1. Brief

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Hallo Mama,

Wenn du das hier liest, bin ich schon lange in der Ruhr ertrunken. Ich werde mich nicht für meine Taten entschuldigen, nein, denn ich stehe zu dem, was ich vorhabe. Für mich ist das das Richtige. Dennoch gib dir nicht die Schuld an meinen Selbstmord. Du bist nicht schuld, ich bin schuld. Meine Gedanken, meine Gefühle, mein Ich.
Ich weiß nicht recht, warum ausgerechnet heute. Vielleicht, weil Papa nun 2 Jahre im Himmel ist. Velleicht, weil Lukas eine Freundin hat. Vielleicht, weil meine Mobber heute unerträglich waren. Vielleicht aber auch, weil meine Gedanken nicht mehr auszuhalten sind. Ich höre zurzeit immer nur, dass ich zu dick bin. Wenn ich abnehmen würde, dass Lukas mit mir sprechen würde. In den letzten Tagen wurde mir klar, dass ich krank bin und dieses Leid will ich nicht mehr ertragen. Diese Gedanken sollen weg. Meine Lösung ist die Brücke. Ich möchte doch nur frei sein.

Ich bin in Lukas verliebt, doch wollte er nie etwas von mir wissen. Am Ende wollte er nichts mit mir Zutun haben, weil ich zu dünn war.

Aber ich muss doch so dünn sein, um seine Aufmerksamkeit zu gewinnen. Alles ist falsch gelaufen, das genauen Gegenteil von dem, was ich wollte.
Ich werde gemobbt und das ohne Grund. Ich habe nichts getan, doch habe ich etwas getan. Mich selbst zerstört.

Nichts gegessen und mich geritzt. Als erstes habe ich gedacht, es wäre nur eine Phase, doch heute ist mir klar, dass aus einer Phase meistens immer etwas Schlimmeres wird.

Du bist eine gute Mutter, eine sehr gute Mutter. Ich vergebe dir deine Fehler. Alle, die du je gemacht hast. Verzeihe meine Entscheidung. Gründe dir eine neue Familie, mit einem besseren Mann und einer besseren Tochter. Du hast es mehr als verdient.

Ich grüße Papa von dir.

Gib den anderen Brief Bitte Lukas.

Ich habe dich lieb ♡

M


Die Mutter liest den Brief ihrer Tochter. Als erstes versteht sie gar nicht den Inhalt des Briefes. Doch als ihr bewusst wird, dass ihre Tochter für immer weg ist, ertrinkt sie in ihren Schmerzen. Sie gibt sich die Schuld an dem Tod ihrer Tochter. Hätte sie doch etwas getan, als sie merkte, dass ihr Kind komisch wurde.
Statt Mel zum essen zwingen hätte sie ihr Hilfe holen sollen. Nicht einfach weg schauen sollen. Doch nun ist es zu spät. Ihre Tochter ist tot. Ertrunken. In ihren Gedanken ertrunken.

Dialog mit der Magersucht Wo Geschichten leben. Entdecke jetzt