Kapitel 4

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Zuhause angekommen ließen Mama und Papa mich wenigstens gleich in mein Zimmer gehen. Mein Kopf tat ziemlich weh und mir war auch noch ein bisschen schwindelig, jedoch hätte ich es im Krankenhaus wirklich nicht länger ausgehalten.
Immerhin hatte ich hier nun meine Ruhe. Ich stellte mein Gepäck einfach irgendwo ab und verkroch mich gleich in mein Bett. Ich war plötzlich so müde, obwohl ich im Krankenhaus eigentlich nichts anderes getan hatte, als zu schlafen.
Aber hier zu Hause dauerte es länger, bis ich auch nur ansatzweise dabei war, einzuschlafen und jedes Mal schreckte ich kurz davor wieder hoch. Warum, das wusste ich selbst nicht und schließlich gab ich es auf.
Ich lag einfach nur noch da und starrte an meine Zimmerdecke. Immer mal wieder überlegte ich, vielleicht etwas für die Schule nachzuholen, aber entschied mich jedes Mal dagegen.
Ganz ehrlich hatte ich langsam keine Lust mehr darauf zu lernen und am liebsten würde ich nie wieder in die Schule gehen, auch nicht wenn es mir wieder besser ging.
Denn egal wie sehr ich mich anstrengte, für meine Eltern war es nie genug und ich wusste nicht, ob ich nur für mich weiterkämpfen wollte. Eigentlich hatte ich immer Ärztin werden wollen, doch inzwischen war ich mir überhaupt nicht mehr so sicher, was ich im Leben eigentlich erreichen wollte.
Ob es sich überhaupt lohnte, sich weiterhin anzustrengen, wenn sowieso niemand da war der stolz auf mich war und das aufrichtig. Außerdem hatte ich das Talent, Unheil magisch anzuziehen. Zuerst das mit meiner Krankheit und nun häufte sich ein Unfall nach dem anderen an.
Schließlich lag ich schon wieder zu Hause, weil ich mit diesem Motorradfahrer kollidiert war. 'Nein, nicht nur dieser Motorradfahrer.', dachte ich. 'Jax, das war sein Name.', fügte ich hinzu und wie immer, wenn ich in den letzten Tagen an ihn gedacht hatte, musste ich unwillkürlich lächeln.
Doch als mir einmal mehr etwas bewusst wurde, erstarb dieses Lächeln sofort wieder. Denn ich würde ihn wahrscheinlich nie wieder sehen, davon war ich zumindest überzeugt.
Dabei war er der erste seit langem gewesen, der annähernd nett zu mir gewesen war. Das konnte ich von meiner Familie nicht behaupten und nennenswerte Freunde hatte ich auch nicht, weil meine Eltern mich regelrecht abschotteten.
Vor jedem, der irgendwie versuchte, Kontakt zu mir aufzubauen und das wusste inzwischen so gut wie jeder in der Stadt. Genau deshalb hielten sich so gut wie alle von mir fern.
Es wunderte mich ja, dass meine Eltern mir erlaubten, arbeiten zu gehen. Wenn sie wüssten, dass ich in Wirklichkeit in einer Kneipe aushalf und nicht dort wo sie dachten, würden sie ausflippen.
Und während ich so über mein bisheriges Leben nachdachte, schlief ich ein und durch bis zum nächsten Morgen.
Ich machte auch die nächsten Tage nichts anderes außer schlafen und lernen und nachdenken. Letztendlich hielt ich es zu Hause nicht mehr länger aus und ich beschloss, gegen den Rat der Ärzte, wieder zur Schule und auch zur Arbeit zu gehen.
Meine Eltern interessierte es eigentlich nicht, ob es mir schon wieder gut genug ging und so ließen sie mich machen. Meine Kopfschmerzen bekämpfte ich mit Tabletten und somit war ich am Abend einigermaßen fit genug für meine Schicht in der Bar.
Ich sagte meinen Eltern, dass ich ins Diner fahren würde und außer ein 'Bis dann' kam keine Reaktion von ihnen. Da mein Fahrrad seit dem Unfall kaputt war, musste ich laufen und deshalb früher los. Aber das machte nichts.
Im Gegenteil, die frische Luft tat mir ziemlich gut. Kurz bevor die ersten Gäste eintreffen würden, war ich in der Bar angekommen. Mein Chef war zwar überrascht, mich zu sehen, da ich es heimlich geschafft hatte mich eigentlich für länger krank zu melden.
Aber gegen meine Anwesenheit hatte er nichts einzuwenden. Es überraschte mich ebenfalls, dass noch keiner hier meinen Eltern von mir berichtet hatte. Allerdings waren die Gäste nach kurzer Zeit so betrunken, dass sie nicht mal mehr ihren eigenen Namen wussten und ich rief mir immer wieder in Erinnerung, dass ich das Geld unbedingt brauchte und sollte es jemals raus kommen, würde ich mich schon irgendwie heraus reden können. Das redete ich mir vor Beginn jeder Schicht immer wieder ein.
Nur so konnte ich irgendwann hier weg.Und es half mir, jede noch so doofe Schicht in diesem Etablissement zu überstehen. Obwohl es die meiste Zeit über ziemlich angenehm war, hier zu jobben. Die verschiedenen Drinks konnte ich inzwischen im Schlaf mixen und viele der Gäste gaben gutes Trinkgeld, welches ich auch behalten durfte.
Und im Gegensatz zum Diner, kamen hier keine Leute aus meiner Schule rein, da sie alle noch zu jung waren. Ich hatte hier also sozusagen meine Ruhe.
Ich begab mich in die Umkleide und legte dort meine Sachen ab, bevor ich mich umzog. Hier hortete ich meine ganzen Klamotten, die ich mir heimlich gekauft hatte und die meine Eltern nicht sehen durften. Ich musste mich nach ihren Vorstellungen kleiden, die ziemlich altmodisch waren. Bloß nicht zu aufreizend und unter allen Umständen mädchenhaft.
Die Folge waren Hänseleien in der Schule, aber das hatte sie noch nie interessiert. Für die Arbeit hier hatte ich mir von meinem Geld extra ein paar Teile gekauft, die anders aussahen, als meine übrigen Kleidungsstücke.
Auch nicht zu extrem freizügig, aber ich wurde so um einige Jahre älter geschätzt als ich war und außerdem fühlte ich mich so viel wohler.
Für heute entschied ich mich für eine dieser modernen Jeans mit Löchern und einem Oberteil mit Spitzenärmeln. Nachdem ich angezogen war, holte ich auch noch mein hier gehortetes Make-Up hervor, um mich wie immer ein wenig zu schminken.
Auch das war in meinem sonstigen Alltag unmöglich, weshalb ich froh war, diesen Job hier zu haben. Wenn meine Eltern das hier jemals herausfanden, war ich geliefert.
Aber solange der Besitzer des Diners mich deckte und mich auch sonst niemand erkannte, konnte das nicht passieren. Und wenn doch, würde mir schon irgendwas einfallen.
Inzwischen arbeitete ich schon fast ein Jahr hier und kam so wenigstens mal von zu Hause raus.
Das Schminken ging mir mittlerweile auch schon viel schneller von der Hand und somit stand ich nicht mal zehn Minuten später hinter der Bar, um mir meine Sachen zurecht zu legen.
Da eine Kollegin krank war, würde ich heute alleine sein, aber das war mir deutlich lieber. So konnte ich alles organisieren, wie ich es wollte und die ersten Gäste ließen auch nicht lange auf sich warten.
Die nächste halbe Stunde verbrachte ich also bereits mit Drinks mixen und Bestellungen verteilen. Alleine alle Tische zu bewirten war zugegebenermaßen nicht ganz einfach, aber ich schaffte es erstaunlich gut.
Jedenfalls jetzt noch, denn nach zwei Stunden war der Betrieb schon deutlich höher und ich hatte ziemlich damit zu tun, allen gerecht zu werden. Dennoch gab ich mein Bestes und nachdem ich ein System gefunden hatte, kam ich super klar. Und das Trinkgeld, was die Leute mir heute gaben, konnte sich wirklich sehen lassen. Alleine zu arbeiten hatte also definitiv nur Vorteile für mich und daran konnte ich mich wirklich gewöhnen. Die teils obszönen Kommentare überhörte ich inzwischen einfach und mir wurde klar, dass man sich tatsächlich an alles gewöhnen konnte.
Irgendwie klappte das mit allem, man musste es nur wollen. Da gerade wieder weniger los war, hatte ich Zeit, hinter der Bar aufzuräumen. Ich spülte die verschmutzten Gläser, putzte den Tresen und schnitt neue Limetten und Zitronen für die Drinks klein.
Anschließend ging ich an jedem Tisch vorbei, um neue Bestellungen aufzunehmen und ab zu kassieren. Das machte ich regelmäßig, damit die Leute keine zu hohe Rechnung anhäufen konnten, die dann nicht bezahlt wurde. Und das kam leider ziemlich oft vor, deshalb hatte ich mir auch hierfür etwas einfallen lassen.
Ich war gerade wieder hinter der Bar angekommen, als die Tür aufging und neue Gäste herein kamen. Zuerst sah ich sie nur im Augenwinkel, doch sie erregten meine Aufmerksamkeit und ich sah direkt in ihre Richtung.
Nein, ich hatte mich nicht geirrt. Herein gekommen waren tatsächlich Jax und seine drei Kumpels, die sich nun gemeinsam an einem der Tische nieder ließen.
Und ich musste mir selbst eingestehen, dass ich erstmal überrascht war, sie hier zu sehen. Ich war nämlich eigentlich der Meinung gewesen, sie wären bereits abgereist. Aber gleichzeitig freute ich mich auch irgendwie, was ich mir jedoch selbst nicht erklären konnte. Immerhin hatte ich die Männer nur kurz kennengelernt und wenig mit ihnen gesprochen, vor allem da meine Eltern dazwischen gefunkt hatten.
Allerdings hatten sie trotzdem irgendwie mein Leben gerettet, wenn man es so bezeichnen konnte und dafür war ich ihnen wirklich dankbar. Nur leider hatte ich ihnen das persönlich nicht so sagen können, da meine Eltern sie ja weg geschickt hatten. Vor allen Dingen freute ich mich allerdings, Jax zu sehen, das konnte ich nicht leugnen.
Er war mir die letzten Tage ja schon nicht mehr aus dem Kopf gegangen und ich musste einfach lächeln, jetzt da er hier war und ich doch nochmal die Gelegenheit hatte mit ihm zu sprechen. Denn eigentlich hatte ich geglaubt, ihn nie wieder zu sehen.
Ich räumte noch schnell ein paar frisch gespülte Gläser auf und nahm dann gleich meinen kleinen Notizblock, sowie meinen Stift zur Hand, bevor ich hinter der Theke hervor trat. Zielstrebig lief ich auf die Gruppe von Männern zu, die sich gerade an einem der Tische niedergelassen hatten. "Guten Abend, die Herren. Was darf ich ihnen bringen?", fragte ich und verhielt mich somit genauso, wie bei allen anderen Gästen auch.
"Jeweils eine Flasche Bier.", antwortete Jax. "Das sollte fürs Erste reichen." Ich nickte und notierte mir die Bestellung, wobei mir nicht entging das die Biker mich interessiert musterten.
"Sag mal, Kleines.. du kommst mir so bekannt vor. Kennen wir uns irgendwo her?"
Chibs war der erste von ihnen, der mich offenbar erkannt hatte und nun schien auch den anderen Jungs ein Licht auf zu gehen.
Es war zwar noch nicht allzu lange her, seitdem wir uns das letzte Mal gesehen hatten, allerdings hatte ich da ausgesehen wie eine brave Streberin, die ich ja nun mal auch war.
Doch hier konnte ich mit dem Aussehen einer grauen Maus nicht punkten, weshalb ich mich vorhin ja zurecht gemacht hatte. Wahrscheinlich hatten die Männer deshalb länger gebraucht, mich wieder zu erkennen.
"Aber natürlich.. Klar! Du bist das Mädel, dass Jax vom Fahrrad geholt hat!", meinte nun Tig. "Courtney, oder?", fragte er anschließend. "Katey.", verbesserten Jax und ich ihn gleichzeitig und ich musste lächeln.
Irgendwie hatte ich nicht damit gerechnet, dass er sich noch an mich erinnern konnte oder besser gesagt erinnern wollte, nachdem meine Eltern so eine Show abgezogen und die Jungs aus dem Krankenhaus geschmissen hatten. Und ich freute mich sehr darüber, sie nun wieder zu sehen, vor allem aber Jax.
"Oh, ja stimmt. Katey, genau.", meinte Tig und Jax grinste mich an. "Er hat kein besonders gutes Gedächtnis, das musst du entschuldigen.", meinte der blonde Biker und wir alle musste lachen.
"Kein Problem.", erwiderte ich. "Aber jetzt erzähl mal, wie geht's dir? Du siehst schon viel besser aus, im Gegensatz zum letzten Mal, als wir uns gesehen haben.", merkte Jax an und ich strich mir verlegen eine Haarsträhne hinters Ohr.
Verlegen war ich deshalb, weil es mir noch immer peinlich war, wie meine Eltern sich benommen hatten. "Danke.", sagte ich und konnte es mir einfach nicht verkneifen, gleich eine Entschuldigung hinterher zu schieben.
"Hört zu, Jungs.. Es tut mir wirklich leid, wie sich meine Eltern aufgeführt haben. Ich habe mich wirklich über euren Besuch in der Klinik gefreut und wenn es nach mir gegangen wäre, dann.."
Nun erhob Juice das Wort und unterbrach mich somit beim Reden. "Da zerbrich dir mal nicht dein süßes Köpfchen, Liebes.", meinte er. "Wir sind solche Reaktionen gewohnt. Vor allem von spießigen Leuten, die uns Outlaws für gefährlich und irre halten, nur weil wir Motorrad fahren und Kutten tragen.", fügte er hinzu.
"Ich halte euch nicht dafür.", warf ich ein und die Männer fingen an zu lachen. "Was ist so komisch? Ihr seid doch bestimmt nicht so, wie diese Menschen euch beschreiben, nur weil ihr Motorrad fahrt. Oder?", wollte ich wissen.
"Wie genau jetzt?", fragte Jax. "Gefährlich oder irre?", erkundigte er sich. "Beides.", erwiderte ich und hielt seinem Blick stand, mit dem er mich durchdringend ansah. Allerdings wurden wir von einem anderen Gast unterbrochen, der lauthals nach der Kellnerin verlangte. Also nach mir.

Becoming an Old LadyWo Geschichten leben. Entdecke jetzt