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a.e

„Es macht dir wirklich nichts aus?"

Lea seufzte. Ihre Mutter fragte sie das nun schon zum vierten Mal, und das allein heute. Insgesamt hatte Lea diese Frage garantiert schon Hundert Mal mit 'Es macht mir nichts aus' beantwortet, und jetzt wäre es ohnehin zu spät, sich umzuentscheiden. Schließlich hatten sie schon gepackt und den Flieger nach Dublin schon gebucht.
Davon abgesehen war es die falsche Frage. Was sollte das Lea schon ausmachen? Die paar Monate in Irland? Darauf freute sie sich eher. Sie hatte immer mal im Ausland zur Schule gehen wollen und die Sprache war auch kein Problem.
Schließlich war sie zur Hälfte Irin und hatte Englisch mit ihrem Vater und Deutsch mit ihrer Mutter gesprochen.

Aber die Trennung von ihrer Mutter? Sie und ihre Mutter waren einander in den vergangenen zwei Jahren sehr nahegekommen.
Manchmal etwas zu nah. Besonders in letzter Zeit hatte ihre Mutter sie nicht aus den Augen gelassen. Lea stöhnte innerlich, wenn sie nur daran dachte. Es war sicher gut, das abzubauen.
Blieb der Aufenthalt in der neuen Familie ihres Vaters und da hatte sie ihre Ängste. Lea war sich jetzt schon sicher, dass sie die Frau von ihrem Vater nicht leiden könnte.

Lea war jedenfalls entschlossen, die Reise als Abenteuer zu betrachten. Alles war besser, als weiter mit ihrer Mutter in der leer wirkenden Wohnung Trübsal zu blasen.

„Es macht mir wirklich rein gar nichts aus!", erklärte Sie also nochmals und gab ihrer Mutter einen Abschiedskuss auf ihre raue Wange.

„Ganz im Gegenteil, es wird mir bestimmt großen Spaß machen. Also vergiss mich jetzt einfach und freue dich auf Amerika! Du hast einen großartigen Job in einer richtig coolen Firma, und wenn du wieder da bist, wirst du die größte Filiale in Deutschland leiten. Du machst Karriere, und das werde ich Papa jeden Tag aufs Brot schmieren, wenn er die Klos auf dem Campingplatz von seiner Irina saubermacht."

Über das Gesicht von Leas Mutter zog sich ein Grinsen. Ein bisschen traurig, aber auch schadenfroh. Zuhause in Pforzheim hatte Leas Vater in einem Reisebüro gearbeitet. Seine Begabung hielt sich in Grenzen.
Laut ihm würde er jetzt als "Manager" arbeiten. Darüber konnten Lea und ihre Mutter nur lächeln. Bislang hatte seine neue Frau und der Vater den Betrieb schließlich mühelos allein geführt, ohne Helfer.

Lea nutzte den Moment für einen Tränenlosen Abschied. Sie drückte ihre Mutter noch kurz an sich, griff dann nach ihrer Tasche und verschwand durch die Sperre. Während der Sicherheitskontrolle winkte sie ihrer Mutter noch einmal zu und dann war es glücklich überstanden. Ihre Mutter wandte sich ab und schien sich dabei recht stark zu halten.

Lea atmete auf. Eine Tränenflut hätte sie heute auch nicht verkraftet. Das hatte sie in den Wochen nach der Trennung von ihrem Vater schließlich oft genug durchgemacht. Ihre Mutter heulte dabei damals täglich, während Lea selbst in eine Starre gefallen war. Das Ganze war einfach zu plötzlich gekommen.

Lea schlenderte durch die Auslagen im 1-Euro-Shop und dachte noch einmal an diese schrecklichen Wochen vor 2 Jahren.
Genau hier, am Flughafen Stuttgart, hatten Sie damals ihren Mann und Vater verabschiedet. Eine Woche wollte er wegbleiben ... Ein Kongress in Galway. Mutter, Lea und Vater hatten gelacht, sich umarmt und ihr Vater hatte davon gesprochen, dass die nächste Irlandreise ganz sicher ein Familienurlaub sein sollte. Vielleicht auf einem Boot den Shannon hinauf fahren.
Ihr Vater scherzte über Feen, Kobolde, Vampire oder gar Werwölfe in seiner alten Heimat. An diesem Tag waren sie alle noch glücklich gewesen. Aber schon am nächsten Abend hatte ihre Mutter begonnen, sich Sorgen zu machen. Schließlich rief ihr Mann sonst täglich an, wenn er unterwegs war. Nun aber herrschte Funkstille und sogar sein Handy war ausgeschaltet. Während der gesamten restlichen Woche hatte Lea und "seine Frau" ihn nur einmal erreicht und da war er seltsam und einsilbig gewesen.
Schließlich erhielten wir eine SMS, die verkündete, dass er vier Tage länger wegbleiben würde. Und dann folgte die "schockende" Erklärung: Als er endlich wiederkam, hatte ihr Vater noch auf dem Weg von Irina erzählt, seiner russischen Jugendliebe. Er hatte sie zufällig in Galway wiedergetroffen und nach seinen Angaben hatte es direkt wieder "gefunkt". Irina hatte ihn verzaubert- 'verhext', wie Leas Mutter es später ausdrückte, er hatte sich einfach verliebt wie niemals zuvor. Irina Svaroka und Patrick Herzog, davon war er fest überzeugt, waren für einander bestimmt!
Patrick Herzog fand an diesem Abend sehr viele "schöne" Worte für die einfache Tatsache, dass seine Familie ihm sehr plötzlich im Weg stand. Lea und ihre Mutter sollten das bitte nicht persönlich nehmen, aber es gäbe eben mehr Dinge zwischen Himmel und Erde...
Ihr Vater schwebte auf Wolke 7 und Leas Hoffnung, er würde vielleicht vor der Scheidung zur Besinnung kommen, erfüllte sich leider nicht.

Leas Flug wurde aufgerufen und sie ließ sich im Strom der Reisenden treiben. In Stuttgart begann am Montag die Schule wieder, in Irland in einer Woche. Lea war gespannt auf die Highschool im ländlichen Roundwood. Sie würde die neunte Klasse besuchen, ein halbes Jahr lang... vielleicht auch ein ganzes, falls es ihr bei Patrick und Irina gefiel. Ihre Mutter jedenfalls würde ein halbes Jahr in Boston verbringen - am amerikanischen Hauptsitz der großen Computerfirma, für die sie arbeitete. Für Kara, ihre Mutter bedeutete das einen erheblichen Karrieresprung, zumindest finanziell war sie nicht auf diesen Herzensbrecher angewiesen. Das war zwar nur ein kleiner Trost, aber es hatte sie nach der Trennung doch wieder aufgerichtet. Wenigstens in ihrer Firma wusste man sie zu schätzen. In gewisser Weise erfüllte es ihrer Mutter doch mit Schadenfreude, dem jungen Glück erstmal ihre Tochter auf den Hals zu hetzen. Irina war garantiert nicht froh zu erfahren, dass seine Tochter sie mindestens ein halbes Jahr beglücken darf.
Lea lächelte grimmig.
Viel Offenheit hatte Irina nicht von ihr nicht zu erwarten.

Lea flog erst zum zweiten Mal in ihrem Leben, empfand den Flug trotzdem als nicht langweilig. Außerdem wuchs mit der Entfernung von ihrem alten Leben die Freude darauf, ihren Vater wiederzusehen. Sosehr sie mit ihrer Mutter über ihn geflucht, geschimpft und geweint hatte, vermisst hatte sie ihn doch. Mit ihm war der Alltag einfach lustiger und lebensfroher gewesen. Er nahm das Leben immer locker und war damit relativ erfolgreich. Seine Arbeit in dem Reisebüro hatte Patrick Herzog immer Spaß gemacht. Er hatte immer viel zu erzählen, über Kunden und ihre Sonderwünsche. Lea lächelte, wenn sie daran dachte, und verzog das Gesicht bei den Erinnerungen an die vergangene Zeit.

Als der Flieger schließlich gelandet war, stolperte sie den langen Weg bis zur Gepäckausgabe. Einen grauen, beschmutzten Gang lief sie entlang, sie sollte sich besser etwas frisch machen bevor sie ihren Vater nach Guten zwei Jahren wiedersieht. Sie stieß die Tür auf und trabte zum Spiegel, um festzustellen das sie genauso aussah wie nachdem sie gerade aufgewacht ist.
Verschlafen, stinkig und verschwitzt.
Aber da sie doch weniger Zeit hatte als gedacht konnte sie nur kurz ihren Pulli auf ihren Platz zu zupfen und die Jeans gerade rücken.
Mit seufzen verließ sie wieder die stinkende Bahnhofs Toilette. Sie stellte sich Vaters lächeln bei ihrem Anblick vor. Er war immer stolz auf sie gewesen und hatte sie 'Engel' genannt. Lea lief mit leichtem Lächeln wieder zurück zur Gepäckausgabe...

Als sie den Wagen mit ihren Koffern endlich in den Mittelpunkt der Hallen schob, sich umschaute aber nirgends das braune Haar von ihrem Vater erblicken konnte, wurde ihr Blick genervt. Er schien sich verspätet zu haben, oder hat er die Zeit vergessen in der das Flugzeug ankam? In Irland war es eine Stunde früher als in Pforzheim und dann war ja noch die Sache a.m. und p.m. Ob er sie vielleicht am Abend erwartet hatte? Aber er sollte sich doch mit der Zeit im eigenen Land auskennen!
Unschlüssig schaute sie sich um.
Sie hatte keine Telefonnummer und auch keine Handynummer.
Verdammt, warum hatte sie sich bloß seine Nummer nicht geben lassen!

Während Lea noch unglücklich in der Gegend starte, kam ein junger Mann auf sie zu. Er war blond und alles andere als muskulös, der Typ trug um seinen Hals ein Schild.

Verwundert las Lea ihren Namen: Lea Herzog. Und jetzt hatte der Junge sie auch erreicht.
„Sorry, bist du das vielleicht? „sprach er sie an und zeigte auf das Schild.
Lea nickte verwirrt. "Aber... Ich... Ich warte auf meinen Vater."
Der Junge grinste. „Dein Vater konnte nicht kommen. Irgendetwas mit einer Lady... Jedenfalls hat er mich gebeten, dich abzuholen. Ich bin Alan, ich arbeite auf dem Campingplatz. Soll ich dir das Ding abnehmen?" Grinste er und zeigte auf die fünf Koffer.
Lea nickte und überließ Alan das Gefährt.
„Reichlich Platz für dein Zeug." grinste Alan. "Man würde denken nachdem, was du mitschleppst, du würdest ein halbes Jahr bleiben..."
„Werde ich ja auch..." Der Wechsel ins Englische wurde langsam einfacher. Nachdem sie Alan kurz erklärt hatte, dass sie während des Aufenthalts ihrer Mutter in Amerika in Irland bleiben würde, hatte sie sich ganz auf die Sprache eingestellt.

„Und du?" fragte sie schließlich. "Bist du aus Roundwood?"
Alan schüttelte den Kopf. "Ja und nein. Ich bin zwar da geboren, aber vor ein paar Jahren nach Dublin gezogen. Dort studiere ich Musik."
„Also ist das hier bloß ein Ferienjob?"
"Ja und nein." "Ich werde hier auch bleiben bis das Studium wieder anfängt, bis dahin genieße ich die frische Luft und die Landschaft. Es ist schön, wird dir gefallen."
"Internet?"
Alan runzelte die Stirn. "Ja aber bei dem Wetter kann es schon mal ausfallen... Guck nicht so panisch!" Er grinste ihr zu.

Alan steuerte den Bus aus den Vororten von Dublin heraus in eine andere Richtung. Für die Fahrt würden sie wahrscheinlich zwei Stunden brauchen. Lea seufzte. Noch ein Mitbewohner, mit dem sie sich verstehen musste. Wenigstens war Alan nett.

A für AlphaWo Geschichten leben. Entdecke jetzt