Achtzehntes Kapitel

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Sie lügen alle.

Ich hatte das Gefühl, als würden meine Beine dem Gewicht meines Körpers nicht mehr standhalten können und unter ihm zusammenbrechen. Meine Knie zitterten und ich hatte das Gefühl, als würde ich leicht schwanken. Mein Sichtfeld war verschwommen und in dem grauen Dunst ließen sich nur schlecht Gesichter erkennen. Ich spürte, wie mein Herzschlag sich beschleunigte und meine Lunge nach Sauerstoff schrie. Ich hatte nicht einmal gemerkt, dass ich die Luft angehalten hatte.

„Eve?", in Jems Stimme schwang ein besorgter Unterton mit und er fasste mich zögerlich am Arm, um mich zu ihm umzudrehen, sodass er mir in die Augen sehen konnte. „Das ist okay", murmelte er „alles ist okay."
„Es ist nicht immer leicht und doch wird man es schaffen. Eve? Ich musste auch erst herausfinden, wem ich trauen kann."
Ich nickte kurz angebunden und sah dann weg. Weswegen auch immer, ich konnte die Intensität seines Blick nicht aushalten, sie gab mir nur ein weiteres Mal zu spüren, dass ich schwächer war.

„Und?", flüsterte ich, sodass er neben dem Lärm, der in der Halle aufgebrandet war, kaum noch etwas verstehen konnte „wem kannst du trauen?"

Meine ganze Konzentration galt ihm, mein Blick ruhte auf seinem Gesicht, nahm jede Bewegung und jegliches Gefühl in mir auf und versuchte das schlagartige Verdüstern seines Gesichtes zu deuten. Seine Augen blitzten wütend auf, seine Lippen waren derartig zu einem dünnen Strich zusammengepresst, dass das Blut aus ihnen wich und sie einen weißen leblosen Ton annahmen und doch waberte eine unheilvolle Leere zu mir hinüber, als würde der Gedanke an seine Vertrauten ihn trostlos und vollkommen trüb werden lassen, als würde seine Hoffnung weichen, Hoffnung, die er so sehr in diesem Spiel benötigte, nach der er sich sehnte.

„Wenigen", seine Stirn legte sich in nachdenkliche Falten und seine Gesichtszüge wirkten zunehmend angespannter. Er war in seine Gedanken versunken, versuchte sich an etwas zu erinnern, das ihm nicht wirklich einfallen wollte. Seine Verwirrtheit und Wut ließ mich augenblicklich bereuen, überhaupt die Frage gestellt zu haben. Ich fühlte mich, als hätte ich ihn persönlich angegriffen, als wäre ich zu weit gegangen, auch wenn die Frage sich so unscheinbar und unschuldig zeigte, ihn setzte sie scheinbar vollkommen unter Druck, rief unangenehme Erinnerungen in ihm wach. Dennoch war da eine gewisse Neugier, die mich wach hielt, die mir heimlich ins Ohr flüsterte, dass diese Frage wohl von Bedeutung sei, dass ich nachhaken sollte. Dass ich Jem helfen sollte, um an diese doch allzu wichtigen Namen heranzukommen. Sie wachte in mir und setzte sich in meiner Brust fest, tief verankert und irreversibel. Doch nicht jetzt. Wir waren noch immer umringt von dutzenden neugierigen lauschenden Ohren, die alles dafür geben würden, etwas neues über mich in Erfahrungen zu bringen. Über diesen Vorfall zu lernen, als sei ich ein für jedermann zugängliches Buch, das sie nur aufschlagen und dessen Sprache verstehen müssten. Doch die Einfachheit würde ich ihnen nicht geben. Ich würde sie nicht das Alphabet lehren, ihnen nicht meine Vergangenheit vor die Füße spucken. Denn auch wenn ich die sich zutragenden Dinge nicht leugnen konnte, ihre merkwürdigen Zufälle und meine wohl dazu benötigte Anwesenheit nicht herunterspielen konnte, so würde ich mir doch die Freiheit nehmen und die Fesseln, die Mr. Fensher mir mit jedem finstereren Blick fester schnürte, lockern oder gar lösen und mich nicht seinen Unterstellungen und deren nicht zu löschenden Durst nach Wissen und Ereignissen, an denen sie sich ergötzen konnten, beugen.

Noch immer zitternd ergriff ich Jems Arm und sah mich nach einem Fluchtweg vor der Menschenmenge um, wobei ich die bohrenden Blicke Mr. Fenshers und anderer Autoritäten in meinem Rücken spüren konnte. Der Zorn wegen ihres Unverständnisses schluckte ich würgend hinunter, bevor er die Kontrolle über meinen Körper und meinen Willen übernehmen konnte. Es war nicht an der Zeit, mich über die Vorwürfe zu beschweren, eher beschäftigte mich der Angriff, die Gefahr, die uns bevor stand und die in jeder Ecke dieser Halle zu lauern schien. Mit energischen Hieben bahnte ich mir einen Weg zu den großen Flügeln, um mir einen Weg nach draußen freizulegen und drehte mich nur ein einziges Mal zu Jem um.

Wächter der ZeitGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt