Confetti - Sia

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„Kannst du noch was singen für mich?", wirst du am Telefon gefragt.
Du lächelst und nimmst deinen rechten Fuß vom Pedal deines Klaviers. Eigentlich kannst du nicht wirklich spielen, hast auch nie Unterricht genommen, aber es reicht, um deine Emotionen in der Musik zu vergraben.
„Das letzte Lied ist noch nicht mal verklungen", meinst du kichernd.
„Egal! Du singst so schön, ich mag das", motiviert sie dich.
Da bist du zwar anderer Meinung, aber solange es dir selbst Spaß macht, singst du gerne für sie.
Seit ihr euch über eine Plattform im Internet kennengelernt habt, seid ihr gute Freunde und telefoniert so oft ihr könnt.
Irgendwann hat sie dann gemeint, dass sie dir gerne einmal beim Singen zuhören würde. Zuerst hast du dich natürlich gewehrt, aber irgendwann durfte sie dir lauschen.
„Kennst du Confetti?", fragt sie, als du länger nichts gesagt hast.
„Klar, Sia forever. Aber da muss ich den Text nachschauen", antwortest du während deine Finger schon über das Display gleiten.

„Uh, das ist toll", stellst du fest. Dann fängst du an zu überlegen. Vor einigen Jahren hast du festgestellt, dass alle Lieder besser werden, wenn du sie an jemanden singst, dir vorstellst, dass er zuhören muss, wenn du für ihn performst. Meistens denkst du seitdem an einen der Jungen, die dein Herz gebrochen haben, wenn du singst, aber bei diesem Lied geht das nicht.
Du kannst schlecht über das Ende einer Beziehung singen, ohne je eine gehabt zu haben. Und hier ist das auch schwierig zu übertragen..
„Bist du noch da?", hörst du unsicher über die Kopfhörer.
„Jaja klar, ich überlege nur gera~", antwortest du und wirst von deinem Geistesblitz unterbrochen.
„Deutschland und Gesellschaft. Niemand Geringeres kriegt diesen Song ins Gesicht", erklärst du grinsend und beginnst zu singen.

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„Wow, das kam von Herzen", lacht sie und du bist geschockt, wie ernst du geworden bist. Was du gesungen hast, hat den Hass ausgedrückt, den du gegenüber deinem Vaterland verspürst. Jahrelang hat sich all das angestaut, und du hast es nicht einmal wirklich bemerkt.
„Allerdings", erklärst du grimmig. Und, plötzlich, ohne jedes zutun schleicht sich ein Gedanke in deinen Kopf.
Du musst hier weg. Weg aus diesem Land, das mit seinen Einwohnern umgeht wie mit Dreck.
Es wird vorbei sein. Der Ärger darüber, dass Volksvertreter alles tun, nur nicht das Volk vertreten. Dass Lobbys das Sagen haben und nicht bestraft werden, wenn sie die Menschen betrügen und gefährden. Dass gelogen wird und zum eigenen Nutzen gebogen, und du niemandem vertrauen kannst.
Du wirst verschwinden.
„Wir hören uns in Norwegen", hauchst du grinsend und lege auf.

Zu aller erst legst du Sias CD ein und hörst dein neues Motivlied.
Glücklich und voller Vorfreude singend schaust du nach den Flügen, die heute noch nach Oslo abheben.
Einer davon in drei Stunden.
Wunderbar!

Eilig stopfst du all dein wichtiges Hab und Gut, alles was du dir vorstellen kannst zu brauchen, in den größten Koffer, den du auf dem Dachboden finden konntest. In einen Rucksack wirfst du alles, was du auf deiner Reise unmittelbar brauchen kannst, etwas Essen, Technik und so ähnliches.
Schnell buchst du auf der Seite der Lufthansa eines der letzten Tickets, bevor du ohne eine Nachricht aus dem Haus verschwindest. Vielleicht wird man dich vermissen, vielleicht wird man sich um dich sorgen. Aber du wirst ein besseres Leben haben, das weißt du. Einmal, ein einziges Mal wirst du keine Rücksicht auf die anderen nehmen, nur an dich denken bei deiner Entscheidung, weil es um dein Leben geht.

Du lächelst unentwegt, während du mit der S-Bahn zum Flughafen fährst. Auch im Terminalgebäude, wo du deinen Koffer abgibst und später die Personenkontrolle passierst, grinst du andauernd, tanzt durch die Gänge und wirst dabei von den Leuten komisch angestarrt, doch du lächelst nur freundlich. Niemand kann an deinem Hochgefühl rütteln. Auch die Information: „Wir würden gerne bei Ihnen einen Drogen- und Sprengstofftest durchführen", betrübt dich nicht. Du kannst es ja auch verstehen, diese gute Laune ist am Flughafen nicht alltäglich und auffällig.
„Na klar, wie Sie möchten", stimmst du nur zu und summst fröhlich dein Lied, während die Beamten tun, was sie eben tun müssen.

„Zuerst, es ist alles in Ordnung bei Ihnen. Aber, darf ich fragen, wieso sie so fröhlich sind? Es geht mich eigentlich nichts~"
Du lachst auf.
„Ich habe vor fast zwei Stunden gemerkt, dass ich Deutschland hasse. Und deshalb hab ich alles gepackt, und jetzt haue ich ab, nach Norwegen, und am besten komme ich nie zurück. The Seed has spread", erklärst du und lachst am Ende.

„Das verstehen Sie sicher nicht, aber alles gut. Viel Glück noch in Ihrem Leben", meinst du und drehst dich auf der Ferse um.
Ohne dich noch einmal umzusehen tanzt du in Richtung Gate.

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Die Passanten vor Oslo Gardermoen Airport schauen reichlich komisch, als du aus dem Terminal trittst, die Arme ausbreitest und laut zu lachen anfängst. Du schaust in den Himmel und spürst, wie dich das Leben zurück erobert. Zu lange hat dein Inneres verbissen gekämpft gegen die Ungerechtigkeit in Deutschland und gegen die Ignoranz.
Jetzt hat es gewonnen. Das Loch in dir, von dem du nicht einmal wusstest, dass es da ist, schließt sich und du wirst von Glück überfallen.

Irgendwo neben dir stimmt eine junge Frau in dein Gelächter ein, wenig später freuen sich hunderte von Menschen vor dem Flughafen gemeinsam. Die wenigsten wissen worüber, aber das ist egal. Sie haben erkannt, was Leben bedeutet.

Wenig später fährst du in der Bergenbahn hinaus aus Oslo, nach Norden bis in ein kleines Städtchen, was keiner kennt. Dort kennst du jemanden, von dem du weißt, dass er dich aufnehmen wird, bis du eine eigene Wohnung hast.
Währenddessen schaust du vor Freude strahlend aus dem Fenster, wie die Landschaft an dir vorbeirauscht. Kantige Berge, grüne Wälder, glasklares Wasser in riesigen Seen, wechseln sich ab. Du siehst förmlich, wie frisch die Luft dort draußen riecht, und wie viel lieber du sie atmest.
Nein, du wirst Deutschland nicht vermissen. Du wirst nicht weinen um den Verlust von Hass, Lügen und Gewalt.
Nein, du bereust es nicht, geflohen zu sein.

Zitternd fingerst du dein Handy aus der Tasche.

Du rufst sie an, sie, die dich auf diese Idee gebracht hat.
„Danke Kleine. Du hast mein Leben gerettet. Ich bin in meiner Heimat angekommen, wegen dir. Weine nicht um mich, mir geht es gut. Wenn du willst, kannst du mich in Kamben besuchen kommen, frag einfach nach Martin, dann wissen sie schon, wo du hinwillst.
Leb wohl bis dahin", erzählst du und legst auf, ohne sie zu Wort kommen zu lassen.
Kurz siehst du, dass man dir geschrieben hat, denn man hat deine Flucht bemerkt.
Grinsend schaltest du das Handy aus.
Du entfernst Akku und SIM-Karte und verstaust all das in deinem Rucksack.
Nein, du wirst sie nicht vermissen.
Du brauchst kein Konfetti, kein Brot und keine Spiele.

Nur dich brauchst du, dich und dein Herz, um glücklich zu sein in einer neuen, besseren Heimat. Eine Heimat ohne Nazis, ohne Schläger, ohne Korruption und Bestechung. Eine Heimat mit Zukunft und Freude, mit Freunden und einem Sinn zu leben.

Interpretations of a different kind - wenn Lieder zu Geschichten werden [De]Where stories live. Discover now