Dafür, dass der Mann den Weg zur Unterkunft recht langsam ging, war ich ihm sehr dankbar. Er bemühte sich mein Bein nicht allzu sehr zu belasten und ich konnte mich nach und nach beruhigen. Nicht, dass der Schmerz irgendwie besser wurde, aber ich konnte es ertragen. Meine Atmung beruhigte sich auch langsam und ich versuchte ein wenig auf die Umgebung zu schauen. Ich hatte zwar absolut keine Intention wieder hierher zu kommen, aber auf was sollte ich sonst schauen. Doch wie erwartet war es so dunkel, dass man die Hand kaum vor Augen sah. Wie konnte sich der Mann hier nur zurechtfinden?
„Wie ist eigentlich Ihr Name?", sprach ich meinen plötzlichen Gedanken laut aus. Ich brauchte Ablenkung, damit ich mich nicht auf den Schmerz konzentrieren konnte. Er schaute weiter nach vorn, schien keinerlei Probleme mit der Dunkelheit zu haben. „Yarick.", kam es nur kurz und knapp von ihm. Mensch, so ausführlich hätte seine Antwort doch nicht sein müssen. Ich hörte keinerlei Anstrengung aus seiner Antwort heraus, was ich eigentlich erwartet hatte, wenn man bedachte, dass er eine erwachsene Frau nachts durch den Wald trug. Ob er im Wald lebte? Seine Eigenheit, mit einer Eule zu sprechen, sprach irgendwie dafür. Außerdem schien er nicht einmal überlegen zu müssen, wo er lang musste. Das war doch alles recht seltsam.
„Mein Name ist Kimberly. Ich würde ja sagen ‚erfreut Sie kennenzulernen', aber die Umstände könnten echt besser sein...", teilte ich ihm mit und hörte mich dabei wesentlich mehr aus der Puste an, als er. War sein Hobby Gewichte stemmen oder so? Naja, wenn er wirklich im Wald lebte, dann wohl eher Baumstämme heben und Wild ausnehmen. Ist doch nicht normal, dass ihm das so wenig ausmachte. „Das habe ich schon gehört.", kam es plötzlich von ihm und ich wollte gerade fragten, was genau er meinte, als er weitersprach: „Wenn du leise bist, hörst du es vielleicht auch." Ich spitze die Ohren und versuchte auszumachen, was er meinte. Das Geräusch seiner Schritte war leise, daneben hörte ich zirpen und ab und an ein Knacken von Ästen oder das Rascheln von Blättern und . . . und meinen Namen! Eine männliche Stimme rief meinen Namen! Nein, es waren zwei. Erst hörte ich es recht leise, dann immer lauter. Als das Rufen näher kam, sah ich auch Lichter, die kurz in unserer Richtung schienen und gleich wieder weiterzogen. Das waren Taschenlampen!
„Kimberly! Kimberly, wo bist du?", das war die Stimme von Steve! Wir kamen ihnen näher und ich konnte auch ein Rufen ausmachen, dass ich Gabriel zuordnete. Als ich sie endlich auch sehen konnte oder zumindest das Licht der Taschenlampe anfing mich zu blenden, stieß ich erleichtert eine Antwort aus: „Ich bin hier!" Wer hätte gedacht, dass mir der Anblick von Steve und Gabriel mal fast die Tränen in die Augen treiben würde? Die beiden kamen angerannt und hatten einen erleichterten Ausdruck im Gesicht. Zumindest so lange bis sie bei uns angekommen waren. Gabriel beäugte Yarick misstrauisch, doch Steve zog jegliche Aufmerksamkeit zu mir.
„Wo warst du, um Himmels Willen?!", fragte er laut und hörbar besorgt. „Ich...", weiter kam ich nicht, denn Steve unterbrach mich gleich wieder, „Das kannst du mir gleich ganz ausführlich erklären, aber jetzt sehen wir zu, dass wir schnell in die Unterkunft kommen und allen Entwarnung geben." Damit deutete er Yarick an ihm zu folgen und ging voran. Ich konnte von Yarick ein leises genervtes Seufzen hören, doch er lief artig mit mir auf dem Arm hinterher. Als er sich in Bewegung setzte, stöhnte ich kurz auf, was die ganze Gruppe wieder zum Stillstand brachte, da Gabriel sich vor uns stellte.
Er leuchtete mit der Taschenlampe auf meinen Körper und entdeckte mein verletztes Bein, das mittlerweile schon schön Farbe bekommen hatte und angeschwollen war. „Was ist denn mit deinem Bein passiert?", wollte er sofort wissen. „Ich bin gestürzt und konnte nicht mehr aufstehen. Auch ein Grund, warum ich so spät bin." Yarick schaute Gabriel etwas angesäuert an, was dieser aber nur erwiderte. „Das Bein sollte schnell von einem Arzt angeschaut werden. Das wird aber nicht passieren, wenn sie hier noch lange begutachtet wird." Yarick nahm kein Blatt vor den Mund und schien das ganze hier schnell hinter sich haben zu wollen. Gabriel erwiderte nichts darauf und gab den Weg frei. Da die Herberge nicht weit entfernt war, erreichten wir sie schnell und ohne weitere Zwischenfälle. Vor der Herberge warteten tatsächlich mehrere Kollegen und auch Leute vom Personal. Da hatte ich ja was angezettelt.
„Mensch Kimberly, da bist du ja wieder." Mit diesen Satz und einem sorgenvollen Gesicht, von dem ich mir sicher war, dass es die goldene Himbeere verdient hatte, kam Jenny auf uns zugerannt. Doch Gabriel hielt sie zurück, während Steve zum Herbergsleiter ging und mitteilte, dass ich schnell in ein Krankenhaus müsste. Bei dieser Nachricht gingen die meisten Kollegen wieder brav in die Herberge, schließlich konnten sie hier nichts mehr machen und standen nur im Weg. Yarick hingegen ging auf eine Bank zu, die vor der Herberge stand und ließ mich sanft runter, sodass ich mich auf diese setzen konnte. Gabriel kam zu uns, nachdem er Jenny auf ihr Zimmer geschickt hatte. Würde mich der Schmerz in meinen Bein nicht gerade beschäftigen, hätte ich eine ziemliche Schadenfreude.
„Wie ist das passiert?", fragte Gabriel mich im sanften Ton. Oh, ich sehe schon, Jenny wird nicht gerade meine beste Freundin auf dieser Fahrt. Steve kam nun ebenfalls zu uns und schien Gabriels Frage gehört zu haben: „Das würde ich auch gerne wissen. Der Herbergsleiter hat jemanden vom Personal beauftragt, dich ins Krankenhaus zu fahren. Das nächste ist eine halbe Stunde von hier. Er muss noch sein Auto holen und das kann noch ein paar Minuten dauern." Er ließ sich bei der Erklärung neben mich auf die Bank fallen. Das würde also noch eine lange Nacht werden.
„Ich bin vorhin eigentlich nur spazieren gegangen. Aber ehe ich mich umsah, war es dunkel und ich habe den Weg nicht mehr zurück gefunden, stattdessen hab ich mich ordentlich langgelegt und bin alleine nicht mehr weggekommen.", mit dem letzten Satz sah ich Yarick an. „Und Sie sind?", wollte Gabriel nun von Yarick wissen. „Mein Name ist Yarick. Ich lebe hier in der Nähe und wollte durch den Wald nach Hause, bis ich sie dann gesehen habe.", er deutete auf mich, „Es gibt nur diese Herberge in der Nähe, also habe ich sie hierher gebracht." Mit dieser Erklärung schienen sich Steve und Gabriel zufrieden zu geben und bedankten sich sogar, was mir irgendwie unangenehm war. Als wären meine großen Brüder hier.
„Aber sagt mal, warum waren denn die ganzen Kollegen hier? Ich bin auch, ehrlich gesagt, etwas verwundert, dass ihr mich schon gesucht habt. Ich war davon ausgegangen, dass mich vor morgen niemand vermisst." „Das wäre auch so gewesen, aber der Chef wollte nach dem Abendessen nochmal allen etwas mitteilen für morgen.", begann Gabriel zu erklären, „Ich habe dich nirgends finden können und habe nach der Ankündigung Steve gefragt, ob er weiß wo du bist. Als wir dann an der Rezeption nachgefragt haben, meinte eine Dame, gesehen zu haben, dass du in den Wald gegangen bist. Zu dem Zeitpunkt war es schon recht dunkel draußen, deswegen haben wir uns Sorgen gemacht. Vor allem, als du nicht an dein Handy gegangen bist." Da hatte ich ja echt Glück gehabt.
Ein Auto fuhr in die Einfahrt der Herberge ein und ein alter kleiner Mann stieg aus. Er kam auf uns zu und teilte uns mit, dass wir ins Krankenhaus könnten. Das war für Yarick scheinbar das Stichwort zum Gehen: „Dann verabschiede ich mich und wünsche gute Besserung." Damit drehte er sich auch schon um und ging in Richtung des Waldes. Ich hingegen wurde von Steve und Gabriel ins Auto verfrachtet und wurde in Begleitung von Steve in das nächste Krankenhaus gefahren.
Beta-Leserin: Keiko_Fine
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Kimberly - Tochter des Waldes
FantasyKimberly ist genervt. Sie fährt mit ihren verhassten Kollegen auf einen Betriebsausflug. Ihr bester Freund Steve ist da auch keine große Hilfe, denn er ist nur mit seinem Freund beschäftigt. Als sie dann noch versucht gegen die Avancen des Abteilun...