Prolog

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„Mama, wo bist du?“, ängstlich schaute ich mich um. „Aiden, sei leise!“, zischte Oliver mir zu und zog mich mit sich.

Er hatte mir erzählt, dass wir einen Ausflug machen würden. Wohin, wollte er mir nicht sagen. Immer wieder schlugen mir Äste ins Gesicht. Draußen war es dunkel und kalt, eigentlich wollte ich nur im Bett liegen und schlafen. Über mir, meine alte Lampe, blau und mit  gelben Sternen. Wenn ich jetzt nach oben schaute sah ich echte Sterne und einen hell leuchtenden Mond.

„Oliver, wohin gehen wir? Ich will nach Hause“, quengelte ich und zog meinem großen Bruder an der Hand. „Komm jetzt“, flüsterte er mir zu und beschleunigte seine Schritte. Er murmelte: „Es gibt kein Zuhause mehr“

Ich sollte es wohl nicht hören. Wieso gab es kein Zuhause mehr? Zuhause war bei Mama und Papa und Oliver. Mama hatte ich seit 10 Tagen nicht mehr gesehen. Niemand hatte mir gesagt was los war. Immer wenn ich gefragt hatte, haben sie den Kopf geschüttelt und sind weggegangen.

Plötzlich fiel mir etwas Wichtiges ein: „Oliver, ich habe vergessen Molly zu füttern!“ Oliver atmete laut ein und stoppte. Langsam drehte er sich zu mir um und kniete sich vor mich: „Aiden. Wir werden nicht mehr nach Hause gehen“ „Aber Molly!“, warf ich ein. „Molly ist schon alt. Sie wird bald sterben. Und wenn wir uns nicht beeilen, werden wir auch sterben“

Geschockt sah ich ihn an: „Aber ich will nicht sterben, Oliver“ „Wir werden nicht sterben“, sagte er beruhigend und umarmte mich kurz. „Komm jetzt, wir müssen weiter“, flüsterte er in meine Haare und stand wieder auf.

„Oliver“, fragte ich ihn.

Vielleicht wusste es Oliver. Oliver wusste nämlich alles. Und er konnte alles. Wenn ich groß war, wollte ich genauso wie er sein.

„Was ist?“, fragend schaute Oliver mich an. „Was ist mit Mama?“ Olivers Augen weiteten sich und ein Anflug von Trauer zog über sein Gesicht. Ich bekam Angst. So hatte ich ihn noch nie gesehen.

„Aiden, es tut mir Leid. Mama ist bei den vielen Engeln im Himmel. Sie war schon immer einer, nur lebte sie auf der Erde. Jetzt ist sie bei ihren Freundinnen und schaut uns von dort zu“ „Wo ist Mama?“, ich schaute zum Himmel mit den vielen Sternen. „Siehst du den hellen Stern dort?“, Oliver zeigte auf ihn und ich nickte. „Das ist Mama. Und immer wenn du traurig bist, schau zu ihr rauf. Sie wird immer dort sein und auf dich Acht geben.“

Ich schaute auf den Lichtpunkt und versuchte Mama zu erkennen. Auf einmal erschein ihr Gesicht und sie flog mit riesigen, weißen Flügeln über den Nachthimmel.

„Oliver, hast du das gesehen?“, aufregend stupste ich ihn an und deutete auf Mama. „Ich sehe nichts“, Oliver schüttelte den Kopf, „Was siehst du?“ „Da war Mama“, glücklich lächelte ich, „Und sie ist geflogen. Mit großen, weißen Flügeln“

Langsam nickte Oliver und seine Mundwinkel verzogen sich zu einem Lächeln, als er mir durch die Haare strich: „Ja Aiden, das war Mama“

Through the Dark (short story)Wo Geschichten leben. Entdecke jetzt