Kapitel 3

60 7 6
                                    

Kapitel 3

Melody stolperte und fiel natürlich direkt aufs Gesicht. Zum vierten Mal an diesem Tag. Stöhnend stand sie wieder auf und versuchte, die Wurzel, über die sie gestolpert war, von ihrem Schuh zu lösen. Wieso gab es überhaupt vorstehende Wurzeln? Das war doch dämlich und wenn man wegen seiner Zerstreutheit sowieso schon zum Stolpern tendierte, waren solche Wurzeln tödlich Fallen.

Sie ging weiter und verfluchte dabei denjenigen, der auf die Idee gekommen war, herausstehende Wurzeln in den Wald zu setzten. Das war eindeutig nicht Melodys Tag.

Sie blieb stehen und drehte sich ein Mal um ihre eigene Achse, ihr Blick schweifte über einen endlos scheinenden Nadelwald. Alles sah gleich aus. Dann würde sie einfach in irgendeine Richtung gehen, sie hatte sich sowieso schon vor Stunden verlaufen.

Sie setzte sich in Bewegung, blieb nach wenigen Metern aber wieder stehen und runzelte die Stirn. Eigentlich müsste sie ja immer einfach nur geradeaus gehen, dann würde sie irgendwann schon zu einem Ende kommen. Wie sie sich kannte, würde sie an der falschen Seite des Waldes landen, aber es war schon mal ein Anfang. Und da die äußerst große Stadt Nebelburg am falschen Ende des Waldes lag, konnte sie von dort aus auch ein Schiff nehmen, dass sie direkt nach... Moment mal! Sie blieb wieder stehen und runzelte die Stirn. Sie hatte eigentlich kein bestimmtes Ziel, ihr Auftrag war es einfach nur, die Zauberformel zu finden und die konnte überall auf diesem Planeten sein.

Melody zuckte mit den Schultern und setzte sich wieder in Bewegung. Wenn sie schon kein genaues Ziel hatte, dann konnte sie sich ja auch in einer großen Stadt aufhalten, anstatt in einem Wald.

Sie blieb zum dritten Mal stehen. Da ihr Ziel nun offensichtlich Nebelburg war, würde sie wahrscheinlich auf der Seite rauskommen, auf der sie vorhin hatte rauskommen wollen. Das war ein Paradoxon!

Sie schüttelte den Kopf und ging wieder los.

„Ich sollte eindeutig mal damit aufhören, mich selbst zu verwirren“

Etliche Stunden später – es was kurz davor, dunkel zu werden – lief Melody mit eindeutig weniger Elan durch den Wald. Sie wäre gerne geschlurft, weil das weniger anstrengend war, aber dann hätte sie allen möglichen Morast vor sich her geschoben und das wäre wiederum anstrengender gewesen, als normal zu gehen. Ha ha ha! Schon wieder ein Paradoxon! Wie lustig!

Die Tatsache, dass sie das wirklich lustig fand, war äußerst beunruhigend. Vielleicht sollte sie sich doch ausruhen.

Melody führte gerade eine innerliche Debatte darüber aus, ob sie auf, oder unter einem Baum schlafen sollte, als sie gegen einen Baum lief.

Oder jedenfalls dachte sie, dass es ein Baum war. Bis er sich beschwerte.

„Was?“, murmelte Melody verwirrt und drehte sich zu dem Baum um, der keiner war.

Stattdessen war es ein alter Mann. Keiner von der Sorte, die in Schaukelstühlen saßen und Kreuzworträtsel lösten, während sie sich Kochsendungen im Fernsehen anschauten, sonder einer von der Sorte, die auch gut ein Ninja hätten sein können.

„Du bist gegen mich gelaufen“, sagte der Mann nun, „Normalerweise entschuldigt man sich in so einem Fall!“

„Was, ich bin gegen sie gelaufen?“, fragte Melody verblüfft, „Nein, da müssen Sie sich irren, ich bin überzeugt, dass ich gegen einen Baum gelaufen bin!“

Der Ninja-Opa runzelte die Stirn. „Soll ich das als Beleidigung, oder als Kompliment auffassen?“

„Ich bin also wirklich gegen Sie gelaufen? Nun, das tut mir leid.“

Das Lied der StilleWo Geschichten leben. Entdecke jetzt