Eine Schneeballschlacht

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In den folgenden Tagen begann Lily, sich immer zu James zu setzen, wenn er in der Bibliothek war. Noch nie zuvor hatte sie ihn dort so oft in Folge gesehen, doch da es ihr sehr hilfreich war, dachte sie nicht weiter darüber nach. Und trotz dieses, Lilys Ansicht nach weltbewegenden, Schrittes, war ihre Beziehung seit dem ersten Gespräch nicht wirklich weiter gekommen. Während sie ihre Hausaufgaben machten, redeten sie kaum, ab und zu ein „Kann ich mal dein Buch haben?" oder „Darf ich etwas Tinte von deiner Tinte?" war das Einzige. Und das machte Lily langsam wirklich nervös.
Mal wieder saßen die beiden sich gegenüber und arbeiteten an ihren Hausaufgaben.
Jedenfalls tat James das.
Lily war schon seit einiger Zeit fertig und versuchte James nicht zu offensichtlich anzustarren, während sie überlegte, wie sie sich mit ihm anfreunden könnte. Nachdenklich kaute sie auf dem Ende ihrer Feder herum. Warum musste das auch so kompliziert sein? Sie benahm sich geradezu so, als ob sie noch nie mit einem anderen Menschen geredet hätte, geschweige denn irgendwelche Freunde hatte!
Angestrengt versuchte Lily sich zu erinnern, wie sie sich mit ihren Freundinnen angefreundet hatte, doch es wollte ihr nicht so recht einfallen. Ihr schien es, als ob sie einfach schon immer befreundet gewesen wären. Hatte sie seit der ersten Klasse wirklich keine Freunde mehr gefunden? Gut, sie und Remus hatten sich in der fünften Klasse wegen ihrer gemeinsamen Vertrauensschülerpflichten angefreundet, doch sie und Potter waren zusammen Schulsprecher und hatten in diesem Schuljahr bis vor kurzem trotzdem kaum mehr als fünf Sätze gewechselt von denen mindesten zwei „Lass mich in Ruhe, Potter!", gewesen waren.
Ein leises Seufzen entkam Lily und sie senkte den Blick auf ihren fertigen Verwandlungs–Aufsatz, um ihn zum dritten mal auf Rechtschreibfehler zu untersuchen.
Wenn sie doch wenigstens ein Thema hätten worüber sie beide sprechen könnten. Doch James' einziges Interesse, welches Lily kannte, war Quidditch und damit konnte sie nicht wirklich etwas anfangen.
Lily musterte James unauffällig. Was könnte er sich wohl wünschen? Vielleicht einen Kamm, damit er das Haarnest auf seinem Kopf zu einer Frisur machen könnte? Wohl Kaum. Eine neue Brille? Einen Rasierer für seine, für einen Siebzehnjährigen doch schon beachtlichen, Bartstoppeln? Lily schüttelte kurz den Kopf. Worüber dachte sie da eigentlich nach? Es war unwahrscheinlich, dass sein Gesicht ihr wirklich bei der Geschenkauswahl weiterhelfen würde. Also blieb es dabei, sie musste sich mit ihm anfreunden.
Freunde fand man über Gemeinsamkeiten, doch was hatten sie und Potter gemeinsam? Sie waren beide Gryffindors, Merlin wusste wieso, waren beide Schulsprecher und... Mehr wollte Lily einfach nicht einfallen. Es war wenig, aber Lily musste mit dem arbeiten, dass sie hatte.
„Warum sitzt du eigentlich immer noch hier rum, du bist seit einer halben Stunde fertig.", holte James' Stimme sie plötzlich aus ihren Gedanken.
Erschrocken fuhr sie hoch und sah James, der seine Feder beiseite gelegt hatte und sie schief angrinste. Ertappt wandte sah Lily zu Boden und spürte, wie ihr die Röte ins Gesicht schoss.
„Ich hab nur nachgedacht", murmelte sie.
„Und worüber?"
„Ähm...Wir sind Schulsprecher...", stammelte Lily und verfluchte sich im gleichen Moment innerlich dafür, dass ihr nur ihr letzter Gedanke rausgerutscht war. Sie war doch sonst viel schlagfertiger!
„Und?", fragte James erwartungsvoll.
„Naja, bald ist Weihnachten und wir sollten vielleicht irgendetwas planen oder so?", improvisierte Lily gezwungenermaßen.
„Ja, wieso nicht.", meinte James, „Hast du schon eine Idee?"
„Nein, ich überlege noch", antwortete Lily.
James nickte nur und griff wieder nach seine Feder.
Erleichtert atmete Lily aus. Sie hatte gar nicht gemerkt, dass sie die Luft angehalten hatte. Jetzt hatte sie also noch ein Problem mehr, um dass sie sich kümmern musste, das hatte sie ja super gelöst! Wieso musste ihr Gehirn auch immer auf so dumme Ideen kommen?

Lily hatte gerade begonnen einige Ideen für Weihnachten auf ein Pergament zu schreiben, als jemand den Stuhl neben ihr nach hinten zog und sich darauf plumpsen ließ. Sie hob den Kopf und sah in das breit grinsende Gesicht von Sirius Black.
„Na, was macht ihr beiden hübschen denn so?", wollte er wissen und wackelte anzüglich mit den Augenbrauen, „Erstes Date in der Bibliothek? Find ich heiß!"
Anstatt zu antworten, rollte Lily nur mit den Augen und wand sich wieder ihrem Pergament zu.
„Schreibst du da einen Liebesbrief an unseren kleinen Krone?", fragte Sirius und schnappte sich das Blatt. Genervt stöhnte Lily auf.
„Black, krieg ich bitte mein Pergament wieder?", knurrte sie.
„Wie heißt das Zauberwort?", fragte Sirius und grinste, wenn möglich, noch breiter als zuvor.
„Accio", zischte Lily.
„Na gut, ich lass dir das mal durchgehen, aber nur, weil ich Angst habe, dass du mir sonst wehtust.", sagte er und reichte ihr das Pergament.
„Was willst du hier eigentlich?", fragte Lily leicht gereizt, „Die Bibliothek ist ein Ort zum Lernen und ich gehe mal stark davon aus, dass du nicht dafür hier bist."
„Ach Evans, du hast mich durchschaut! Eigentlich wollte ich mir nur Jamsie hier ausborgen, ich hoffe du kannst ihn entbehren, aber der muss sich jetzt von mir in einer Schneeballschlacht besiegen lassen.", meinte Sirius siegessicher.
„Das wünscht er sich nur, am Ende wird er heulend im Schnee liegen.", erklärte James und sah Sirius herausfordernd an.
„Dass werden wir ja sehen, Potter!", knurrte Sirius.
„Nur ich, denn du wirst unter einer zu dicken Schneeschicht liegen, Black!"
„Ich zittere ja schon!", zischte Sirius.
„Das solltest du auch besser!", kam es von James.
„Kommst du mit, Lily?", fragte er sie.
Überrumpelt zögerte Lily. Wollte sie das überhaupt?
„Hast du so viel Angst zu verlieren, dass du sogar ein kleines Mädchen um hilfe anbettelst?", neckte Sirius.
„Der einzige, der betteln wir bist du, wenn du zu unseren Füßen liegst!", rief Lily so plötzlich, dass es sie selbst überraschte. Auch die beiden Jungen schienen kurz erstaunt, grinsten dann aber erwartungsfroh.
„Worauf warten wir noch?"

Auf dem Weg zu den Ländereien überlegte Lily, ob dass wirklich so eine gute Idee gewesen war. Doch sie hatte sich einfach von der guten Laune der beiden mitreißen lassen, außerdem wollte sie sich ja mitJames anfreunden und was war den ein besserer Weg als eine Schneeballschlacht? Also schaltete sie einfach für einen Moment ihren Kopf ab und folgte James und Sirius auf die verschneiten Ländereien.

„Jedes Team hat genau eine Minute Zeit um Schneebälle vorzubereiten, danach ist Krieg!", verkündete Sirius laut und begann dann sofort seine Bälle zu formen.
Auch James und Lily taten es ihm sofort gleich. Der Schnee war eiskalt in ihren Fingern, doch das kümmerte Lily nicht. Ein aufgeregtes Kribbeln hatte sich in ihrem Bauch breit gemacht und sie formte Kugel um Kugel, bereit Sirius damit abzuwerfen.
„Los!", kam es von James, er und Lily begannen einen Sturm aus Bällen auf Sirius abzufeuern. Dieser schrie laut, als Lily ihn ihm Gesicht traf und suchte Deckung hinter einem nahegelegenen Baum.
„Feigling!", rief James und warf weitere Bälle, die jedoch alle an der Rinde des Baumes abprallten.
„Meine sind alle", schrie Lily ihm zu und bückte sich um neue zu formen, als sie plötzlich etwas riesiges am Kopf traf und zu Boden Riss. Erschrocken schrie sie auf und spuckte etwas Schnee aus.
„Hey, ohne Zaubern!", rief James, doch bekam stattdessen auch einen Riesenschneeball ab, der ihn umwarf. Währenddessen hatte sich Lily aufgerappelt und zückte ihrerseits den Zauberstab, doch Sirius entwaffnete sie mit einer schnellen Bewegung und gleich darauf landete auch James' Zauberstab im Schnee.
„Lauf!", schrie er Lily zu und rannte los, in Richtung eines Baums, der einige Meter hinter ihnen lag. So schnell sie konnte, folgte Lily ihm und duckte sich neben ihn hinter den breiten Stamm. Sie atmeten beide schwer, doch als sich ihre Blicke trafen, begannen sie zu lachen. Seit langem hatte Lily sich nicht so lebendig gefühlt, auch wenn sie durchgefroren und außer Atem war.
„Wir brauchen eine Strategie, er spielt mit unfairen Mitteln.", keuchte James.
Lily nickte „Wir müssen uns mit Werfen und Formen abwechseln, dann kann er sich nicht auf uns beide konzentrieren."
„Und einer muss einen Zauberstab holen, sonst können wir nicht gewinnen!", ergänzte James.
„Dann los!", befahl Lily und formte eilig ein paar Schneebälle. Vorsichtig lugte sie am Baumstamm vorbei und konnte gerade noch so einem Schneeball ausweichen, der direkt auf ihr Gesicht zusteuerte.
„Ich gebe dir Deckung, los lauf!", flüsterte Lily James zu, kam hinter dem Stamm hervor und eröffnete ein Schneeballfeuer auf Sirius. Sie sah, wie James im Zickzack an ihr vorbeisprintete und ging auch einige Schritte auf Sirius zu. Unnachgiebig schoss er seine Schneebälle auf Lily und James ab , doch sie kamen ihm immer näher. Einer von Lilys Schneebällen landete direkt in Sirius' Gesicht und dieser konnte für einen Moment nicht sehen, wo er hinfeuerte. Das reichte für James, mit einem Satz hatte er seinen Zauberstab geschnappt und entwaffnete Sirius, bevor dieser einen weiteren Ball schießen konnte. Mit einem Angriffsschrei lief James weiter und warf einige Schneebälle nach Sirius, der sich wieder hinter seinem Baum verschanzt hatte. Von beiden Seiten schlichen sich Lily und James an ihn heran und ließen alle ihre restlichen Schneebälle auf Sirius niederprasseln. Sirius lies sich rückwärts in den Schnee fallen, die Augen geschlossen und blieb regungslos liegen.
„Gewonnen!", brüllte James triumphierend, sprang zu Lily, hob sie hoch und wirbelte sie einmal im Kreis. 
„Wir haben gewonnen!", rief er nochmals und auch Lily stimmte lachend in sein Siegesgeschrei ein.

Nachdem sie ihre Zauberstäbe eingesammelt hatten kehrten die drei Gryffindors ins Schloss zurück. Eiskalt und klitschnass, aber dafür überglücklich. Lily fragte sich, wann sie das letzte mal so aufgedreht gewesen war und warum sie so etwas nicht öfter tat. Sie hatte selten so viel Spaß gehabt. Ihre letzte Schneeballschlacht war in der vierten Klasse gewesen und Lily konnte nicht verstehen, wie sie es so lange ohne eine ausgehalten hatte. Sie zitterte am ganzen Körper, bis auf die zwei kribbelnden Stellen an ihrer Hüfte, wo James sie hochgehoben hatte.
„So, ich sollte mich mal umziehen gehen, sonst erfriere ich noch hier auf dem Gang.", sagte Lily, „Wir sehen uns beim Abendessen"
Und damit lies die die Jungen stehen und machte sich auf den Weg in ihren Schlafsaal.
Vielleicht, dachte sie, vielleicht würde es ja doch nicht so schwer sein mit James Potter befreundet zu sein.

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Frohen zweiten Advent euch allen! Ich hoffe das Kapitel hat euch gefallen, lasst mir doch gerne eure Meinung da.
Das Nikolaus Kapitel kommt wahrscheinlich erst im Laufe der Woche raus, da zwei Kapitel an einem Tag schon etwas viel sind, ich hoffe das ist in Ordnung. Bis hoffentlich nächstes Mal. LG–Lita.

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