14. Dezember, Jahr 1372
Es war wohl einer der kältesten Wintertage, die ich seit Jahren erlebt habe. Auch wenn die Erde kalt, die Wasser gefroren und die Pflanzen tot waren, war es ein wahrhaft schöner Anblick, als die Mittagssonne sich im Eis brach und den ganzen Wald zum Glitzern brachte. Selbst mit meinen mehreren Schichten an Wollkleidung, spürte ich den eiskalten Wind unter meine Haut fahren. Es war so kalt, dass selbst mein Haar bereits nach kürzester Zeit gefroren war und mir in dicken Klumpen ins Gesicht hing. Ich entschied mich, so schnell wie möglich, wieder in meine Hütte zurückzukehren und ein warmes Kaminfeuer zu entfachen.
Als ich etwas aus dem Augenwinkel zu sehen schien, dachte ich schon, dass mich meine Sinne trübten oder die Kälte mir Streiche spielen würde. Inmitten des Sturms aus Eis und Schnee, der sich wie ein Lauffeuer über das Land verbreitet hatte, sah ich ein Mädchen, kaum dem Kindesalter entwachsen, an einen groben Holzpfahl gebunden. Sie war, bis auf eine dünne Stoffunterhose, vollkommen unbekleidet. Doch ich konnte erkennen, dass sie noch lebte. Ihre Augen suchten verzweifelt den Blickkontakt mit meinen und in diesem Moment war es ihr egal, wer ich war. Sie brauchte einfach nur meine Hilfe.
Als ich durch den kniehohen Schnee auf sie zu gestapft kam, wurde mir bewusst, dass sie schon länger an diesem, von allen Menschenseelen verlassenen Ort sein und in der Kälte ausharren musste. Ihre Haut war von Eiskristallen überzogen und beinahe so weiß, wie der Schnee, der aus den Wolken fiel. Die Farbe ihres Haares konnte ich zu dieser Zeit überhaupt nicht ausmachen, so voll war es von Eis und Schnee. Die Lippen hatten jegliche gesunde Färbung verloren und waren eisblau. Ich verlor keine Sekunde und zog sofort mein Messer hervor, um die Fesseln an ihrer Händen und Füßen zu lösen, die sie mit dem Pfahl verbunden. Kaum war dies geschehen, wankte das Mädchen bedrohlich und fiel auf ihre Knie. Ich konnte sie gerade so vor einem endgültigen Sturz auf den Boden bewahren. So schnell ich konnte, wickelte ich sie in zwei meiner Mäntel ein und nahm sie mit beiden Händen hoch. Es war erschreckend, sie zu berühren. Eiskalte Haut, die feinen Härchen an ihrem Körper waren gefroren und verkrustet und die Kälte bohrte sich sofort in meine eigenen Hände.
Ich rannte, wie noch nie in meinem Leben zuvor. Dieses Mädchen würde sterben, wenn es nicht rechtzeitig aufgewärmt werden würde. Meine Beine trugen mich durch den Sturm, als wäre es ein warmer Sommertag. Die Kälte machte mir nichts mehr aus, denn alle meine Gedanken drehten sich in diesem Moment um das schwindende Leben, welches ich mit meinen Händen trug. Mit jeder Minute schien das Mädchen schwächer und schwächer zu werden, doch ich gab nicht auf. Als ich das dunkle Holz meiner kleinen Hütte entdeckte, jubelte mein Herz einen Augenblick, doch ich hatte es noch lange nicht geschafft. Während ich die Tür zuschlagen konnte, fragte ich mich, wer diesem Kind so etwas antun würde. Warum sollte man sie bei so einem Wetter in der Natur zurücklassen? Derweil wickelte ich das Mädchen in alle Decken, die ich besaß und versuchte den Kamin so schnell wie möglich zu entfachen. Immer mehr Fragen schossen mir durch den Kopf. Wer war sie? Woher kam das unschuldige Ding?
Mit diesen Worten endete der Eintrag aus dem Tagebuch des alten Eremiten. Mit verächtlichen Blick auf die saubere Handschrift, die die Geschehnisse von damals festhielten, riss die Frau die Seiten heraus und warf sie in den brennenden Kamin. Sie beachtete den eiskalten Wind und das Schneegestöber, welche durch die offen gelassene Tür hereinwehten, nicht weiter. Die Einrichtung der Hütte war spärlich, außer dem Kamin gab es ein Bett und einen alten Holzschrank. In diesem hatte sie auch das Tagebuch gefunden.
20. Dezember, Jahr 1372
Sechs Tage hatte es gedauert, bis das Mädchen die Augen wieder geöffnet hatte. Ich hatte schon gedacht, sie würde nicht wieder aufwachen, aber sie hatte gekämpft und durchgehalten. Tag und Nacht hatte ich den Kamin brennen lassen, um es auch warm genug zu halten. Der Sturm hatte sich zwar gelegt, aber noch immer waren Kälte und Eis durch die geschlossenen Fenster gekrochen. Als das Mädchen endlich aufwachte wirkte sie völlig ausgehungert und entkräftet. Ich hatte ihr Speis und Trank gegeben, die sie sofort annahm und dankbar verschlang.
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