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Nachdem wir zwei weitere Tage unterwegs waren, trennten uns nur noch wenige Stunden von Winterfell. Das Gefühl in meiner Magengegend nahm mir fast die Luft zum Atmen, und würde ich es nicht besser wissen, hätte ich gesagt ich hatte Angst.

Das einzige was mich im Moment an Zuhause erinnerte, war ein Brief von Vater an Lord Bolton, den Vater mir kurz vor meiner Abreise gab. Vermutlich ein Vertrag, der das Bündnis bestätigte. Misstrauen war bei den Boltons eben mehr als angebracht.

Wir ritten um einen schneebedeckten Hügel und schon stach mir Winterfell ins Auge. Die Reise verging eindeutig zu schnell. Ich hätte versuchen sollen zu fliehen, auch wenn ich damit vermutlich eine große Schande über meine Familie gebracht hätte. Aber Egoismus war leider keine meiner ausgeprägten Eigenschaften.

Einer der Eisenmänner schlug gegen das schwere Holztor. Ein Knarren ertönte einige Sekunden später, schon wurde uns Einlass gewährt. Langsam ritt ich hinter den Männern her und blickte mich angespannt im Hof um. Überall blickten mir fahle, hauptsächlich männliche Gesichter entgegen. Fieberhaft versuchte ich Theon unter ihnen auszumachen, jedoch konnte ich ihn nirgends entdecken. Stattdessen erregte Roose Bolton meine Aufmerksamkeit.

"Herzlich willkommen, Lady Graufreud."

Elegant stieg ich vom Pferd und strich mein Kleid glatt, ehe ich den Lord begrüßte.

"Lord Bolton."

Dafür, dass er mindestens vierzig sein musste war er ziemlich attraktiv. Für diesen Gedanken hätte ich mich am liebsten sofort selbst geohrfeigt. Er und sein Bastard waren die Feinde. Sie hatten Theon entmannt und dafür würden sie büßen, ob es nun in Vaters Sinn war, dass ich mich rächen würde oder nicht. Ich war schon immer ehrgeizig wenn es um meine Familie ging.

"Ich hoffe ihr hattet eine, den Umständen entsprechend angenehme Reise. Wir haben von den Komplikationen mit eurer Kutsche gehört." Ich nickte nur und ließ meinen Blick zu dem Mann neben ihm wandern. Er war gerade dabei mich ausgiebig zu mustern. Vielleicht hätte ich ein höher geschlossenes Kleid anziehen sollen, das flaue Gefühl verstärkte sich in diesem Moment ums Zehnfache.

"Mein Sohn, Ramsay Bolton."

Mit einem Grinsen im Gesicht trat der Schwarzhaarige vor und hauchte mir einen Kuss auf den Handrücken. Unwillkürlich wollte ich meine Hand entziehen, doch seine kalten Finger griffen nach ihr und er blickte mich durchdringend an, ehe er sie nach einer Millisekunde wieder losließ.

"Schön, dass ihr endlich angekommen seid, Mylady."

Ich erwiderte darauf nichts sondern lächelte ihm kurz gezwungen zu. Er machte mir Angst, ich konnte es nicht bestreiten.

"Ihr müsst sicher hungrig und erschöpft von der langen Reise sein. Wir haben bereits ein Zimmer für euch vorbereiten lassen. Tansy, würdest du Lady Graufreud bitte ihr Gemach zeigen?" Der Schwarzhaarige ließ mich während er redete nie aus den Augen.

Ein zierliches, blondes Mädchen trat aus der Menge hervor und verneigte sich kurz vor mir.

"Folgt mir, Mylady." Ihre Stimme klang, wie die eines höchstens zehnjährigen Mädchens, allgemein war das einzige, was mich sie auf ca. 17 schätzen ließ, ihr merkwürdiger Ausdruck in den Augen.

"Eine Sache noch; ein Brief von meinem Vater", sagte ich trocken und überreichte ihn dem älteren Bolton, ehe ich Tansy folgte.

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