Weihnachten ist ja bekanntlich das Fest der Familie. Für die meisten Leute gehört dazu auch ein üppiges Essen in geselliger Runde, was Weihnachten auch gleichzeitig zum Fest der Kalorien machte. Um nicht wieder über den Winter Fett anzusetzen und im Frühjahr so hart an meiner Schwimmbad-Figur arbeiten zu müssen, entschloss ich mich dieses Jahr auch über die dunkle und kalte Jahreszeit hin fit zu halten und möglichst regelmäßig Joggen zu gehen. Das tat ich dann auch regelmäßig – bis an diesen einen Tag...
Es war ein harter Arbeitstag gewesen, an dem es mal wieder länger geworden war. Das Gemecker und die hohlen Fragen der Kunden lagen mir noch in den Ohren als ich im lockeren Dauerlauf in den Wald einbog. Große Lust auf diese Laufeinheit hatte ich nicht gerade, denn es war schon spät, nasskalt und die Sonne ging gerade unter. Ich hatte kurz mit mir gerungen und mich dann doch noch motivieren können. Ich hatte mehrere Lagen und eine Mütze angezogen, die mich vor der Witterung schützten und eine Stirnlampe für die Dunkelheit. Zudem freute ich mich schon riesig auf die heiße Dusche danach. Gibt es ein schöneres Gefühl, als nach solchen Anstrengungen zufrieden unter dem wohlig warmen Strahl auszuharren? Ich glaube es kaum und spätestens dann wäre auch der ganze Arbeitsstress vergessen.
Als ich also meine gewohnte Runde durch den Wald lief wurde es immer dunkler und Nebel zog auf. Auch der Akku meiner Stirnleuchte schien nicht voll aufgeladen gewesen zu sein, denn der Schein schwächelte allmählich. Naja, den Weg bin ich schon so oft gelaufen, den finde ich selbst blind, dachte ich mir und beschleunigte etwas mein Tempo, da ich schnell wieder zuhause sein wollte.
Etwa bei der Hälfte der Strecke gabelte sich der Fußweg und bei den spärlichen Lichtverhältnissen wirkte diese Stelle gar nicht mehr vertraut. Ich dachte kurz nach, versuchte mich an meine früheren Läufe zu erinnern und entschied mich für die rechte Abzweigung.
Ich fühlte mich in meiner Entscheidung bestätigt, als mir der Weg für einige hundert Meter vertraut vorkam, doch dann wurde der Pfad immer matschiger und der Nebel immer dichter. Auch die Bäume entlang des Waldwegs wirkten im fahlen Licht meiner Lampe immer knorriger und bizarrer. Soll ich umdrehen, fragte ich mich selbst, doch anfangs war ich ja richtig, da war ich mir ganz sicher.
Ich lief also weiter, ein ungutes Gefühl lastete dabei schwer auf meinen Schultern und die Anstrengungen der sportlichen Ertüchtigung merkte mein Körper auch zunehmend.
Nach einer Weile endete der Trampelpfad und ich erreichte eine Lichtung. Dichte Nebelschwaden hingen hier und wurden vom Mondlicht erhellt. Was eine Suppe, dachte ich und versuchte mich zu orientieren. Ich war definitiv nicht auf meiner gewohnten Strecke, das erkannte ich als ich Umrisse von Gebäuden in der Ferne erblickte.Ich atmete schwer, als ich auf die Häuser zu ging. Als ich nah genug war, merkte ich, dass ich wohl am alten Munitionsbunker des Militärs angelangt sein musste. Ich war dort noch nie zuvor gewesen, hatte nur davon gehört und konnte diesen Ort daher grob zuordnen.
Wie komme ich jetzt am schnellsten wieder heim, ging es mir durch den Kopf. Vielleicht gab es ja eine Karte oder einen Wegweiser auf dem Gelände? Ich bewegte mich eine Weile durch die ehemalige Militärbasis. Ich musste in Bewegung bleiben, damit ich nicht auskühle, musste aber auch meine Kräfte sparen für den Heimweg.
Nach einer Weile fand ich dann auch ein Schild, das eine Übersicht über die Anlage zeigte und ich versuchte diese zu studieren, was mir nicht leichtfiel, da meine Leuchte nun schon fast gänzlich erloschen war.
Und dann hörte ich plötzlich ein seltsames, lautes Geräusch, welches ich nicht zuordnen konnte. Es klang wie ein schriller Schrei eines Tieres... Vielleicht der eines Vogels?
Ich blickte in die Richtung, aus der ich das Geräusch vernommen hatte und erkannte durch die Nebelschwaden die Umrisse einer dunklen, menschenähnlichen Gestalt auf dem Flachdach eines der verfallenen Gebäude. Das Wesen war etwa zwei Meter groß und verfügte über Flügel, mit denen es aufgeregt flatterte. Es wirkte kräftig und hatte zwei große runde, rot leuchtende und hypnotisierend wirkende Augen. Schemenhaft sah ich wie die Erscheinung aufstieg, dabei einiges an Laub aufwirbelte und mit einem weiteren markerschütternden Laut auf mich zuflog.Mir war jetzt egal, was es war. Ich hatte es als Gefahr identifiziert und nahm die Beine in die Hand. Ich rannte in die Richtung, aus der ich vermutlich gekommen war. Genau konnte ich das jetzt nicht mehr sagen. Bald schon erreichte ich das Ende der Lichtung und eilte in den Wald. Hier war kein Trampelpfad und ich lief einfach so zwischen den Bäumen hindurch, musste nur vor dichtwachsenden Büschen und umgestürzten Baumstämmen ausweichen. Über mir sah ich die Gestalt fliegen – mit sehr hoher Geschwindigkeit. Ich kann dem Ding nicht davonlaufen, wenn es so schnell ist, lauteten meine Gedanken und doch musste ich es versuchen. Denn wer aufgibt, hat schon verloren!
Ich bewegte mich also weiter in den Wald hinein, musste dann jedoch anhalten, als sich mein warmer Pulli in den Dornen eines Busches verfing. Panisch zog ich an den Ästen des Busches um mich zu befreien, als über mir das Wesen im Gleitflug kreiste. In diesem Moment versagte meine Stirnleuchte gänzlich und stellte den Dienst komplett ein. Es war nun stockdunkel und ich hörte das Flattern und die Flügelschläge der Kreatur hoch über mir.
In Todesangst und völliger Dunkelheit riss ich mich los und lief um mein Leben. Ich rannte, rannte und rannte. Irgendwann konnte ich die Gestalt, welche mich verfolgt hatte weder hören noch sehen. Sie musste wohl abgedreht sein. Wirklich sicher fühlte ich mich aber nicht, da ich mich im dunklen Wald verlaufen hatte und dieses Ding jederzeit wieder auftauchen könnte.
Ich lief also noch eine Weile ziellos umher, bis ich irgendwann Geräusche einer vielbefahrenen Straße aus der Ferne vernehmen konnte. Ich konnte den Verkehrslärm örtlich einordnen und nachdem ich ein paar hundert Meter in die Richtung gelaufen war, erreichte ich die Bundesstraße auch unbeschadet.
Dort stellte ich mich an den Rand der Fahrbahn und machte auf mich aufmerksam, indem ich wild mit den Armen umherfuchtelte. Ein paar Autos ignorierten mich und fuhren einfach vorbei, aber dann hielt ein Fahrzeug an und nahm mich mit in die Stadt. Natürlich fragten mich die Insassen, wie ich hierhergekommen sei und wieso ich so dreckig sei. Da sah ich an mir herab und stellte erschrocken fest, dass meine lange Jogginghose zahlreiche Löcher hatte, mein Pulli auch. Überall waren Schlammflecken und auf meiner Mütze hing ein kleiner Tannenzweig. Ich versuchte meine Eindrücke zu schildern, ohne wie ein Verrückter zu klingen, aber die netten Menschen, die mir in meiner Verzweiflung geholfen hatten, glaubten mir kein Wort. Sie baten mich beim Ortsausgang auszusteigen, was ich auch gerne tat, denn es war nun nicht mehr weit bis nach Hause.
Nachdem ich zuhause angekommen war, legte ich die schmutzige Sportwäsche ab und verschwand unter der ersehnten heißen Dusche, wo ich noch einmal detailliert über meine Sichtung nachdachte.
Danach schwang ich mich an meinen Schreibtisch, startete meinen Computer und bemühte das Internet mit den Eindrücken, die ich zuvor gemacht hatte. Meine Recherche ergab, dass ich wohl Mothman, den Mottenmann gesehen haben musste, denn was das Internet zu diesem mystischen Wesen preisgab, passte perfekt auf die Gestalt, die ich gesehen hatte.
Es dauerte einige Wochen, bis ich mich wieder traute im Wald Joggen zu gehen. Mein Lauftraining hielt ich ab sofort nur noch bei Tageslicht ab und nahm immer mein Handy mit. Den Mothman habe ich nie wieder gesehen.
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Schauergeschichten (Creepypasta)
TerrorSo langsam neigt sich der Sommer zu Ende und die Tage werden kürzer. Für mich ist das die Zeit, in der ich mich gerne ein bisschen gruseln möchte. Dir geht es genauso? Dann hab ich etwas für dich: Eine Sammlung an gruseligen Schauergeschichten! Perf...