2. Brief

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Oh Lukas,

Mein Liebster, der nichts von mir weis. Der mich nicht kennt, den ich aber liebe. Ja, du liest richtig. Ich liebe dich und das so sehr, dass es schon weh tut. Wenn du das hier liest, bin ich tot. Nicht wegen einem Unfall, sondern weil ich mich umgebracht habe. Wegen dir, wegen deinen Freunden, die mich mobben, wegen mir selbst. Mit diesem Brief möchte ich dir keinesfalls Schuldgefühle vermitteln, sondern die Wahrheit aussprechen. Die Wahrheit, die ich nie offenbaren konnte. Jetzt hole ich dies nach.

Ich liebe dich Lukas. Alles an dir bewundere ich. Wie du dich bewegst, wie du sprichst. Ich wollte doch nur, dass du mit mir redest, dass du mich wahrnimmst. Für dich habe ich abgenommen. Was hat es mir gebracht? Das du erst recht nichts mit mir Zutun haben willst. Warum? Warum nicht? Was ist an mir falsch?
Weshalb werde ich von deinen Freunden gemobbt?

Was habe ich jemals getan, dass sie damit angefangen haben? Habe ich ihnen den Stammplatz geklaut? Ich wünschte, du könntest es mir sagen.
Doch das letzte was ich will, wäre eine Umarmung von dir. Eine kurze und knappe reicht mir schon aus. Einmal deinen Körper an meinen fühlen würde mir schon genügen.

Doch ist das wohl zu viel verlangt.

Lukas, warum mobbten mich deine Freunde? Warum konntest du ihnen nicht sagen, dass sie damit aufhören sollen? Ich habe deine Blicke gesehen. Du hast mir so Hoffnung gemacht, doch diese hast du immer wieder mit Taten zerstört, die du nicht gemacht hast.

Gedanken habe ich in meinem Kopf. Erst leise und dann immer lautere. So laut, dass ich nun meine Entscheidung getroffen habe. Ich erlöse mich selbst. Erlöse mich von der Liebe, die ich nie von dir erwidert bekommen werde. Erlöse mich von meinen Gedanken, die zu laut in meinem Kopf sind. Erlöse mich von den Schmerzen, die ich erleide und keiner je mitbekommen hat.
Hast du meine Blicke nie gesehen? Hast du nicht gesehen, wie traurig ich durch die Gegend sehe? Hast du nicht meine Narben entdeckt, welche ich versteckte und gleichzeitig nicht?

Oh Lukas, warum hast du mich nicht entdeckt, wie ich dich?

Es war ein heißer Sommertag. Geregnet hatte es. Du wurdest von deiner Mutter abgeholt, ich musste zu Fuß gehen. Erst ein paar Tage warst du an der schule. Noch niemanden hattest du. Ich wollte dich ansprechen und dich willkommen heißen. Aber hatte vor deiner Attraktivität Respekt. Schon ab da habe ich mir Gedanken gemacht. Keine bösen, da war alles noch in Ordnung. Erst einige Monate später, als deine Kumpels anfingen mich zu beleidigen, hat es angefangen. Genauer gesagt, heute vor einem jahr.

Ich bin schuld. Hätte ich dich angesprochen wäre alles anders verlaufen. Vielleicht wären wir Freund und Freundin. Eins bin ich mir sicher: Magersucht hätte ich keine.

Hättest du mich doch nur richtig wahrgenommen.

Alles ist zu viel. Ich will schreien, ich will weinen, ich will mich offenbaren. Ich will doch einfach nur normal sein.

Doch was ich am meisten möchte, ist sterben. In meine Freiheit springen und dort bleiben.

Nun lebe wohl Lukas.
Ich liebe dich ♡

M

Nicht lange nach der Erlösung ihrer Tochter, gibt die Mutter Lukas den Brief. Dabei fühlt sie sich nicht wohl, denn jemandem so einen Brief zu geben, auch wenn sie nicht weiß, was drin steht, ist keine leichte Aufgabe.

Lukas ist erst überrascht, als sie ihm den Brief übergibt. Ist verwirrt, warum er einen Brief bekommt.

Doch als er sich traut zu lesen, werden ihm viele Dinge klar. Tränen treten ihm in die Augen. Schuldgefühle plagen ihn sofort. Ihm wird bewusst: Teilweise ist er schuld an dem Tod einer jungen Frau.

Lukas ist nicht bewusst gewesen, wieso sie sich umgebracht hat. In der Klasse trauert keiner. Jedenfalls spricht keiner ein Wort über Mel. Doch ein einziger trauert und das ist Lukas.

Und nun weiß er Bescheid. Weil er sich nicht getraut hat, Mel anzusprechen und gegen das Mobbing seiner Freunde etwas zu machen, hat sie sich umgebracht.

Denn Lukas hat sie auch gemocht. Er wollte sie nur mit einem anderem Mädchen eifersüchtig machen.

Und nun ist Mel im Himmel. In ihrer Freiheit, bei ihrem Vater.

Das hätte verhindert werden können, wenn Lukas sich getraut hätte. Getraut hätte mehr als nur zu fragen, ob Mel einen Stift für ihn hat.

Dialog mit der Magersucht Wo Geschichten leben. Entdecke jetzt