Kapitel 1

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Langsam ging ich den kleinen Weg entlang. Links und rechts von mir wuchsen in regelmäßigen Abständen Buchen am Straßenrand. Erst seit kurzen konnte man wieder die grünen Blätter sprießen sehen. Die Luft duftete leicht nach Frühling und die Vögel zwitscherten von oben auf mich herab.

Neben mir redete Caitlin unaufhörlich auf mich ein, wie immer blendete ich ihr Gequatsche aus, nicht ohne schlechtes Gewissen verstand sich.  Vor mir machte die Straße einen Knick, von dort an würde ich allein sein.

„Hey, du hörst mir gar nicht zu!", beschwerte sich Caitlin. „Sorry, war grad woanders mit den Gedanken", endschuldigte ich mich.

Beleidigt stieß sie die Luft aus und schüttelte den Kopf: „Alannah, es ist ja nicht das erste Mal. In letzter Zeit bist du ständig mit deinen Gedanken woanders"

Mein Gewissen meldete sich zum wiederholten Mal und ich lächelte sie an: „Wird nicht wieder vorkommen Cait, versprochen"

Immer noch nichtganz überzeugt, murmelte sie etwas Unverständliches vor sich hin, ehe sie sich wieder mir zuwandte: „Ich muss jetzt rechts rum. Hast du heute Zeit?" Verneinend schüttelte ich meinen Kopf: „Du weißt doch, morgen schreiben wir Mathe."

Leise fluchend umarmte sie mich, ehe sich unsere Wege trennten. Innerlich lachte ich mal wieder meine beste Freundin aus, da sie, wie immer, eine Arbeit vergessen hatte.

Ehe ich mich versah stand ich schon vor meiner Haustür und wühlte in meiner Tasche nach dem Schlüssel. Ein flüchtiger Blick auf die Uhr verriet mir, dass meine nächsten Stunden aus Gleichungen, Brüchen und Graphen bestehen würden.

Nach drei Stunden schlug ich erschöpft mein Buch zu. Für heute sollte es genügen. Morgen vor der Stunde war ja auch noch Zeit für Wiederholen.

„Alannah! Komm mal runter!", schallte sie Stimme meiner Mutter durch das Haus und ich erhob mich seufzend von meinem Stuhl.

Bestimmt hatte Connor, mein 3 Jahre jüngerer Bruder, wieder Mist gebaut. Und ich als ältere Schwester musste es ausbaden. Mal wieder.  

„Schatz, gut das du kommst. Wir haben keine Milch mehr. Könntest du vielleicht schnell zum Shop um die Ecke laufen?" Glück gehabt. „Ja klar. Mach ich Mum", entgegnete ich fröhlich und zog mir meine Jacke von Hacken. „Geld liegt auf dem Sideboard!", rief mir meine Mutter noch hinterher. Schon im Rausgehen schnappte ich mir das Geld und schloss die Tür.

Draußen schlug mir die kalte Abendluft entgegen, die ich gleich gierig einatmete. Ein Spaziergang war nach so vielen Stunden lernen gar keine schlechte Idee. Mein Kopf musste dringend mal durchgelüftet werden und die kleinen Straßen von Mullingar waren Ideal dazu.

Allgemein war Mullingar nicht die größte Stadt und Dublin war ein paar Autostunden entfernt. Seit meine Mum hier vor etlichen Jahren hergezogen war, konnte sie nichts und niemand mehr von diesem Ort trennen. Mir war das nur Recht. Ich war hier geboren worden und liebte noch so jede Ecke an dieser Stadt. Mit seinen zahlreichen Bäumen und Parks und den kleinen, privat geführten Läden vermittelte es ein Jeder kennt jeden - Gefühl, was aber natürlich nicht stimmte.

Mullingar war durchaus eine nicht gerade kleine Stadt, wenn auch nicht so groß wie London oder Dublin.

Wir wohnten relativ am Rand des Ortes, im Südosten der Stadt in einem schönen Reihenhaus mit angrenzendem Garten. Dort lag Leyla meistens faul in der Sonne, unsere Australien Shepherd Hündin, die schon seit dem Welpen Alter zu uns gehörte.

Ich hatte damals so lange gequengelt, bis meine Eltern nachgegeben hatten und ich zu Weihnachten tatsächlich einen Hund  geschenkt bekommen hatte. Sie hatte mit einer großen, roten Schleife unter dem Weihnachtsbaum gelegen und mich mit ihren blauen Augen ängstlich angeschaut. Seit diesem ersten Augenblick war ich von ihr verzaubert gewesen und daran hatte sich bis heute nichts geändert.

Mein Bruder Connor war 13 Jahre alt und hatte seine rot- braunen Haare von unserem Vater geerbt. Meine waren hingegen gelockt und kastanienbraun. Meine Mutter, Kate, war Krankenschwester und arbeite im örtlichen Krankenhaus. Michael, mein Vater, war Mathe und Sportlehrer an der Saint Mary's Secondary School, dort wo auch ich hinging.

Es war mir unerklärlich, wie ein Mensch freiwillig ein Fach wie Mathe studieren konnte. Ansonsten war es ziemlich praktischen einen Mathelehrer als Vater zu haben, meine Noten waren demnach nicht die schlechtesten. Meine Einstellung gegenüber dem Fach änderten sie dadurch aber nicht.

Connor besuchte, wie ich auch, oft die Bibliothek, um sich verschiedene Bücher auszuleihen. Nach dem Lesen scannten wir sie in unserem Computer ein und gaben sie wieder zurück. Meine Freundin Caitlin war vor einigen Jahren auf diese Idee gekommen.

Auch wenn ich anfangs dagegen gewesen war, war es mittlerweile so normal wie das tägliche Zähneputzen geworden. Aufgeflogen waren wir noch nicht, ich hoffte mal, dass sich daran auch nichts ändern würde, denn so konnte man die Bücher am PC lesen und musste nicht immer zur Bibliothek dackeln. Ein schlechtes Gewissen hatte ich schon manchmal, aber alle haben ja ihr kleines Geheimnis.

Noch in Gedanken kickte ich einen kleinen Stein vor mich hin, bis ich auf einmal eine fremde Stimme vor mir hörte: „Hey, du! Kannst du mal damit aufhören, es nervt!"

Erschrocken blickte ich auf. Vor mir stand ein Junge in etwa meinem Alter. Vielleicht etwas älter. Er hatte mittellange, braune Haare, die ihm verwuschelte in die Augen hingen. Seine Kleidung wirkte älter, an einigen Stellen war sie schmutzig und abgenutzt. 

„Tut mir Leid", antwortete ich und wollte mich schnell an ihm vorbeidrängeln. Mit solchen Typen war es nie gut sich abzugeben.

„Sollte es dir" Genervt schüttelte ich den Kopf. Konnte man nicht einmal seine Ruhe haben? „Dürfte ich bitte vorbei?". fragte ich ihn so höflich wie möglich.

Unter seinem Pony konnte man seine Augen aufblitzen sehen: „Und wieso sollte ich es tun?" Langsam wurde es mir zu dumm.

„Weil ich es sage", antwortete  ich bissig und bereute es noch im selben Moment. Mist, wieso konnte ich mich nicht einmal zurückhalten? „Hör mal zu", er strich sich die Strähnen vor seinen Augen zurück und starrte mich an, „Wenn ich sage, du kommst hier nicht vorbei, dann kommst du es auch nicht. Verstanden?"

Ein immer größer werdender Kloß bildete sich in meinem Hals und ich schluckte mühsam. Dieser Typ machte mir Angst. „Ich habe gefragt, ob du mich verstanden hast!", zischte er mir zu.

Unter seinem Blick schrumpfte ich immer weiter und nickte leicht. Wo waren die ganzen Teenie Mütter mit ihren Knirpsen, wenn man sie mal brauchte?

Zufrieden stellte er sich wieder aufrecht hin und sah auf mich herab: „Was macht so ein unschuldiges Mädchen wie du um diese Uhrzeit hier draußen?"

Was dachte der sich denn bitte? Ich meinte, ich war doch kein 12 Jähriges Mädchen und außerdem war es erst kurz vor 8. Da ich eh schon bis zum Hals in Schwierigkeiten steckte, war es mir redlich egal, wie der Typ reagieren würde:

„Hallo?! Es ist erst 8 pm, aber wenn es für dich schon so spät ist, dann ok" Seine gerade noch grünen Augen verdunkelten sich blitzartig.

Oh – oh, war doch keine so gute Idee gewesen. Ich endschied mich für die einfachste Möglichkeit, weg rennen. In der nächsten Sekunde hatte ich mich um 180° gedreht und fing an zu rennen. Weg von ihm, nur weg.

Im Hintergrund hörte ich ein tiefes Lachen, gefolgt von einem Ausruf, der sich wie ein Schlag in die Magengrube anfühlte: „Wir sehen uns dann morgen, Alannah!"

Woher kannte er meinen Namen?

Through the Dark (short story)Wo Geschichten leben. Entdecke jetzt