Lieber Papa,
Ich schreibe dir auch einen Brief. Und weshalb? Damit, wenn ich bei dir im Himmel bin, ihn nur abgeben muss und nicht vor mir her stotter beim Lesen. Du weißt doch, wie sehr ich stotter, wenn ich nervös bin. Wie sehr meine Hände zittern und mein Puls sich beschleunigt.
Jetzt, wo ich deinen Brief schreibe und bald frei bin, bin ich alles, nur nicht nervös. Es ist die richtige Entscheidung, das spüre ich. In mir kribbelt es. Vielleicht soetwas, wie Vorfreude. Und zum ersten mal seit Monaten habe ich diese Gedanken nicht.
Ach Papi, wie sehr ich dich vermisst habe. Schon so lange ist es her, seit du mich im Stich gelassen hast. Seit du uns im Stich gelassen hast.
Warum, warum musstest du krank werden? Weshalb hast du Mama und mich alleine gelassen? Nichts mehr ist so wie früher. Seitdem ist Mama komisch geworden. Noch immer leidet sie und mir tut es weh, sie so zu sehen. Ich weiß, dass sie nur schauspielert und ihre Schmerzen überspielt. Das habe ich auch gemacht.
Meine Schmerzen wollte ich meine sein lassen. Nicht noch andere damit rein ziehen. Alleine leiden. Das würde ich auch nochmal wiederholen. Still leiden, um andere zu schützen.
Nun willst du bestimmt auch den Grund wissen, warum ich vor dir stehe. Das ist nicht mal so leicht zu erklären. Ein kleiner Bestandteil bist natürlich du. Du bist das Wichtigste, was ich je hatte. Doch sind noch viele andere Bestandteile der Grund.
Mobbing. Papa, ich werde von meinen Mitschülern gemobbt.
Liebe. Ich habe mich verliebt und der jenige, dem ich mein Herz schenkte, nimmt mich nicht einmal wahr.
Viele andere kleine Dinge, die zuerst unmerklich sind und dann so groß werden, dass sie gar nicht mehr zu übersehen sind. Da ich nun wieder bei dir bin und nie wieder von deiner Seite weichen werde, kann ich dir alles erzählen. Von Anfang an. Jedes kleinste Detail. Doch jetzt umarme mich, Papa. Denn deine Tochter ist zu dir zurückgekehrt.
Ich habe dich lieb ♡
M
Mels Vater lässt den Brief fallen und sieht seine Tochter an. Bewundert ihre Schönheit, denn im Himmel ist sie so wie sie einst war. Eine bildhübsche 15-jährige Jugendliche. Die letzten 2 Jahre sind wie weg gestrichen. Keine Kunstwerke auf ihren Armen. Keine Augenringe. Normal gebaute Statur.
Vater und Tochter umarmen sich und erdrücken sich beinah. Sie sind froh, wieder zusammen zu sein, auch wenn es ein teils guter und schlechter Ort dafür ist.
Auch wenn Mels Vater nicht mit dem Zeitpunkt zufrieden ist, an dem seine Tochter in das Reich der toten gelangt ist, respektiert er es. Denn nun ist er nicht mehr alleine dort.
Aus dem Himmel werden die beiden auf die Mutter aufpassen, bevor sie frühzeitig schlechte Dinge macht. Dazu wird Mel immer ein Auge auf Lukas halten, doch nicht mehr zwanghaft.
Denn sie ist frei.
Frei von ihrem Leid.
Frei von ihren Gedanken.
Frei von der Magersucht.
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Dialog mit der Magersucht
Short StoryEin Mädchen im Teenageralter, das gemobbt wird und unglücklich verliebt ist. Ein Mädchen, das gegen sich selbst kämpft. Gegen ihre Gedanken. Gegen die Magersucht. -Abgeschlossen- Cover by @NocturneLexis Trailer by @mrsannastyles00 Alle Rechte gehö...
