Dritte Aufnahme

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„Wie geht es Ihnen, Frau Graf?"

„...Ich...Mir geht es... Ach, wie soll es mir schon gehen? Hat der Arzt mit Ihnen geredet?"

„...Ja"

„Wie zur Hölle ist das überhaupt möglich, dass ich eine multiple Persönlichkeitsstörung bekomme? Das entsteht doch sonst nur im Kindesalter!"

* ein dumpfer Knall ertönt *

„Und bevor Sie mich fragen: Nein, mir ist im Kindesalter nichts passiert. Das schlimmste war die Scheidung meiner Eltern, aber da war ich auch schon elf und das ging kurz und schmerzlos. Nicht mal rumgeschrien wurde!"

„Das wäre tatsächlich meine nächste Frage gewesen, ja."

„..."

„Sind Sie mit Ihrem Vater noch in Kontakt?"

„Nein...Naja... Schon bevor ich...verschwunden bin nicht mehr richtig. Er hat mit seiner neuen Flamme ein kleines Hotel in Kanada eröffnet, da war ich fünfzehn. Wir waren noch per Mail in Kontakt und im Sommer sind wir immer für eine oder zwei Wochen nach Kanada gefahren. Aber ich schätze, das wissen Sie schon."

„Ja, die Kollegen in Kanada haben mit ihm gesprochen. Er war zum Zeitpunkt Ihres Verschwindens zusammen mit seiner Frau im Krankenhaus. Sie ist..."

* Papier raschelt *

„...von einer Leiter gefallen, als sie den Schnee aus der Regenrinne entfernen wollte."

„Stimmt es, dass die meisten...Straftaten dieser Art durch Leute durchgeführt werden, die... die das Opfer kennt?"

* jemand atmet tief durch *

„Das stimmt."

„Es gibt also die Chance, dass... dass ich ihn oder sie kenne?"

„Ja, die Chance besteht."

„Das ist...krank. Ich meine,... wie zur Hölle soll ich jemandem vertrauen, wenn jeder, den ich kenne DAS getan haben könnte?... Sie müssen nicht antworten..."

„Können Sie sich erinnern, mit wem Sie vor Ihrem Verschwinden Kontakt hatten?"

„Meiner Familie. Also, mein Bruder und meine Mutter, mit meinem Vater, habe ich davor schon...ein Monat oder so nicht mehr geschrieben. Mit den Leuten aus der Arbeit natürlich... Hauptsächlich mit der Chefredakteurin, Juliana, und mit meiner Chefin, Anja und mit zwei Journalisten, Alex und Nadja."

„Was ist mit Freunden? Hatten Sie Kontakt zu Freunden?"

„Länger nicht mehr... Die meisten sind jetzt im Ausland...Entschuldigung, die meisten WAREN zu dieser Zeit im Ausland. Leo war hier, der studiert im Ort, und Nils auch und Natalie hat eine Lehre begonnen."

„Was ist mit Ihrem Exfreund? Hatten Sie mit Ihm Kontakt?"

„Andreas? Wieso fragen Sie nach ihm? Glauben Sie etwa, dass...?"

„Im Moment glaube ich nur das, was sie mir sagen und wofür es klare Beweise gibt. Hatten Sie mit ihm Kontakt?"

„Ja...erst vor Kurzem. Ich war auf dem Weg zur Arbeit und er war wohl betrunken und dieses Arschloch ist mir nachgelaufen. Ich habe ihm mehr oder weniger freundlich gesagt, dass er mich in Ruhe lassen soll. Er ist aggressiv geworden, hat begonnen mich anzuschreien und so. Ich bin dann einfach gegangen."

„Können Sie sich erinnern, was er gesagt hat?"

„...Nein... Es war... irgendwie wirr... Aber was ist denn jetzt mit Andreas?"

„Andreas.... Frau Graf, sind Sie in Ordnung?"

* Etwas wird über den Tisch geschoben *

„Hier, trinken Sie was – Sie sind plötzlich so blass, geht es Ihnen gut?"

„Ich...ich glaube, er kannte mich! Verdammte Scheiße, der kannte mich!"

„Wie bitte?!"

„Wer auch immer das war, muss mich gekannt haben!"

„Bitte, Frau Graf, Können Sie mir erklären, warum Sie das glauben?"

„Als...also, als ich... Die Haustüre! Als ich die aufgesperrt habe, hatte ich meinen Wohnungsschlüssel noch. Bei der Wohnung, war er nicht mehr da! Er war einfach nicht mehr da! Oh Gott, der weiß wo ich wohne! Der weiß wo ich bin!"

The past five yearsWo Geschichten leben. Entdecke jetzt