mehr auf die Weiber zuhause...."
„Rosalie!"
Lyn haut mit ihrer Faust auf ihren weißen Tisch, sodass dieser bedrohlich zu knacken beginnt.
„Das ist jetzt die 15. Pflegefamilie... Du hast bald die ganze Stadt durch!"
„Ich hab keinen Bock von wildfremden Leuten adoptiert zu werden.... Irgendwo da draußen wartet meine Mum auf mich, ob du Schrulle mir das glaubst oder nicht..."
Lyn seufzt und dreht sich zu ihr um.
„Kannst du beweisen das deine Mutter lebt?"
Ihre Stimme klingt genervt, da sie diese Situation alle paar Monate durchmachen muss. Da Rosalie nichts sagt, nickt sie.
„Deshalb such ich dir jetzt neue Eltern..."
„Bleib mir von Leib, ich hab besseres zu tun als eine nach der anderen zu verjagen...."
„Und das wäre? Hast du nicht Schule?"
Rosalie schüttelt ihren Kopf.
„Erst in zehn Minuten.... Und die brauch ich um dir klar zu machen das ich meine eigene Wege gehe!"
„Und was willst du tun?"
Rosalie sieht sie eiskalt an. Lyn lässt nicht locker und erwidert ihren Blick.
„Was ist nur aus dir geworden.... Das erste Mal bist du so lieb mit deinen ersten Eltern hier weggegangen...."
„Das waren Psychos...."
Sie schüttelt ihren Kopf und sieht Lyn finster an.
„Keine neuen Eltern, klar? Ich vertreib sie sonst wieder...."
Lyn nickt und sieht, wie Rosalie wütend marschierend das Büro verlässt.
„Von wegen, ich hab da ein sehr resolutes Paar das keine Widerworte duldet... Vielleicht bist du für sie geschaffen..."
Finster grinsend nimmt sie ihr Telefon in die Hand und ruft das Paar an. Rosalie läuft währenddessen schlecht gelaunt an den Häusern links von sich vorbei, bis sie eine kleine Allee erreicht. Sie durchquert den Park und holt aus ihrer blauen Umhängetasche das Spiegelstück hervor. Seufzend betrachtet sie es. In den ersten Jahren, nachdem sie die ersten Male adoptiert wurde, hat sie nichts mehr gesehen. Doch seit einigen Wochen sieht sie immer wieder eine Stadt im Untergrund. Der Junge, den sie vor 10 Jahren im Büro gesehen hat, hat sie seit heute nicht wieder gesehen.
„Wenn ich nur wüsste wozu du gut bist... Und wieso du mir verdammt nochmal diese dunkle Stadt zeigst...."
Seufzend verlässt sie den Schotterweg und richtete in letztes Mal ihre schneeweißen Kniestrümpfe und ihren blau karierten Faltrock, bevor sie den großen, verlassenen Pausenhof erreicht. In den Fensterscheiben der Aula betrachtet sie ihre weiße Bluse, welche sie über ihren Rock trägt. Rosalie öffnet die große, geschwungene Glastüre und betritt die graue, triste Aula. Sie läuft auf die Treppen auf der linken Seite zu und läuft in den ersten Stock. Dort folgt sie auf der linken Seite dem grau-grünen Flur, bis sie ein letztes Klassenzimmer auf der linken Seite erreicht. Von drinnen ertönen laute, schrille Stimmen. Sie öffnet deshalb die Türe und tritt ein.
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The Girl with the Mirror
FantasyErinnerungen sind etwas, was jeder Mensch besitzt. Ob schön, traurig, böse oder gut. Jede Erinnerung ist etwas, das diesen Menschen besonders aufgewühlt hat. Etwas, das ihm im Gedächtnis blieb. Etwas, an das er sich erinnern kann, selbst wenn Jahre...