Kapitel 2

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Am nächsten Tag sollte es eine Wanderung durch den Wald geben. Gnädig, wie unser Chef war, ließ er uns allerdings diesen Abend Zeit, um uns Alles anzuschauen.
Da mir die Gegend auf den ersten Blick ganz gut gefiel, wollte ich mit Steve die Umgebung noch ein wenig erkunden. Ich musste ihn auch nicht lange suchen. Er saß draußen, vor der Herberge, auf einer Bank. Doch als ich ihn grinsend am Handy sah, ahnte ich böses. Er hatte sich doch nicht mit Shawn vertragen, oder?


Ich schickte sämtliche Bitten gen Himmel, dass man doch gnädig sein solle und dieser Ausflug doch bitte ein wenig Gutes bringen sollte. Aber jegliche Hoffnung wurde zerstört, als Steve mich erblickte, noch breiter grinste und mir seinen Handybildschirm vor die Nase hielt. "Schau mal, was Shawn mir gekauft hat, um sich zu entschuldigen."
Auf dem Bild war besagter Shawn, der zwei Karten und einen Blumenstrauß in der Hand hielt. „Die Karten sind für die Show, die ich mir anschauen wollte! Er wusste das noch und hat Karten besorgt - für die erste Reihe!", freute er sich. Wenn Steve so aus dem Häuschen war, dann war er zu Nichts zu gebrauchen. Zumindest redete er dann übertrieben viel und hörte einem nicht richtig zu.
„Schön für dich.", gratulierte ich ihm etwas bissig, „Ich mach dann mal alleine eine kleine Erkundungstour." Steve starrte grinsend auf seinen Display und gab nur einen zustimmenden Laut von sich. Wie ich gesagt hatte, er hörte einfach nicht zu.


Da es noch ziemlich hell draußen war, schaute ich erstmal auf meinen Handydisplay. Es war gerade mal 16:00 Uhr und es gab von 19:00-21:00 Uhr Abendbrot in der Cafeteria.
Also ging ich alleine los. Zuerst wollte ich unsere Unterkunft genauer unter die Lupe nehmen. Die meisten meiner Kollegen schienen wirklich in ihren Zimmern zu bleiben, denn es war wie ausgestorben. Erst im Essensraum fand ich jemanden. Zu meinem Pech war es Jennifer, die sich gerade versuchte an Gabriel ranzumachen. Diesem schien es allerdings sichtlich unangenehm zu sein. Er beugte seinen Oberkörper etwas nach hinten, als sie näher kam. Sie allerdings nutzte es aus, dass er an einem Tisch stand und nicht wirklich fliehen konnte. Die Frau hatte wirklich kein Niveau.
Da mir die Situation ebenfalls unangenehm war, versuchte ich leise zu gehen. Doch, weil der liebe Gott mich anscheinend nicht leiden kann, schaute Gabriel genau in diesem Moment in meine Richtung und griff sofort nach dem rettenden Seil, dass sich ihm dadurch bot.

 „Kimberly!", rief er erleichtert und drängte sich an Jennifer vorbei. Diese verzog ihr gerade noch erfreutes Gesicht zu einer grimmigen Maske. Innerlich sagte ich mir, dass der Ausflug, genau jetzt, nur noch schlimmer werden konnte. Aber da hatte ich mich ja heute schon ein paar Mal geirrt. „Gut, dass ich dich treffe!", meinte Gabriel mit einem Lächeln, als er bei mir angelangt war, „Ich soll dir von meiner Sekretärin ein großes Danke ausrichten. Sie hatte schon gedacht, dass sie das reinste Chaos erwarten würde, doch du hast deine Arbeit wirklich grandios gemacht. Von mir auch nochmal ein großes Danke." Davon konnte ich mir jetzt auch nichts kaufen. Trotzdem lächelte ich freundlich zurück. „Sie brauchen mir nicht danken. Schließlich war es ja meine Arbeit und Arbeit sollte immer ordentlich gemacht werden." „Ich hatte dir doch gesagt, dass du mich ruhig duzen  kannst, Kim." Und ich hatte ihm letzte Woche schon gesagt, dass ich das mehr als unangebracht fand, da er mein Vorgesetzter war und die anderen das auch nicht dürften. Zudem hatte sich Jennifers Blick nach einem kurzen Schrecken über die, nicht vorhandene, Vertrautheit hasserfüllt an mich geheftet.
Ich war sowas von geliefert. „Ich hatte vor hier mal zu fragen, ob man sich etwas zu Essen zum Mitnehmen machen kann und dann wollte ich mir mal die Gegend anschauen.", erzählte mir Gabriel, „Willst du mit?" Bei diesem Angebot musste ich abwägen. Wollte ich einen einsamen Ausflug mit einem nervigen und überglücklichen Steve oder wollte ich lieber ein wenig angenehme Gesellschaft und dafür Jennifers Hass auf mir. Die zweite Option klang besser. Gabriel wollte sich schließlich nur vor Jennifer retten und ein guter Gesprächspartner, war er ja eigentlich auch. Ach, warum nicht?
„Klar! Ich hatte fast den gleichen Gedanken.", gab ich freundlich lächelnd von mir. Ich muss schon sagen, dass Jennifers Blick mich für einiges entschädigte. Zumindest hatte ich ihr Ziel für den Ausflug gerade zerstört.
Etwas besser gelaunt, ging ich also mit Gabriel zu einer Tür in der Cafeteria, die mit dem Schriftzug ‚nur für Personal' verschönert war und Gabriel klopfte an. Jennifer hingegen stampfte in Richtung der Zimmer. Auf mein Gesicht schlich sich ein Grinsen. Ja, ich gebe zu, dass ich eine gehässige Ader habe, aber ich hatte Jennifer schließlich nicht direkt geschadet. Warum sollte ich also nicht ein wenig Freude an ihrem Leid haben?

Diese Freude verflog schneller, als ich es erwartet hatte. Mittlerweile saß ich mit Gabriel auf ein paar Steinen am Waldrand und wir aßen die Brote, die wir netterweise vom Küchenpersonal bekommen hatten. Der Rundgang war eigentlich ganz lustig gewesen, aber Gabriel lenkte unsere Gespräche immer weiter von der Arbeit weg und versuchte mit mir über Privates zu reden. Im Punkto Hobbys, ging ich ja noch mit, doch als er anfing über unsere Interessen und privaten Umfelder zu reden, versuchte ich abzublocken. Das hielt ihn nicht davon ab, es jetzt wieder zu versuchen.
„Und, Kim? Hast du Geschwister?", fragte er mich, nachdem er lange über seinen Bruder und dessen Frau gesprochen hatte.
„Ja.", antwortete ich und überlegte erst, ob ich noch etwas hinzufügen sollte. Aber da Gabriel schon Luft holte, um mich weiter auszufragen, sprach ich schnell weiter: „Drei große Brüder. Sie sind alle drei im handwerklichen Bereich tätig. Zwei von ihnen sind glücklich verheiratet." Ich verzog etwas das Gesicht, als ich daran dachte, wie mich Jonathan, der Mittlere der drei, regelrecht mit Fragen gelöchert hatte. Er hatte das letzte Familientreffen allgemein dazu genutzt, den großen Bruder raushängen zu lassen und wo könnte er das besser, als bei seiner kleinen Schwester, die noch immer Single war.
Gabriel redete währenddessen immer weiter und stellte immer wieder Fragen, die ich meist knapp beantwortete. Ich kam nicht drum rum mich zu fragen, ob er zu anderen Kolleginnen auch so war.

Als es langsam dunkel wurde, machten wir uns auf den Rückweg. Wir wollten gerade in den Speisesaal gehen, als Gabriels Handy klingelte. Nach einem kurzen Gespräch legte er auf und sah mich an. „Sorry, Kim, aber das war der Chef. Er hatte anscheinend schon öfter probiert mich zu erreichen und war ziemlich sauer. Ich geh vor dem Essen lieber mal zu seinem Zimmer.", verabschiedete er sich.
Ich überlegte, ob ich alleine essen gehen sollte, doch als ich Jennifer an einem der Tische sah, beschloss ich, dass mir die Brote von vorhin völlig reichten. Zur Not, hätte ich noch ein paar Snacks in meiner Tasche.
Da unsere Unterkunft allerdings nicht wirklich eine Beschäftigungsmöglichkeit bot, beschloss ich nochmal raus zu gehen und ohne Gabriels Gerede die Ruhe der Natur zu genießen. Draußen stellte ich fest, dass die Natur und vor allem der Wald bei Dunkelheit dezent furchteinflößend aussehen konnten. Das wurde auch nicht besser, da eine Eule mit einem lauten Schrei an mir vorbeiflog, als ich mich in Richtung Wald aufmachte.

Kimberly - Tochter des WaldesWo Geschichten leben. Entdecke jetzt