Kapitel 15
„Du kannst aufstehen", meinte Lucifer in neutralem Tonfall, doch sein Blick ruhte wachsam auf Theliel, als dieser der Aufforderung nachkam und vorsichtig zur Bettkante trat, wo er sich setzte. Seine Flügel zitterten und seine Knie fühlten sich auch gefährlich weich an.
Lucifer setzte sich auf den Schreibtischstuhl gegenüber des Bettes, schlug die unbekleideten Beine übereinander und sah ihn erwartungsvoll an. Theliel sah ihm nicht ins Gesicht, stattdessen ließ er den Blick über den mageren, blassen, irgendwie krank aussehenden Körper wandern. Zwar zeichneten sich deutliche Muskelansätze ab, doch um wirklich sichtbar an Muskelmasse zu gewinnen, hätte Lucifer vermutlich deutlich zunehmen müssen.
Eine breite, fast weiße Narbe zog sich über seinen linken Unterschenkel, als wäre das halbe Bein aufgerissen. Automatisch blickte Theliel zu den locker auf den überschlagenen Beinen liegenden Armen, die ebenfalls von Narben übersät waren. Bevor er von Lucians wahrer Identität erfahren hatte, hatte dieser ihm anvertraut, dass die Narben von Lucifer stammten. Wie konnte er das gemeint haben?
„Weshalb wolltest du fliehen?", durchbrach der Höllenkönig schließlich das unbehagliche Schweigen. Sofort senkte Theliel den Kopf und starrte stur auf seine eigenen, dreckigen Füße. Er konnte ihm unmöglich von diesem dunklen Verlangen in sich erzählen; Lucifer würde nicht verstehen, warum es ihn belastete, schließlich war Lucifer auch ein Dämon, der Seelen fraß und dafür bereit war, Menschen zu töten, wie das Blut auf seiner Kleidung bewiesen hatte.
„Hast du Angst?" Das „Vor mir?" schwang unausgesprochen in der Frage mit.
Theliel schüttelte den Kopf.
„Nein", hauchte er und kniff die Augen zusammen. Sollte ein Engel nicht jeder Herausforderung mit Stolz und Erhabenheit begegnen? Ein Engel sollte auch nicht mit einem Dämon sprechen, aber wer hatte diese Regeln gemacht? Jemand, der sich niemals in Gefangenschaft eines erstaunlich freundlichen Höllenkönigs befunden hatte, vermutlich.
„Weshalb denn dann?"
Wieder erntete Lucifer nur Schweigen. Ein leiser Seufzer entwich ihm.
„Warum sagst du nicht Bescheid, wenn du dich unwohl fühlst? Ich bin nicht dein Feind, Theliel, das musst du doch langsam bemerkt haben...!" Ein beinahe flehender Unterton lag in seiner Stimme, der den jungen Engel den Kopf heben ließ. Er tat sich schwer damit, Lucifer an der Spitze einer Armee grausamer Dämonen zu sehen, die den Himmel vernichten wollte, hasserfüllt gegen Gott gerichtet. Konnte dieser Mann das alles wirklich vollbracht haben? Oder war auch das eine Übertreibung oder Unwahrheit der älteren Engel, um sich von den Dämonen abzugrenzen? Denn wenn er ehrlich war, erschien Theliel die Hölle viel ehrlicher – und vielleicht auch deswegen ungemein härter – als der Himmel mit seinen vielen Ehren- und Verhaltenskodexen, die wenig Raum für Entfaltung ließen.
Bisher hatte Theliel jedenfalls keinen direkten Grund gehabt, diesen Mann zu fürchten, weshalb er sich schließlich doch überwand und den ungewohnten Hunger nach Blut schilderte. Lucifer hörte ihm aufmerksam zu und nickte am Ende bekräftigend.
„Ich kann nachvollziehen, was du meinst; nach meiner Verbannung in die Hölle habe ich es auch gespürt. Ich glaube, es ist die Hölle selbst, die diese Versuchung herbeiführt. Aber wenn du dem Verlangen nachgibst, wird es für dich nie wieder einen Weg zurück in den Himmel geben."
„Ich weiß", hauchte Theliel niedergeschlagen und ließ die Schultern hängen. „Aber ich bin mir nicht sicher, wie lange ich noch durchhalte, ohne verrückt zu werden."
Lucifer legte den Kopf schief und sah ihn mitleidig an.
„Früher oder später wirst du wohl eine Entscheidung treffen müssen."
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LUCIFER - The Fallen Angel
Fantasy[ABGESCHLOSSEN] Der junge Engel Theliel gerät versehentlich in den bereits Jahrtausende andauernden Konflikt von Engel und Dämonen - und wird kurzerhand in die Hölle entführt, wo er dem Höllenkönig und gefallenen Engel Lucifer als "Geschenk" dargebo...
