Bei dem Schrei der Eule war ich doch tatsächlich zusammengezuckt. Innerlich lachte mich eine kleine, gemeine Stimme dafür aus. Als Kind, hatte ich schließlich mit meinen Eltern und meinen Brüdern ebenfalls in einer ländlichen Gegend gewohnt und musste meine Brüder manchmal, an den abgelegensten Orten, am Abend suchen. Nur hatte ich damals noch die kindliche Naivität besessen, dass mir nichts passieren konnte. Heute gingen mir tausende Szenarien durch den Kopf, wenn ich nicht aktiv dagegen steuerte.
Eine der besten Möglichkeiten diese Gefahren auszublenden war, mir die Kopfhörer in die Ohren zu stecken und meine Musik laut aufzudrehen. Das war eine allgemeine Taktik von mir, ungewollte Geräusche auszublenden. Ob es nun der Nachbar war, der sein gefühltes hundertste Regal an der Wand befestigte oder der Stadtlärm auf dem Weg zur Arbeit. Wenn ich es könnte, würde ich sogar die Stimmen auf der Arbeit damit ausschalten, aber da sprach eine gewisse "Arbeitsschutzverordnung" dagegen. Zu meiner Freude hatte Logan, der jüngste meiner großen Brüder, neue Lieder auf unsere gemeinsame Spotify-Playlist gesetzt. Wir hörten beide gerne Metal und Punkrock, was in den Ohren unserer Brüder einfach nur Krach war. Bei Logan hatte man manchmal das Gefühl, dass er etwas mochte, sobald er wusste, dass unsere Brüder es nicht mochten.
Mit lauter Musik in den Ohren ging ich weiter in den Wald. Dabei folgte ich einem Trampelpfad und achtete gar nicht so großartig auf meine Umgebung. Erst, als mir ein Lichtstrahl direkt ins Gesicht schien, bewunderte ich das Bild, dass sich mir bot, als die letzten Sonnenstrahlen durch die Baumkronen fielen. Die Lichter tauchten den Wald in eine mystische Atmosphäre und die untergehende Sonne zog die Schatten der Bäume immer länger. Die Blätter machten das ganze Schattenspiel noch interessanter, indem sie im leichten Wind immer wieder ihre Position änderten, als würden sie tanzen. Ich war ganz fasziniert von dem Schauspiel, das sich mir bot und setzte mich auf einen Baumstumpf, der sich in der Nähe befand. Die Zeit vergaß ich dabei total. Schnell wurde es immer dunkler im Wald. Ich wollte gerade auf das Display meines Handys schauen, als mir dieses nur noch einen leeren Akku bestätigte und aus ging. Mist! Frustriert nahm ich die Kopfhörer aus meinen Ohren und verstaute sie in meiner Jackentasche. Ich atmete einmal tief ein und dann wieder aus. Ich müsste mich wohl langsam auf den Rückweg machen.
Ein Schrei riss mich aus den Gedanken und ich stellte mich kerzengerade hin, bevor ich mich in Bewegung setzte. Eine Eule flog über meinen Kopf hinweg und ich könnte schwören, es war die selbe, die ich auch schon am Waldeingang gesehen hatte. Wie konnte eine Eule einem solch einen Schrecken einjagen? Mein Herz schlug mir bis zum Hals und ich beschleunigte meine Schritte. Den Trampelpfad, dem ich im Wald gefolgt war, konnte ich nur schlecht erkennen. Was sag ich da? Den konnte ich gar nicht mehr sehen. Also lief ich nur den Weg lang, von dem ich dachte, dass ich ihn auch hier her gegangen war. Aber die Dunkelheit ließ alles anders wirken. Meine mangelnde Orientierung, gepaart mit dem mangelnden Wissen über die Baumarten und Pflanzen hier, würden zwar so oder so dafür sorgen, dass ich verscheiden Waldabschnitte nicht auseinander halten konnte, doch kam mir der Wald, in diesem Moment, komplett fremd vor. Innerlich machte sich wieder diese kleine, gemeine Stimme über mich lustig, wie ich auch nur auf die selten dämliche Idee kommen konnte, kurz vor Einbruch der Dunkelheit in den Wald zu gehen. Sie hatte also nichts Hilfreiches zu vermelden.
Ich blieb stehen und schaute mich nochmal in Ruhe um, auch, wenn mich die Geräuschkulisse des nächtlichen Waldes mehr als nervös machte. Ob es hier Wölfe gab? Oder Wildschweine? Wieder und wieder schaute ich mich um und versuchte irgendetwas Bekanntes zu finden, obwohl die Chancen dafür denkbar schlecht aussahen. Bei ein paar Sträuchern blieb mein Blick hängen. War ich vorhin nicht an einer Menge Sträucher vorbei gekommen? Klar, hier gab es bestimmt viele Sträucher, aber hatte ich diese nicht vorhin gesehen? Hach, warum habe ich nicht besser auf meine Umgebung geachtet? Da ich bei der Dunkelheit einfach nicht mit Sicherheit sagen konnte, ob ich an diesen Sträuchern vorbei gekommen war, versuchte ich mein Glück in dieser Richtung. Im selben Moment, als ich an ihnen vorbei war, wusste ich, dass dieser Weg alles war, nur nicht mein Glück.
In dem Moment, indem mein Fuß auf ein paar feuchten Blättern ins Rutschen kam, war meine größte Angst, schmerzhaft auf meinem Hintern zu landen. Als der Sturz aber auch dann noch nicht zu Ende war, wandelte sich die Angst vor dem Aufprall in blanke Panik. Auch mein Rücken machte schmerzhaft Bekanntschaft mit dem Waldboden, auf dem ich immer weiter rutschte. Ich ließ mein Handy, das ich bis dahin in der Hand hielt, fallen und versuchte mit den Armen meinen Fall irgendwie abzuschwächen. Schützend hielt ich sie vor mein Gesicht, damit die Zweige, an denen ich vorbei rollte, mich dort nicht verletzten. Das half nur nicht viel, da mein Bein irgendwo hängen blieb. Bis ich endlich komplett zum Stillstand kam, gab mein Bein ein beunruhigendes Knacken von sich. Zusammengekauert lag ich da, hielt den Schrei, den ich von mir geben wollte, zurück. So ein Dreck! Ich brauchte einen Moment, um mich zu beruhigen, ehe ich nach meinem Handy tastete. Natürlich fand ich es nicht. Wieso auch? Mit dem leeren Akku hätte es mir eh Nichts mehr gebracht. Was war das auch für eine dumme Idee von mir? Hätte ich mich nicht mit der Wandertour morgen zufrieden geben können?
Auf einem Baum in der Nähe landete eine Eule, die mit ihrem Flattergeräusch meine Aufmerksamkeit, voll und ganz, auf sich zog. Die Eule! Als wollte sie mich jetzt auch noch höhnisch auslachen.
Verdammt! Verdammt!
Ich war frustriert! Ich war sauer auf mich! Ich war orientierungslos und hatte Schmerzen! Hätte ich doch nur in der Herberge gewartet. Eine Windböe fegte über den Boden und ließ mich spüren, dass der Ort, an dem ich lag, auch nicht gerade trocken war. Die Nässe zog in meine Sachen, sodass diese eine perfekte Angriffsfläche für den Wind boten. Die Kälte kroch schnell unter meine Sachen und ließ mich zittern. Was sollte ich denn jetzt machen? Ich setzte mich langsam auf, bedacht darauf, nicht zu viel Gewicht auf mein verletztes Bein zu verlegen. Jetzt war es noch kälter, wenn der Wind vorbeizog, doch meine Sachen konnten somit nicht noch mehr durchweichen. Ob nun das Eine oder das Andere besser war, wusste ich nicht. Ich schaute den kleinen Abhang hinauf, den ich herunter gerollt war. Da würde ich nicht mehr hoch kommen. Vor allem nicht, mit meinem verletzten Bein. Ich winkelte das intakte Bein an und schlang meine Arme darum. Verdammt! Was mache ich denn jetzt? Tränen stiegen mir in die Augen und ich sah keinen Grund sie zurückzuhalten. "Verdammt!", gab ich frustriert von mir und brachte damit alle meine inneren Dämme zum Einsturz. Ich musste heftig schluchzen und ließ meinen Tränen freien Lauf.
Erst ein erneuter Schrei der Eule in meiner Nähe, ließ mich abermals zusammenzucken und ich verstummte kurz. Ich drehte mich zu der Eule und sah sie an. Sie schien mit der Dunkelheit fast zu verschmelzen. Schon am Waldeingang fand ich ihre Färbung ungewöhnlich dunkel und untypisch, aber da schob ich es auf die Entfernung, aus der ich sie sah. Jetzt war es wahrscheinlich die Dunkelheit, die sie so wirken ließ. Es war, als würde sie mich auch kurz ansehen, ehe sie ihren Kopf ruckartig drehte und in Richtung des kleinen Abhangs sah. Wieder stieß sie einen lauten Ruf aus. Ein ganz schön mitteilungsbedürftiges Wesen.
Nach einigen Sekunden erschallte wieder ein Ruf. Ich wurde unruhig. Warum schrie sie denn so oft? Hatte das irgendwas mit der Balz oder so zu tun?
Wieder ein Ruf. Oder war irgendwas in der Nähe?
Wieder schrie die Eule, nur dieses Mal raschelte es auch in dem Gestrüpp am Abhang. Mein Blick schnellte in Richtung des Abhangs. Was war das? Hinter mir rief die Eule abermals. Mein Puls vollbrachte wahrscheinlich gerade Höchstleistungen. Ich zog mich mit den Händen ein Stück nach hinten, damit ich in der Dunkelheit der Bäume Schutz fand. Was wenn es hier wirklich Wölfe oder Wildschweine gab? Dann würden mich die Bäume auch nicht schützen. Das Geraschel wurde lauter und man konnte deutlich hören, dass sich etwas näherte. Wieder stieß die Eule einen Schrei aus. Wütend schaute ich über mich, wo sich nun die Eule befand. Konnte sie nicht einfach still sein?
Ich nahm kaum noch das Geraschel wahr, denn in meinen Ohren fing es an zu rauschen. Die Panik schien gerade ihren Höhepunkt zu erreichen, als es plötzlich leise flüsterte.
"Gleich bist du gerettet...". War das eine Frauenstimme?
In dem Moment kam eine große Gestalt aus den Gebüsch und ließ sich langsam den Abhang hinab. Es war ein Mann mit dunklen Haaren, der geradewegs auf mich zukam.
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Kimberly - Tochter des Waldes
FantasiaKimberly ist genervt. Sie fährt mit ihren verhassten Kollegen auf einen Betriebsausflug. Ihr bester Freund Steve ist da auch keine große Hilfe, denn er ist nur mit seinem Freund beschäftigt. Als sie dann noch versucht gegen die Avancen des Abteilun...