Kapitel 3
Als Rina eines Abends von dem Spielen mit Kale zurück in den großen Speiseraum kam, warteten dort bereits die anderen. Das Essen wurde gerade ausgeteilt und so holte sie sich etwas ab, bevor sie sich setzen wollte. Allerdings wurde sie aufgehalten, als der Schamane sie bat, ihm zu folgen. Zu einem Tisch, den er nutzte, wenn er mit den Kindern sprechen wollte. "Ich möchte, dass du Kale heute Abend zum Unterricht begleitest."
Rina ließ sich ihm gegenüber nieder und fühlte sich ein kleines bisschen unwohl, weil sie glaubte, etwas falsch gemacht zu haben. Die Kinder, die hier mit dem Schamanen sprachen, sagten normalerweise nichts zu den anderen, weshalb diese es meistens nichts wussten.
„Was für Unterricht? Darf ich ihm zusehen?", fragte Rina neugierig und entspannte sich. Kale hatte bisher nur vage angedeutet, dass er abends wegen etwas Wichtigem nicht mit ihr spielen konnte.
"Du wirst mitmachen", entschied der Schamane mit einem Lächeln, bevor er auf ihr Essen deutete. "Iss ruhig, ich erklären dir alles."
Also fing sie an zu essen, konnte aber nicht verhindern, rot zu werden. Ihr Blick lag erwartungsvoll auf dem Schamanen, was er zu sagen hatte.
"Ich möchte, dass du zusammen mit Kale die Grundlagen der Welt lernst. Über deine Augen und deine Gaben", erklärte er, während er selbst ein Stück Brot abbrach und damit gekochtes Gemüse aufnahm und aß.
Rina hielt kurz im Löffeln ihrer Suppe inne, aß dann aber weiter. Ihr Gesicht war vor Freude, aber auch Stolz ein wenig rot geworden. Es war für sie eine Ehre, dass er sie auserkoren hatte. „Das freut mich", sagte sie überglücklich, nachdem sie heruntergeschluckt hatte. Am liebsten hätte sie die ganze Welt umarmt. „Was meinst du mit meinen Gaben?", wollte Rina jedoch nachdenklich wissen.
"Das wirst du noch erfahren", sagte er beruhigend und tätschelte leicht ihren Kopf. "Alles mit der Ruhe."
Rina lächelte und ließ den Blick durch den Raum schweifen. Die Kinder unterschiedlichen Alters lachten und plauderten fröhlich. Rina mochte es und hörte ihnen gerne zu, ohne mitzureden.
Da der Schamane nicht weiter auf die Sache mit der Gabe einging, erkundigte sich Rina, ob der Unterricht immer nach dem Abendessen war. So konnte sie planen, mit ihren Arbeiten bis dahin fertig zu sein.
Der Mann nickte. "Ja, aber einen Tag in der Woche hast du frei. So wie bisher immer", sagte er, während er seinen Teller leerte.
„Darf ich dich etwas fragen, Vater?", fragte Rina vorsichtig.
"Was möchtest du wissen, Rina?", erwiderte er die Frage mit einem Lächeln.
Rina druckste etwas herum, weil sie keine falschen Eindruck machen wollte, aber schließlich fragte sie mit gesenkter Stimme, ob er glaubte, dass ihre Mutter sie irgendwann noch abholen würde. Die Frage lag ihr immer noch auf dem Herzen, obwohl sie damit angefangen hatte, zu leben.
Er legte ihr eine Hand auf ihre kleine. "Du kannst hier so lange bleiben, wie du willst", sagte er sanft. "Ob deine Mutter kommt oder nicht, weiß ich leider nicht."
„Ich ... muss dir etwas gestehen", sagte Rina und senkte den Blick auf seine Hand. Sie drehte ihre um, sodass sie seine irgendwie nehmen konnte. „Ich möchte von hier nicht mehr weg. Ich liebe zwar meine Mutter, aber ihr Verhalten hat mir sehr weh getan", flüsterte sie bedrückt und schaffte es nicht, ihm ins Gesicht zu sehen. Damit die anderen nichts von dem Gespräch mitbekamen, senkte sie ihre Stimme eine Oktave weiter. „Aber du warst da und hast mich mitgenommen. Ich fühle mich bei dir und den anderen wohl."
Er legte ihr seine zweite Hand auf ihre, um diese zu halten. "Du musst hier nicht weg", versicherte er sanft. "Du kannst bleiben, solange du willst."
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Drachenaugen - Der Vertrauensbruch (Band 5) [Leseprobe]
FantasyNach ihrer Entführung kommen Fenrirs Erinnerungen an ihr altes Leben endlich zurück. Allerdings vertraut der Schamane und ihr bester Freund ihr nicht mehr. Geschweige denn die anderen im Dorf, in dem Fenrir lange Zeit gelebt hatte. Es hat sich eini...