»Kaffee?«
»Kaffee!«
Leiza Smallwood hielt ihrer Tasse der Bedienung im Wonder Portland Diner entgegen und ließ sich erneut einschenken.
Sie musste wach bleiben. Schlafen wäre Zeitverschwendung und Zeit hatte sie, weiß Gott, nicht genug. Jede Minute zählte.
»Kann ich Ihnen sonst noch etwas bringen, Miss?«
Leiza schüttelte den Kopf, nahm einen großen Schluck von dem laschen Kaffee, der mehr wie schmutziges Spülwasser aussah (und auch so schmeckte), und beugte sich über die Unterlagen des Anwaltes.
Joseph Rèul Petersen war der beste Anwalt, den es in Portland gab. Leiza hatte ihn beinah beknien müssen, dass er sich ihr Anliegen anhörte.
Doch dann hätte er es getan und ihm gefiel der Fall. Er gefiel ihm so sehr, dass er Leiza ein Angebot machte, bei dem sie beide etwas davon hätten.Petersen habe einen befreundeten Journalisten, der sie begleiten würde und alles dokumentieren solle. Bei Erfolg solle er es veröffentlichen, bei Misserfolg würde Leiza alles erhalten. Dafür müsse sie nur die Hälfte der Anwaltskosten übernehmen. Die Reisekosten übernehme ebenfalls die Kanzlei.
Leiza fühlte sich als erstes betrogen, als würde sie ihren Bruder verkaufen. Doch das Angebot war zu verlockend. Also schlug sie ein.
Doch jetzt kurz vor dem Aufbruch überkamen sie Zweifel. Große Zweifel.
Leiza schüttelte den Kopf und nahm erneut einen Schluck Kaffee (Fehler!) und begutachtete noch einmal das Profil. Ihr Profil.
Petersen hatte ihr erzählt, wie schwierig es teilweise werden würde, durch Malaysia zukommen. Einige Orte seien gastfreundlich, andere würden versuchen sie mit Gewalt wieder loszuwerden.
All das, hatte Leiza nicht davon abgehalten. Sie wollte das tun. Sie musste das tun. Für ihrer Eltern. Für sich selbst. Und vor allem für ihren Bruder.
Er war der Hauptgrund, er war das Anliegen. Ihn galt es zu retten.
Leiza seufzte, als sie das Bild von sich und Lentil betrachtete. Es sollte ihr Motivator sein, so hätte Petersen es ausgedrückt, etwas, dass sie daran erinnerte für was sie das machte.
Es zeigte sie beide, kurz bevor er verschwand. Sie waren an dem Tag einkaufen gewesen, für Lentils Abschlussball. Er wollte sich einen eleganten Smoking kaufen und brauchte ihrer Hilfe. Seine Freundin, Marie-Lu, hatte ihm gesagt, sie gehe nur dort hin, wenn er sich ein bisschen in Schale schmeißen würde.
Also hatte er Leiza um Hilfe gebeten. Sie kannte sich gut damit aus. Es war ein toller Tag geworden. Anfangs lehnte Lentil sämtliche Smokings ab und machte abfällige Bemerkungen über den Schnitt und dass er ja aussehe wie ein Pinguin, doch dann wurde es netter.
Er hatte einen gefunden und seine kleine Schwester zum Kaffee und Kuchen eingeladen, um sich mit ihr mal ernst zu unterhalten. Immerhin würde er bald weg sein und wollte sicher gehen, dass sie das kleine 1x1 beherrschte. Keine Partys ohne Alkohol. Schlafen in der Schule, nur wenn eine Party stattgefunden hat. Und: kein Sex ohne Kondom.
Irgendwann zwischen dem Kuchen und dem ernsten Gespräch, war dieses Foto entstanden.
Auch wenn Lentil nie zu seinem Abschlussball gegangen war, hatte sie Spaß an diesem Tag - mehr als an irgendeinem anderen.
Sie steckte das Foto zurück in die Innentasche ihrer Jacke und klappte den Ordner zu.
Petersen hatte sie versetzt. Er wollte kommen, um ihr weitere Anweisungen zu geben. Immerhin würden sie bald los fliegen. Doch er war nicht aufgetaucht, und das verärgerte sie.
Doch vielmehr verunsicherte es sie. Bisher hatte der Anwalt noch nie einen Termin außer Acht gelassen. War immer pünktlich und vorbereitet.
Sein Fernbleiben konnte dementsprechend nichts Gutes bedeuten.
»Möchten Sie bezahlen, Miss?«, fragte die Kellnerin und schenkte Leiza ein Lächeln.
Trinkgeld würde sie trotzdem nicht viel bekommen, dachte sie und legte einen zehn Dollarschein auf den Tisch. Bei einem Kaffee und dem Sandwich, dass sie schon hatte, von neun Dollar und achtundsechzig Cent, kam für die Bedingung nicht mehr viel rum.
Einerseits tat es Leiza leid, aber andererseits hatte sie selbst nicht genug um damit um sich schmeißen zu können.Sie zog den Mantel enger um sich, als sie das Diner verließ und klemmte die Akte unter ihren Arm.
Anfang Oktober war es in Portland schon kalt genug um ohne Jacke zu frieren. Doch heute war es auch noch windig und ein leichter Nieselregen fiel aus den Wolken.
Leiza Smallwood eilte die 56. Straße entlang und betete zu Gott, dass sie noch trocken zu Hause ankommen wolle.
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Broken Strings
AdventureAcht Jahre sitzt der Bruder von Leiza Smallwood bereits im Todestrakt eines malaysischen Gefängnisses - unschuldig! Jetzt macht sich seine Schwester auf den Weg um ihn zu holen. Was anfangs leicht erscheint, wird immer schwieriger. Je weiter sie ins...