Unterdessen plagten Hannah ganz andere Probleme.
Seit über zehn Minuten verharrte eine mysteriöse Gestalt neben der sich an der nächsten Ecke befindenden Straßenlaterne, die zum Entsetzen des Teenagers einfach nicht den Platz verließ. Die soeben eingetroffene SMS von ihrer gestrigen Kinobegleitung tat ihr übriges. Auch wenn sich Ben nur für sein Verhalten entschuldigt hatte, wurde Hannah nun zunehmend nervöser. Panik erfüllte ihren gesamten Körper. Ihr Herz begann zu rasen, die Finger wurden schweißnass und ihren Magen erfüllte eine bestehende Übelkeit.
Ängstlich griff sie nach der ungeladenen Waffe aus Spencers Nachtschrank, schlich dann zitternd zurück in das Wohnzimmer.
Mittlerweile hämmerte ihr Herz so heftig gegen die Brust, dass sie kaum atmen konnte und das Gefühl bekam, jeden Moment ohnmächtig zu werden.
Dann, wie aus dem Nichts, war die Gestalt verschwunden.
Aber was war das?
Die Tür des Wohnhauses knarrte, Schritte hallten durch den Hausflur, während sich Hannah bebend, an die ausgestreckte, aber ungeladene Waffe krallte. Sie vernahm Geräusche aus der Richtung des Eingangs, der Türknauf begann sich zu drehen, während sie sich nach Atem ringend, hinter einem der Schränke versteckte.
Wie in Zeitlupe wurde die Tür geöffnet und dann stand er vor ihr, ein schwarzer Schatten, der...
Tief ein und ausatmend ließ das Mädchen die Waffe sinken, legte sie mit flinken Handbewegungen auf der Kommode ab und hetzte dann weinend zu dem verwunderten Eindringling, bei dem es sich zu ihrer Erleichterung lediglich um ihren Vater handelte.
„Hey, was ist denn los?"
Hannah schluchzte leise, während Reid, der verdutzt aus der Wäsche schaute und sie noch etwas überfordert im Arm hielt, allmählich begriff, was da um ein Haar passiert wäre.
„Da war jemand an der Straßenecke. Ich dachte, jetzt wird er mich auch holen. Ich bekomme keine Luft mehr", japste das Mädchen und begann in seinen Armen zu taumeln, woraufhin der Profiler blitzschnell reagierte. Mit weit aufgerissenen Augen schnappte er nach Hannah, die er daran hinderte, zur Seite zu kippen.
„Ganz ruhig Du hast eine Panikattacke. Komm setz dich hier auf den Stuhl. Und jetzt den Kopf nach vorn und schön ein und aus atmen. Ein und aus, und ein und aus", machte er vor, ehe er sich vor den Teenager kniete, dessen Atem nun langsam wieder in einen kontinuierlichen Rhythmus überging.
„Der Mann stand in der Nähe der Straßenkreuzung, oder?"
Die 13 jährige nickte schniefend.
„Hannah, das war doch nur Mr. Jones. Der macht hier jeden Tag seinen Abendspaziergang und wartet auf seine Frau."
„Das wusste ich doch nicht."
Spencer griff nach einer umher liegenden Decke, die er ihr um die Schultern legte, weil sie sichtlich zu frösteln begann.
Das junge Mädchen schien völlig durch den Wind. Offenbar brachen die Ereignisse der letzten Monate in Kombination mit der derzeitigen Anspannung nun völlig über ihr herein.
„Komm, ich mache dir einen heißen Kakao, in Ordnung?"
Sie nickte müde, während er sie zur Couch begleitete, auf die sie sich völlig entkräftet fallen ließ.
Nachdem er die Milch erwärmt und in eine Tasse gefüllt hatte, ging er zurück zum Sofa, auf dem sie erschöpft mit einer Decke Platz genommen hatte.
Stumm reichte er ihr das Getränk entgegen, das sie vorsichtig in die noch zitternden Hände nahm und einige Schlucke trank.
„Was war das eben? Warum drehe ich plötzlich so durch?"
Spencer schnappte nach einem Buch, das er ihr reichte.
„Auswirkungen der Psyche auf die Physiologische Reaktion des Körpers", erkannte sie auf dem Cover.
„Lies ab Seite 52. Panikattacken gelten als Überstimmulierung der Nerven und Nervenbahnen. Sie werden als in der Regel nur wenige Minuten anhaltenden Zustand bezeichnet, der in lebensbedrohlicher Angst und Alarmbereitschaft ohne eindeutigen, äußerlichen Anlass gipfelt. Sie treten meist in Verbindung mit starken psychischen Belastungen auf."
„Starke psychische Belastung?"
Er nickte ernst.
„Der Tod deiner Mum, die Entführung, die Sache mit Greg. Selbst wenn wir Dinge rein äußerlich gut verkraften heißt das nicht, dass sie keine Spuren hinterlassen."
Hannah ließ ihre Augen nervös hin und her schweifen, sah ihren Vater dann eindringlich an.
„Du hast doch Psychologie studiert. Kannst du da nicht irgendetwas machen?"
Spencer legte ihr den Arm um die Schulter.
„Na, ja zum einen ist das bei denen, die man besonders gerne mag nicht so einfach und zum anderen gibt es Studien darüber, die eindeutig belegen, dass es dem Therapieerfolg schadet, wenn das Therapeuten- und Klientenverhältnis innerhalb der Familie besteht. Ich würde dich aber trotzdem gerne aus diesem Fall heraus lassen. Ablenkung würde dir gut tun."
Hannah nickte seufzend, ehe sie die aufklärenden Worte verlauten ließ.
„Ben hat mir geschrieben. Er wollte sich entschuldigen. Aber ich habe seine Nummer gleich blockiert. Meinst du, ich bin ernsthaft in Gefahr?"
Spencer sah das Mädchen mit besorgter Miene an, bewegte dann verneinend den Kopf von einer in die andere Richtung.
„Nein, wenn der Mörder wirklich vorgehabt hätte, dir etwas anzutun, dann hätte er auf dich gewartet. Niemand scheint zu wissen, was du gesehen hast."
„Und wenn doch?"
„Du solltest den Kontakt zu den beiden dennoch vorübergehend einstellen. Zumindest bis wir herausgefunden haben, wer für den Mord verantwortlich ist."
„Meinst du Gloria ist auch tot?"
Spencer biss sich auf den Lippen herum.
„Es gibt da noch eine zweite und dritte Möglichkeit, deshalb sollten wir uns nicht auf Ben festschießen. Ich weiß, dass man dazu neigt, wenn man auf jemanden Wut hat. Aber gleichzeitig macht es blind für alles andere. Auch Gloria könnte unser Lockvogel gewesen sein. In Folge dessen ist sie möglicherweise verschwunden."
„Kann ich morgen zu Hause bleiben? Ich würde gern aufs Homeschooling umsteigen. Zumindest so lange bis die Sache entgültig geklärt ist."
„Von mir aus. Aber versprich mir, dass du die Nase in die Bücher steckst."
Hannah erhob Zeige und Mittelfinger zum Schwur.
„Du solltest jetzt schlafen. Der Tag war anstrengend", murmelte ihr Spencer zu, was sie mit einem erschöpften Gähnen bestätigte.
Müde lehnte sie sich in die Kissen, während Reid neben ihr am Fußende Platz genommen hatte.
„Bleibst du noch wach?", flüsterte sie ängstlich, was er mit einem direkten Gang zu seiner riesigen Bibliothek indirekt bejahte.
Zufrieden schloss sie die Augen und versank langsam in einer unruhigen Traumwelt...
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Den nächsten Tag begann Spencer mit einem Schachspiel. Er hatte sich für den Morgen frei genommen, um Hannah nach ihrer gestrigen Attacke nicht sofort allein zu lassen.
Für das kleine Turnier hatte er sich ein Frage Antwort Interview überlegt. Jedes Mal wenn sie eine der Schachfiguren ziehen ließ, stellten sie sich gegenseitig Fragen, was den Fall betraf.
„Was ist deine Theorie? Wer könnte es gewesen sein?", fragte Hannah nur kurze Zeit später, weshalb Spencer müde lächelte.
„Das waren schon zwei Fragen. Das verstößt gegen die Spielregeln", grinste Reid, während Hannah ihre Dame auf C4 setzte.
Allmählich wurde er wieder ernst, verschränkte die Arme vor der Brust.
„Ich denke nicht, dass jemand deiner Mitschüler die Tat an sich begangen hat. Weder Stanford noch Easton. Was wir jedoch kaum ausschließen können ist die Option, dass es eine Verbindung zwischen Ben oder Glorias Eltern zu Michelle Garner gibt. Nicht zu vergessen Susan Hayden. Das ist aber meine ganz persönliche Theorie. Und wir dürfen noch immer nicht vollständig außer Acht lassen, das trotz allem die Wahrscheinlichkeit besteht, dass die beiden einem Zufallsdelikt zum Opfer gefallen sind. Ben könnte die Mädchen durchaus zurück gelassen und in der Zwischenzeit einen anderen Ort aufgesucht haben."
„Okay, das reicht mir."
„Jetzt bin ich an der Reihe."
Spencer setzte den Läufer auf A3.
„Was ist dir über Gloria Eastons privates Umfeld, den Bereich außerhalb der High School bekannt?"
Hannah seufzte schwer, weil sie es als anstrengend empfand die benötigten Informationen abzurufen und in Kürze alles bekannt zu geben, was sie als jeweilige Antwort zu sagen hatte.
„Sie verfügt über einen sehr großen Freundeskreis. Sie spielt Badminton, Lacrosse, ist in Sportvereinen aktiv und hat offenbar schon etliche Wettbewerbe gewonnen. Sie ist hübsch, talentiert und reich. Sie hat stets die coolsten Klamotten und die neuste Technik. Ihre Eltern müssen wohlhabend sein. Aber als was sie arbeiten, weiß ich leider nicht. Gloria hatte immer Michelle im Schlepptau. Das muss so offenbar schon seit der Grundschule gehen. Und später kam dann noch Susan hinzu."
Reid nickte verstehend.
„Also eine Dreieckspopulation. Als dieses komplexe Gebilde bezeichnen Psychologen eine Freundschaft, die sich durch drei Persönlichkeiten spaltet und einander bedingt. Im Gegensatz zu symbiotischem Verhalten existiert hier ein Aktivum, samt zwei Mitläufern, die einander bedingen. Hierdurch wird die typische Sender und Empfänger Problematik forciert."
„Wenn du das sagst."
Hannah hatte sich mittlerweile damit abgefunden, dass ihr Vater ausschließlich mit Fachbegriffen jonglierte und sich in seinem Redefluss nur schwer unterbrechen ließ.
Auch wenn sie seine Macken hin und wieder als außergewöhnlich und befremdend definierte, konnte sie seiner Art nach all den Monaten etwas Liebevolles abgewinnen.
Heimlich hatte sie stundenlang in Fachbüchern gelesen, ob sich an seiner vermuteten Diagnose des Asperger etwas Wahres abgewinnen ließ.
Nach einer Reise durch die entsprechende Fachliteratur hatte sie es jedoch aufgegeben und war zu dem Entschluss gekommen, dass sie ihn trotz seiner ausgefallenen Art als das akzeptierte, was er war.
„Nächste Frage. Warum lassen sich Männer so leicht von Äußerlichkeiten beeindrucken? Ich hätte nicht gedacht, dass Ben auch so ist. Aber offenbar betrifft das alle."
Spencer taxierte seine Tochter mit überraschter Mimik.
„Das passt überhaupt nicht in unseren Fragekatalog."
„Du hast es nicht eingegrenzt", grinste Hannah süffisant, als Spencer nach Erklärungen suchte.
„Evolutionär gesehen ist es ein chemischer Prozess, der aufgrund komplexer, struktureller Vorgänge im Großhirn stattfindet.
Wir unterscheiden hierbei eine Vielzahl von Theorien und Ansätzen, die während der letzten Jahrhunderte geschaffen wurden. Laut der sozialpsychologischen Rollentheorie stellt das soziale Umfeld ein entscheidendes Merkmal für die geschlechtsspezifischen Unterschiede dar. Die evolutionspsychologische Lehre dagegen besagt, dass das Ziel der Partnerwahl die Fortpflanzung sei und die Partnerwahl den Effekt hat, mit dem optimalen Partner die Sicherung des Überlebens und der Fitness der eigenen Nachkommen zu erhöhen. Vermutlich haben eure Interessen und Charakterzüge nicht miteinander harmoniert."
„Mit anderen Worten: Ich bin zu hässlich, um jemandem zu gefallen."
Reid hob abwertend die Hände.
„Ganz im Gegenteil. Das hast du falsch verstanden. Zum einen spiegeln Theorien lediglich die verschiedenen Auffassungen spezifischer Wissenschaftler wieder. Und zum anderen ist das Themengerüst der Genetik zu komplex, als das man es mit einer einzigen Erklärung eingrenzen kann. Ich vertrete die Auffassung, dass es eine spezifische Gruppe von Menschen gibt, die wie in einem Puzzle zu einer anderen hinzugefügt werden kann. Einflüsse wie Farben, Gerüche, Charakterzüge sollten hierbei nicht unterschätzt werden. Ganz abgesehen von der evolutionären Seite. Frauen ziehen den Nachwuchs auf, während Männer wesentlich sprunghafter denken. Eine Tatsache, die sich auch im Schlafverhalten der unterschiedlichen Geschlechter widerspiegelt. Männer haben einen wesentlich tieferen Schlaf, während Frauen schneller wach werden, um den Nachwuchs zu stillen und..."
„Schon gut. Hätte ich bloß nicht gefragt."
„Mir persönlich liegt mehr an inneren Werten und Stärken", stellte Spencer unmissverständlich klar, weshalb Hannah die Stirn in Falten legte.
„ Da bist du wohl zu ziemlich der Einzige. Machen wir lieber weiter. Stell mir besser die nächste Frage."
Spencer, der sich zunächst etwas unverstanden fühlte, zuckte mit den Schultern.
„Kommen wir wieder zum Ausgangsthema. Wie würdest du Michelle und Glorias Verhalten gegenüber Erwachsenen beschreiben? Gegenüber Fremden, oder Autoritätspersonen, die sie zum ersten Mal sehen."
„Das ist eine schwere Frage. Gloria hat selten Ängste. Sie geht offen durch die Welt, ohne Zurückhaltung oder Distanz. Michelle gehörte eher dem folgenden Rudel an. Ihr erster Blick geht zu Gloria und dieser Reaktion passte sie sich an."
Damit setzte Reid das Pferd auf die nächste freie Fläche.
Eigentlich wollte Hannah die lockere Fragerunde fortsetzen, als das Mobiltelefon ihres Vaters klingelte.
Leicht genervt nahm Spencer den Anruf entgegen.
„Ja, Reid?"
Der Störenfried entpuppte sich als niemand geringeres als Derek Morgan.
„Es gibt Neuigkeiten, mein Hübscher. Hotch will uns in einer halben Stunde zur Besprechung im Versammlungsraum sehen. Ist deine Kleine bei dir?"
„Ja, warum?"
„Bring sie mit. Hotch will ihr noch einige Fragen stellen. Außerdem haben wir weitere Leichen gefunden."
Damit hatte er aufgelegt und sah dann mit leicht düsterer Miene auf seine Tochter.
„Ist was passiert?"
„Der Chef will, dass du mich zur Befragung in die Zentrale begleitest. Offenbar ist es dringend."
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heaven and hell (Criminal minds)
FanfictionSpencer's Tochter Hannah möchte bei einem Ausflug die Geschehnisse der letzten Wochen vergessen. Doch nur bald darauf verschwinden ihre Freunde auf ungeklärte Weise. Kurz darauf findet sich die erste Leiche. Werden Spencer und seine Kollegen den Vor...
