Ich wusste später nicht mehr genau, wie es geschah aber das, was mir in Erinnerung geblieben ist war die große Leuchtreklame, die neben der Straße für das Theater Werbung machte.
Wir fuhren auf einer Schnellstraße und hörten Radio. Die Ampeln an der Kreuzung fünfhundert Meter vor uns waren ausgeschaltet und das einzige was die Dunkelheit heller erscheinen ließ waren die Scheinwerfer des Autos und die Lichter der Leuchtreklame. Ich schaute ein paar mal zu Jonah hinüber, um zu sehen wie es ihm ging. Als ich das letzte Mal hinüber sah, hatte er die Augen geschlossen. Das erinnerte mich an das eine Mal als er und ich noch kleiner waren und wir zusammen auf den Jahrmarkt gegangen sind. In der Achterbahn, die uns damals noch viel größer und aufregender erschien bekam ich Angst als wir das erste Mal damit gefahren sind. Der Achterbahnwagen wurde steil aufwärts gezogen und mir wurde es ganz mulmig. Jonah sah, dass die Höhe mir Angst einjagte und meinte ich soll die Augen schließen bis wir ganz oben waren. Damals schien der Weg nach oben erbarmungslos weit und Jonah hat mir geholfen die Angst in den Griff zu bekommen. Er selbst machte es mir vor und schloss die Augen. Ich machte es ihm nach. Als wir dann oben auf der Kippe waren und der Wagen sich leicht nach vorne neigte drückte Jonah meine Hand und sagte: "Du kannst deine Augen wieder öffnen."
Ich lies einen kleinen Schrei los und schon sausten wir in immer enger werdenden Kurven die Achterbahn hinab. Eigentlich wäre es mir lieber gewesen wenn meine Augen geschlossen geblieben wären. Im Nachhinein hat es mir dann doch Spaß gemacht und wir fuhren noch fast den ganzen restlichen Tag. Dabei hatten wir soviel Spaß zusamnen und als ich jetzt so daran dachte musste ich schmunzeln. Gemeinsam hatten wir so viele spannende und lustige Momente erlebt. Es gab so vieles dass ich an Jonah liebte und an ihm schätzte. Er brachte mich immer auf die verrücktesten Ideen und wenn ich schlechte Laune hatte munterte er mich schnell wieder auf.
Das laute Hupen schreckte mich aus meinen Gedanken. Es machte einen höllischen Knall und in meinem Kopf fing es an schrecklich zu summen. Ich fühlte mich als würde ich taub werden. Der ohrenbetäubende Schmerz war nicht auszuhalten und ich konnte nicht anders als anfangen zu schreien. Glas splitterte, Scheiben klirrten, Reifen quietschten und ich schrie bis mir die Stimme versagte. Rechts von Jonah türmte ein dunkler Schatten der uns ungebremst über den Asphalt schob. Überall brummte es und mein Schädel drohte zu platzen. Das Adrenalin schoss durch meinen Körper und mein Herz pochte wie Wild. In Zeitlupe konnte ich beobachten wie es Jonah nach vorne schleuderte und seinen Kopf hin und her warf. Sein Arm war in der zerbeulten, eingedrückten Tür eingeklemmt. Überall floss Blut. Er sah schrecklich aus in diesem Zustand und die Angst um ihn brachte mich zum Weinen. Seine Augen waren geschlossen und es sah so aus, als ob er schliefe. Dicke Tränen liefen mir über das verdreckte und von meinem eigenen Blut verschmierten Gesicht hinab. Schluchzend lag ich auf dem aufgeplatzten Airbag und wollte hinüber zu Jonah klettern, als ich bemerkte dass ich mich nicht bewegen konnte. Mein Kopf lag steif auf dem Amaturenbrett, meine Beine waren aufgeschürft und brannten und mein linker Arm hing schlapp hinab. Mein ganzer Körper brannte und zitterte. In der Luft konnte ich den metallenen Geruch von Blut und verbrannten Gummi riechen. Ich weiss nicht wie lange ich da lag. Es fühlte sich an wie eine Ewigkeit aber wahrscheinlich waren es nur Sekunden. Mit einem Schlag spürte ich wie wieder Blut durch meine Venen floss und sofort konnte ich mich bewegen. Wenn auch mit derartigen Schmerzen. Aber daran habe ich in diesem Moment nicht gedacht, das einzige was mir durch den Kopf ging war Jonah. Ich musste an seine dunklen, wuscheligen Haare denken, an sein markantes Kinn das mit dem Schatten eines dreitage Bartes überzogen war und and seine weichen, braunen Augen. Einen Momentlang vergaß ich alles um uns herum und erinnerte mich and die vielen Szenarien, in denen wir uns stritten, aber wieder versöhnt haben, in denen wir lachten und gemeinsam Spaß hatten. Er hat mir durch viele schwere Zeiten geholfen und stand immer an meiner seite. So war es auch mit meiner vorherigen Beziehung. Neun Monate ist es her, dass dieser Mistkerl, den ich tatsächlich mal geliebt habe mich mit einer anderen betrogen hat. Als ich es herausfand war ich tagelang am weinen und Jonah holte mich aus diesem Tief heraus.
Mit meiner heißeren Stimme krächzte ich seinen Namen und versuchte seinen Kopf in meine Hände zu nehmen. Ich lag in einer ziemlich unglücklichen Position doch meine Beine konnte ich noch immer nicht heben.
"Jonah..", wimmerte ich mit verzerrtem Gesicht. Ich versuchte mir mit der rechten Hand die Tränen aus den Augen zu wischen, damit ich besser sehen konnte, doch sofort flossen wieder neue Tränen zurück. Auf meinen Lippen schmeckte ich das Salz meiner Tränen und Blut, das von meiner offenen Lippe stammte. Die Schmerzen in meinem Kopf waren unerträglich und trotzdem kämpfte ich weiter mit mir. Ich musste unbedingt meine Beine befreien und Jonah helfen. Das war das einzige was in diesem Moment zählte. Krampfhaft versuchte ich mich zu drehen, um zu Jonah zu gelangen. Dabei schluchzte ich immer wieder seinen Namen.
"Jonah.. bitte wach auf. Mach die Augen auf, ich helfe uns hier raus", kam es zitternd über meine Lippen. Ich bekam immer weniger Luft, es war als ob irgendetwas schweres auf meine Brust drückte und ich musste Husten. Ich schnappte nach Luft doch ich konnte nicht atmen. Meine Augen weiteten sich und ich bekam panische Angst. Ich hustete weiter um mir Zugang zu meiner Luftröhre zu verschaffen, doch der Druck auf meiner Brust wurde nur schwerer und ich bekam kaum noch Luft. Röchelnd zog ich mich mit allerletzter Kraft zu Jonah hinüber und versuchte die Tür an seiner Seite zu öffnen. Meine Tür ließ sich nicht öffnen und die Kraft um aus der zerbrochenen Windschutzscheibe zu klettern hatte ich nicht. Mit aller Kraft rüttelte ich an dem Griff, doch nichts bewegte sich. Nocheinmal wischte ich mit meinem Arm über das verdreckte Gesicht. Etwas scharfes kratzte an meinem Hals und ich hustete Blut. Überall her roch es nach Blut. Ein letztes Mal versuchte ich die Tür aufzudrücken und tatsächlich ging sie einen Spalt auf. Ich lag halb auf Jonah und robbte weiter nach vorne um die Tür weiter aufzustoßen, doch der Rahmen und die Tür waren so stark verzerrt, dass sie sich keinen Millimeter mehr bewegen ließ. In meinem Kopf drehte sich alles, plötzlich wurde mir total schlecht und schwindelig. Der Sauerstoffmangel machte sich bemerkbar und ließ mich gelbe Flecken sehen. Mein Kopf fiel und knallte gegen hartes Metall. Ich vernahm alles verschwommen. Nur ganz leise konnte ich quietschende, verzerrte Töne hören, die einer Sirene ähnelten. Dann wurde mir schwarz vor Augen.
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Am Leben
HumorDas Schicksal kann manchmal ziemlich fies sein, genau das ist der Grund warum man sich nicht mit ihm anlegen sollte. Oder zumindest nicht, wenn so einiges auf dem Spiel steht. Dein Schulabschluss oder dein bester Freund zum Beispiel. Denn nur eine K...