„Aufstehen, Schlafmütze!" Als sie aufwachte, sah sie ihren Vater, der, wie jeden Morgen, im Türrahmen stand. Genervt zog sie sich die Bettdecke über den Kopf. „Es ist Samstag! Wieso weckst du mich um halb neun?", meinte sie schlecht gelaunt. „Ich wollte dich nicht stören", entschuldigte er sich, „aber es gibt einen neuen Fall auf dem Revier..." „Warum sagst du das denn nicht gleich?", fragte sie empört während sie aus dem Bett sprang und ins Badezimmer rannte. Langsam schlenderte ihr Vater hinterher und meinte am Badezimmer angekommen: „...und du musst deine Freundin abholen." Sie nahm ihre Zahnbürste wieder aus dem Mund und meinte verzweifelt: „Schon wieder?! Was hat sie diesmal angestellt?" „Ich denke das wird sie dir schon selber erzählen. Beeil dich bitte." „Jaaaaa", hallte es noch aus dem Badezimmer, als sie gerade die Tür zufallen ließ. Ein paar Minuten später war sie auch schon fertig und betrachtete sich noch einmal im Spiegel. Was sie sah war eine schlaksige 16-Jährige, mit dunkelblonden Haaren, blauen Augen unter dunklen, buschigen Augenbrauen, schmalen, blassroten Lippen und leichten Sommersprossen auf den Wangen. Sie war relativ bleich und fand, manchmal sah sie aus wie ein Vampir. Das war sie: Cyra Brown. Sie lebte in der Lane Road in einem Apartment mit ihrem Vater, welches sich im zweiten Stockwerk des weißen Hauses mit den auffälligen schwarzen Schriftzügen und dem dunkelroten Dach befand, das jedem Passanten sofort ins Auge sprang, weil es aussah wie die Seite eines Buches. Im Erdgeschoss war mal eine Bücherei gewesen, die jetzt jedoch geschlossen war und eher als Eingangshalle diente. Nun hatten nur noch die Mieter des Hauses Zutritt. Da die Vormieter die Bücherei nicht ausgeräumt hatten, weil sie ihr Geschäft auch nirgendwo anders weiterführen wollten, hatte dies auch niemand der Bewohner getan. Also hatten die Mieter nun ihre eigene Bücherei. Außer Cyra und Professor Jorden aus dem vierten Stock, benutzte sie aber kaum jemand. Die meisten gingen lieber in Stadtbibliothek, da diese „sortierter, übersichtlicher und nicht so heruntergekommen" war. Cyra fand jedoch, die Bücherei im ersten Stock hatte eine viel breitere Fassette an Büchern, und der Typ aus dem vierten, war schon immer komisch gewesen. Er liebte alte Gebäude und Orte an denen man allein und ungestört war. Cyras Vater war Polizist und schon mit sieben Jahren wollte sie immer mit aufs Revier kommen, wenn es einen neuen Fall gab, jedoch durfte sie die Tatorte erst sehen seitdem sie 13 war. Sie hatte schon bei mehreren Fällen mitgewirkt. Meist half sie beim Verhör und hatte schon den einen oder anderen Psychotrick gelernt. Es war wie ein Hobby für sie geworden. „Bist du fertig?", dröhnte die Stimme ihres Vaters aus der Eingangshalle. Cyra lief schnell nach unten. Nachdem sie angekommen war, gingen sie nach draußen und stiegen in das Polizeiauto ein, das vor dem Haus auf einem Parkstreifen stand. Cyra setzte sich neben ihren Vater auf den Vordersitz. „Nein!", ärgerte er sich. „Was ist denn? Stau?" „Genau, aber wozu haben wir ein Polizeiauto?" Cyra musste schmunzeln, als sie die Sirene auf dem Autodach platzierte. Sie wusste noch ganz genau wie sie früher mit ihrem Vater Polizei gespielt und sich als „Verbrecher" hinter das Gitter gesetzt hatte. Dann waren sie immer mit Blaulicht durch die Gegend gefahren und hatten gehofft, dass sie dabei nicht erwischt wurden. Ein paar Minuten später waren sie schließlich angekommen. Nachdem sie endlich einen Parkplatz gefunden hatten machten sie die Sirene aus und betraten das Revier. „Hey. Cyra, dein Kaffee steht neben dem Kühlschrank.", begrüßte Bob die beiden freundlich und umarmte Cyra herzlich. Er hatte früher auf sie aufgepasst, wenn ihr Vater keine Zeit gehabt hatte. Er hatte mit ihr Verstecken im unbesetzten Teil der Zellen gespielt und ihr Selbstverteidigungstricks gezeigt. Er hatte sich immer Sorgen um sie gemacht. Er war für sie wie ein großer Bruder, der sie beschützen wollte. Er sagte ständig sie sei zu dünn, dabei war er selbst noch dürrer als sie. Er hatte dunkle Haut, war ziemlich groß und früher hatte sie seine großen Augen immer lustig gefunden. Auf dem Weg zur Küchenzeile dachte sie darüber nach, welchen Vorfall es wohl diesmal gab. Vielleicht eine Entführung, oder ein Ladendiebstahl. Was, wenn es verletzte gab? Am Kühlschrank angekommen fand sie sofort mehrere Kaffeebecher. Sie suchte schnell den Behälter, der mit ihrem Namen beschriftet war. Der Kaffee war noch warm und man schmeckte gut den Hauch von Karamell heraus. Während sie die Kekse in den Regalen suchte fiel ihr ein, dass sie noch jemanden abholen musste: Jaime. Sie kannte Jaime schon seit sie klein war und es war für sie beinahe Routine geworden sie aus dem Knast abzuholen. Ständig ging sie auf irgendwelche Partys oder Festivals. Oder sie machte bei Demonstrationen mit, einfach nur um sich zu betrinken und irgendeine Scheiße zu bauen. Wie üblich ging sie in das Büro ihres Vaters, schlug die Kaution nach und kramte ihr Geld zusammen. Anschließend legte sie es als eine Art Lesezeichen zwischen die Seiten des Heftes, in denen Jaimes Kaution vermerkt war und klebte einen Zettel darauf auf dem stand: Kautionsgeld für Jaime. Dann suchte sie die Schlüssel und ging in das Nachbargebäude, in dem sich die Zellen befanden. Sie suchte sich ihren Weg durch das Labyrinth von Zellen, begrüßte ein paar Wachleute und suchte Jaime, was nicht sehr schwierig war, da sie sich mal wieder mit einem Wachmann stritt. Auf dem Weg zu ihr kam sie an einer Zelle vorbei, in der sie erst niemanden sehen konnte, schließlich aber doch den Jungen erkannte, der emotionslos in einer Ecke saß und auf den Boden starrte. Ihr Gefühl sagte ihr, sie sollte näher rangehen, irgendetwas in ihr wollte ihn genauer mustern. Als sie leise näher kam regte er sich immer noch nicht. Wegen seiner grauen Kapuze, die er über seinen Kopf gezogen hatte, konnte sie sein Gesicht nicht erkennen. Sie neigte sich ein wenig nach unten um sein Gesicht trotzdem sehen zu können. Sie konnte gerade sein Kinn sehen, da regte er plötzlich seinen Kopf und starrte ihr mit ausdrucksloser, kalter Miene direkt ins Gesicht. Erschrocken taumelte sie drei Schritte zurück. Sein Gesicht wurde durch seine kurzen, schwarzen Haare und die auch sonst schwarze Kleidung stark hervorgehoben. Noch nie hatte sie so kalte, blaue Augen gesehen. Er hatte die Schlüssel, die sie fest umklammerte bemerkt. Er richtete einen kurzen Blick auf die Schlüssel und starrte sie dann wieder an. Es war als hätte sich eine Stimme in ihren Kopf gedrängt, die ihr sagte: Komm her, komm. Mach das Schloss auf, es ist ganz leicht. Sie spürte, wie sie sich nach vorne beugte, doch als sie sich dem bewusst wurde, wich sie schnell noch einen Schritt zurück. Der Gesichtsausdruck des Jungen veränderte sich nicht, doch trotzdem wirkte er leicht verwirrt. Seine Augen jedoch waren immer noch genauso starr wie vorher. Sie konnte, nein sie wollte seinem Blick, der sie förmlich zu durchbohren schien, nicht mehr länger standhalten. Sie versuchte sich von seinem Blick zu lösen, was jedoch unmöglich schien. Sie wandte all ihre Kraft an und konnte sich seinen Augen schließlich entreißen. Bevor sie davon hastete, warf sie schnell einen kurzen Blick auf das Schild neben seiner Zelle, dessen Inschrift sie kreidebleich werden ließ und ihr endgültig Übelkeit bereitete. Schnell rannte sie zu Jaime, öffnete ihre Zelle und fiel ihr in die Arme.
Ein Fremder hätte dieses Szenario wahrscheinlich komisch gefunden, da Jaime kein Mädchen war, das man in einer Zelle vermutete. Sie trug eine weiße Jeans und ein rosafarbenes Top, zusammen mit ihren schwarzen High-Heels, und mit ihren hellbraunen Haaren und ihrer sommerlichen, braungebrannten Haut, passte sie so gar nicht hierher. „Hey, Cyra. Bist aber schnell da heute.", sie hakte sich bei ihr ein. „Bye, Jimmychen", verabschiedete sie sich von dem Wachtmeister. Als sie anfingen an den Zellen vorbei, Richtung Ausgang zu gehen, erzählte Cyra: „Ich muss meinem Vater heute bei einem neuen Fall helfen." „Achso. Bilde ich mir das nur ein oder war Jimmy im Fitnessstudio? Irgendwas ist auf jeden Fall anders an ihm. Warte mal", sie drehte Cyras Gesicht mit ihren Fingern hin und her und musterte es genau, „warum bist du so blass? Also, ich meine, du bist immer blass, aber nicht so blass." „Ach, das liegt bestimmt bloß am Wetter. Warst du wieder auf einer Demonstration gegen die Ausrottung der Wälder oder habt ihr euch diesmal direkt betrunken und irgendwas kaputt gemacht?" „Nein, wir haben gegen die Situation mit den Flüchtlingen protestiert und das man sich besser um sie kümmern sollte." „Weil du dich ja auch so sehr dafür interessierst." „Solange es Wodka Soda gibt, finde ich dieses Thema sehr wichtig. Wie auch immer. Später hatten wir jedenfalls Stress mit einem Bullen. Ach, sorry, mit nem' Polizisten. Richte deinem Dad schöne Grüße von mir aus. Alter, hab ich einen Kater. Warum hast du vorhin eigentlich diese Zelle so komisch angestarrt. Was ist denn mit der?" „Was? Hab ich doch gar nicht. Ist dir langweilig oder warum löcherst du mich die ganze Zeit." Jaime zog ihre Brauen hoch. „Na gut. Der Typ da drin ist ja echt gruselig.", flüsterte sie, als sie an der besagten Zelle vorbeigingen. Jaime wollte sich gerade zu ihm umdrehen, da zischte Cyra: „Nicht hingucken!" und ging schneller. „Ist ja schon gut. Chill mal, mein Kopf tut weh." Nachdem sie die etlichen, dunklen Gänge endlich hinter sich gelassen hatten, verabschiedeten sie sich von den Wachmeistern und gingen nach draußen. „Kommst du noch mit aufs Revier?", fragte Cyra. „Geht leider nicht. Ich muss zur Nachhilfe.", meinte Jaime genervt. „Seit wann gehst du da denn hin? Also ich meine seit wann gehst du da wirklich hin?" „Seitdem meine Eltern mir das Taschengeld gekürzt haben. Naja, das heißt auch es könnte etwas länger dauern bis ich dir die Kaution zurückzahlen kann..." „Wann hast du mir das denn überhaupt mal zurückgezahlt? Gib mir einfach ein Eis aus oder so, wenn du überhaupt noch Geld hast.", sagte Cyra mit einem leichten Schmunzeln. „Und deshalb liebe ich dich.", erwiderte Jaime. „Bis Montag" „Ja, bis Montag", verabschiedeten sie sich einer nach dem anderen „Ach, Cyra", fiel Jaime ein, „Kannst du mein Handy noch für mich abholen?" „Klar, mach ich." „Meine Lebensretterin.", sagte sie und fiel symbolisch vor Cyra auf die Knie. „Jaja, tschüss." „Bye.", rief Jaime, als sie auf die andere Straßenseite wechselte. Als sie den kurzen Weg zum Revier ging dachte Cyra noch einmal über das Schild an der Zelle nach: Name: Unbekannt, Alter: unbekannt, Herkunft: Unbekannt, Grund der Festnahme: Verdacht auf Mord.
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Seelenwandler
FantasyDie 16-jährige Cyra Brown lebt zusammen mit ihrem Vater, der als Polizist tätig ist, in einem gewöhnlichen Apartment in London. Sie fällt in der Schule nicht besonders auf und auch sonst ist ihr Leben relativ normal, abgesehen davon, dass sie ihren...