Manchmal frage ich mich, wie mein Leben aus der Sichtweise einer anderen Person heraus aussehen würde. Meine Sicht gefiel mir nämlich nicht im Geringsten. Obwohl mir Elijah auf der rot weiß karierten Picknickdecke so nah saß, war es, als würde ein imaginärer Vance hinter mir sitzen. Zwei Magneten, die mich zu sich zerrten, sodass ich zwischen ihnen hängen blieb.
Als Kind dachte ich immer, dass man nur eine Person mögen kann. Doch das dystopische Schlachtfeld der Gefühle zwischen meinem Kopf und meinem Herzen bewies mir das Gegenteil. Sie waren wie zwei verschiedene Planeten, die nebeneinanderher kreisten, während ich mich wie ein kleiner nicht funkelnder brocken Weltallgestein in ihrer Mitte fühlte. Kurz gesagt Meine Gefühlswelt saß mit angezogenen Beinen heulend in der Ecke und hatte einen Nervenzusammenbruch.
„Darf ich dich mal was fragen?" Elijah, holte mich mit einem verschmitzten Lächeln zurück aus meiner wenig berauschenden Gedankenwelt. Seine Augen funkelten leicht. Er musterte mich interessiert. Ich nickte gedankenversunken und biss genüsslich in eine Erdbeere.
„Wieso haben Vance und du Schluss gemacht?". Die Erdbeere, deren Saft ich mir gerade genüsslich im Mund zergehen lassen wollte, spuckte ich augenblicklich in hohem Bogen wieder aus. Himmelherrgott. Das war definitiv direkt.
„Ehm", fing ich zögerlich an. Wie sollte ich das Drama bitte erklären? Wo sind die fliegenden orangenen Einhörner, wenn man sie gerade mal braucht?
„Sagen wir es mal so. Das Boxen war ihm wichtiger als ich." Jetzt war es raus. Die bittere Wahrheit. Sie schmeckte ungefähr genauso beschissen wie Marzipan. Elijah nickte bedächtig. „Wart ihr nicht verlobt?" Wieso habe ich nochmal nach der zweiten Erdbeere gegriffen? Das hier war ein Date und ich sah aus wie ein Gelatine spotzender Wasserspeier mit geringer Selbstbeherrschung!
„Scheiß Google!", fluchte ich wild. Elijah lachte. „Jap, das war sehr informativ. Als ich Vance kennengelernt habe, war mir klar, dass Mitbewohner nicht alles sein kann. Das hat selbst mich etwas aus der Bahn geworfen." Das würde mich auch aus der Bahn werfen. Es würde mich sogar aus der nächsten Bahn noch rauswerfen.
„Ja, wir waren verlobt. Es ist alles ein bisschen kompliziert. Ist es für dich schlimm?" Elijah sah mich schüchtern an. So hatte ich mir das Date vorgestellt. Unangenehm und unerquicklich mit einer Prise in der Gegend herumgespuckter Erdbeere. „Es ist nicht gerade ideal." Nicht gerade ideal ist eine spezielle Beschreibung. Wenn ich herausgefunden hätte, dass er mit seiner Ex-Verlobten in einer WG wohnt und brunchen geht, hätte ich vermutlich bereits das Weite gesucht.
„Hast du noch Gefühle für ihn?", fragte Elijah widerwillig. Er hatte exakt den Welpenblick auf, der Menschen komplett aus der Fassung bringen konnte. Verdammt. So könnte ich ihn nie anlügen. Seine sandblonden Haare vielen ihm leicht in die braunen Augen. Die Sommersprossen, die sich über seine Nase zogen und ein niedliches Bild auf ihr zeichneten machten die Situation auch nicht gerade einfacher.
Es fühlte sich an, als hätte ein Riese mein Herz gepackt, es einmal ausgequetscht, geguckt ob irgendwelche Gefühle rausflogen und es dann wieder zurück in meine Brust gestopft. So musste sich Frankensteins Monster fühlen. Seltsam unpassend zusammengestückelt. Was bei ihm halt die Körperteile waren, waren bei mir die Gefühle.
„Ich habe Gefühle für Vance. Für dich jedoch auch." Elijahs Augenbrauen schossen in die Höhe. Ich an seiner Stelle wäre bereits aufgesprungen und Katy Perry be like einen auf Roar gemacht. Zu unser beider Glück war er jedoch nicht ich. „Das ist ernüchternd." Ich nickte. Elijah hatte eine einzigartige Fähigkeit unangenehme Sache mit angenehmen Vokabeln zu umschreiben.
„Tut mir leid. Das hast du dir vermutlich nicht erhofft", sagte ich traurig. Ich hatte ihn aber einfach nicht anlügen wollen. Nicht, wenn es um sowas ging. „Da hast du recht." Eine unangenehme Stille breitete sich zwischen uns aus. Es war einer dieser Situationen, in denen man fieberhaft versuchte, ein Gesprächsthema zu finden, aber man es nicht schaffte übers Suchen hinauszugelangen.
Elijah räusperte sich und sah mich peinlich berührt an. „Elea, ich finde dich sehr nett, aber ehrlich gesagt, hätte ich gerne jemanden, der nur mich mag", sagte er vorsichtig, als hätte er Angst ich würde ihn jeden Moment wie ein wildes Tier an die Gurgel springen. Ich nickte. Auch wenn ich wusste, dass er jedes Recht dazu hatte das zu wollen, machte es mich traurig. Da fand man schon mal einen ehrlichen, süßen und freundlichen Typen und ich vergraulte ihn gleich.
Da sagt mir noch einer, Daten wird einfacher, wenn man erwachsen wird. Einfacher am Arsch.
„Das verstehe ich. Ehrlich gesagt würde ich genauso reagieren", sagte ich ehrlich. „Wie wäre es, wenn wir das hier abbrechen?" Elijah nickte zustimmend und die unangenehme Stille begann von neuem. Mit von der unangenehmen Situation feuerroten Wangen half ich ihm das Essen in einen Korb zu packen.
Sobald wir fertig waren, räusperte Elijah sich peinlich berührt. „Also dann" Ich nickte nur. „Ja" Elijah nahm den Korb lächelte mich noch einmal verlegen an und ging. Guinness Buch der Rekorde? Ich hätte da das unangenehmste Ende eines Dates aller Zeiten für Seite 21 im Angebot! Wenigstens hatte Elijah eine miese Date Geschichte, die er betrunken mit seinen Kumpels teilen konnte auf Lager.
***
Geknickt schlug ich die Haustür hinter mir zu. Es war ein Segen, dass Vance einmal nicht zuhause war. Bevor ich dem liebeskranken Vance begegnete, brauchte ich erstmal etwas Zeit für mich. Frustriert schmiss ich mein Zeug in irgendeine Ecke des Lofts und marschierte auf die Küche zu. Ohne Umschweife riss ich die Gefriertruhe auf und begab mich auf die Suche nach Eis, auch wenn ich mir wenig Hoffnungen machte. Ich war in der kurzen Zeit, die ich bis jetzt hier wohne, noch nicht dazu gekommen ein Notfalleis zu deponieren.
Daher war ich erstaunt, als ich doch eines fand. Es war meine Lieblingssorte und noch ungeöffnet. Vance musste sich an mein Notfalleisvorrat erinnert und es eingekauft haben. Unwillkürlich schlich sich ein leichtes Lächeln auf meine Lippen. Schnell griff ich nach dem Eisbecher und einem Löffeln und ließ mich damit auf die große Couch plumpsen, die verdächtig knarzte.
Als Vance schließlich heimkam, war der Eisbecher halb leer, der Film: „Ein ganzes halbes Jahr" am Laufen und ich am Heulen, weil dieser Film so traurig war. „Hey Elea. Du wirst es nicht glauben, aber ich soll schon wieder ein Interview geben", rief er von der Küche aus. „Man sollte meinen, die wissen bereits alles, was es da zu wissen-" Er stoppte abrupt in seinem Satz, als er ins offene Wohnzimmer geschlendert kam und mich entdeckte.
„Was zum Teufel, ist hier passiert?", fragte Vance panisch. Er blickte von dem halbvollen Eisbecher bis hin zu meinen verquollenen Augen. „Ich reiß diesem Wichser den Arsch auf. Was hat dir angetan?" Angesichts seiner wütenden Miene konnte ich nicht anders, als zu lachen.
„Er hat mir nichts angetan. Er hat uns gegoogelt und mich nach meinen Gefühlen für dich und ihn gefragt. Ich war ehrlich. Verständlicherweise war er nicht so begeistert und würde lieber jemanden daten, die allein für ihn Gefühle hat", sagte ich verbittert. Auch beim Erzählen wurde die Geschichte nicht gerade besser.
Auf Vance Gesicht breitete sich ein Grinsen aus, auch wenn er sichtlich versuchte es zu unterdrücken. Genervt sah ich ihn an, während er sich auf die Couch neben mir fallen ließ. „Hör auf so zu grinsen!", maulte ich verbittert und schob mir einen weiteren Löffel Eis in den Mund. „Jaja, ist ja schon gut", grinste er weiter und legte tröstend seinen Arm um mich. Mit deprimiertem Gesichtsausdruck ließ ich die Umarmung zu. Seine Umarmungen fühlten sich einfach immer noch an, als wäre ich vor allem beschützt, sobald er seine Arme um mich legte. Ich hielt ihm einen Löffel mit Eis hin, den er dankend mit seinem Mund umschloss.
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The Boxer and Me
RomansaWer wurde vor einem halben Jahr abserviert? Ja genau ich. Wer ist immernoch in ihren bekloppten Ex-Verlobten verknallt? No shit Sherlock, denn wieder bin das ich. Und welche Beiden sind Trauzeugen auf der Hochzeit unserer besten Freunde und planen...
