Manche Jahre sind wie Monster. Sie fühlen sich an wie der Endgegner, gegen den man einfach nicht gewinnen kann. Sie nehmen dir so viel weg. Yoongi wusste bis dahin gar nicht, dass er so viel zu verlieren hat.
Das Bild an der Wand ist nur eine Erinn...
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Kennt ihr das? Es gibt diese Geräusche, die in unserem Kopf unzertrennbar mit bestimmten Ereignissen oder Erinnerungen verbunden sind. Ein Hundebellen, zum Beispiel, kann selbst nach Jahren schlimme Angstzustände hervorrufen, wenn wir zuvor von einem tollwütigen Tier gebissen wurden. Oder das erste fröhliche Glucksen unserer späteren Kinder wird – einmal gehört – für immer wie ein Sonnenstrahl in unserem Herzen weiterleben. Für mich ist es das Geräusch von einem hupenden Auto, das mich jedes Mal auf meine Knie zwingt. Es klingt viel zu sehr nach Unfall, da muss nicht einmal ein Aufprall folgen. Aber natürlich existieren auch positive Gegengewichte zu den hässlichen Klängen, die dir Tränen in die Augen treiben. Sugas sanft gemurmelter Name zu Beginn seiner Rap-Parts bringt mich nämlich auch in die Knie. Bloß prickelnder und mit ein bisschen mehr Gänsehaut verbunden. Also – kennt ihr das? Woran müsst ihr jetzt denken?
Bei Yoongi ist es dieses Lachen, das nach Lavendel riecht und nach Zuhause schmeckt, das ihn zurück in die Vergangenheit bringt. Zurück in die Jahre 2018 und 2019, in denen ihn das Geräusch wie ein Schatten begleitet hat. Manchmal auch wie die Sonne. An diesen Tagen hat es sogar bis in die versteckten Ecken des Tattoostudios geleuchtet. Aber meistens hat es ihn traurig gemacht. Weil das Lachen mittlerweile verklungen ist. Nicht viel mehr als eine Reliquie ist, in deren Betrachtung Yoongi nur zu gerne versinkt. 2020 war zwar in Ordnung – das war es wirklich – aber Yoongi kann sich nicht dazu hinreißen lassen, es bereits als gut zu beschreiben. Vielleicht wird 2021 gut. Er hat sich jedenfalls vorgenommen, selbst daran zu arbeiten, dass es gut werden kann.
Er lauscht in die Stille des Tattoostudios hinein, aber alles was zurückklingt, sind Erinnerungen. Erst wenn es richtig still um ihn herum ist, haben sie die Kraft dazu laut zu werden. Manchmal reicht es nicht, mit einem Blick über die Schulter nur die letzten zwölf Monate zu betrachten. Um herauszufinden, wie weit wir in Wirklichkeit schon gekommen sind, müssen wir manchmal noch viel weiter zurückblicken. Was siehst du, wenn du zurückblickst?
Yoongi beginnt im Jahr 2019. Es war für ihn wie ein Monster. Die Verkörperung der bedrohlichen Gestalt unter dem Bett oder im Kleiderschrank. Die plastische Form dessen, wovor Kinder sich nachts fürchten. Yoongi wusste nicht, dass er vor so vielen Dingen Angst hat, bis er dem Jahr 2019 begegnet ist. Er wusste auch nicht, dass ihm ein einziges Jahr so viel wegnehmen kann. An vielen Tagen hat er sich zurückgewünscht – in Gloss, der vor nichts und niemandem Angst hatte. Oder auch zurück in AgustD, der alleinig in seiner Musik Erfüllung finden konnte.
Tja, was soll er dazu jetzt sagen? Im Jahr 2019 ist er schon Yoongi gewesen. Und die Entscheidung endlich du selbst zu sein, die machst du so schnell nicht wieder rückgängig, wenn du einmal den Mut dazu gefunden hast, es durchzuziehen. Yoongi hat irgendwann die Entscheidung gefällt, von nun an auf seinen eigenen Beinen zu stehen und sich auf sich selbst zu verlassen. Hat AgustD die Hand gereicht und sich sogar irgendwie mit Gloss versöhnt, dessen Augen unter der weißen Cap schon fast danach aussahen, als würden sie stolz schimmern. Danach hat er die Idee von einer weiteren Identität verworfen, ganz so, als hätte er da wirklich Mitspracherecht. Suga wollte er die ungeborene Schattengestalt zuerst benennen, eine verschwommene Reinkarnation seiner verträumten, mild-zärtlichen Seite. Dann ist ihm bewusst geworden, dass er für diese Attribute eigentlich kein Alter Ego benötigt. Die Charaktereigenschaften gehören zu ihm, zu Yoongi. Er muss keine Schlange mehr sein, die sich immer wieder häutet.