Ein Schrei erklimmt meiner Kehle. Erschüttert den Brunnenschacht. Der verschwiemelte Klang wird von dem kalten Gestein zurückgeworfen, hüllen mich und sie in einen Echonebel.
Ihre langen Klauen greifen nach mir, kratzen gewaltsam in meine Haut, bohren sich in mein Fleisch.
Panik flutet mich, reißt Sprünge in die Mauern. Unmengen an Lava schwemmt durch meinen Körper, fließt mir in brennenden Tränen über die Wangen.
Meine Fingerspitzen krallen sich in der Realität ins kalte Bettlaken. Doch mein Verstand ist längst verloren, in einem Paralleluniversum gefangen, in einem kleinen Nebenraum der Wirklichkeit.
Meine Monster zerren an mir, reißen mir scheinbar alle Glieder aus, zerhacken mich zu undefinierbaren Einzelteilen.
Gewaltsam werde ich durch den Boden des Brunnenschachtes gezogen, selbst das kleine Lichtfunkeln, der Zugang zur Realität, erlischt vor meinen Augen.
Und ich falle.
Meine Haare wirbeln um mein Gesicht, kalte Luft rauscht an mir vorbei, zieht eisig durch meine Haut. Ich falle endlos in den Kaninchenbau hinein. Auf einmal schwebe ich, leicht wie eine Feder. Neben mir her, gleitet eine Gestalt. Ein blasses Gesicht drängt sich in mein Blickfeld. Die Mundwinkel tief in die Wangen geritzt und die von dunklen Ringen gezierten Augen blutunterlaufen. Rote Farbe besprenkelt sein grünes Gewand. In den Blutspritzern geschrieben stehen all seine düsteren Vergehen und der Grund, weshalb alle Einwohner seiner Welt im Grab schlafen.
„Willkommen im Nimmerland."Grinsend streckt er mir seine Hand entgegen – totes Fleisch.
„Ich bin auf dem Weg ins Wunderland", erwidere ich bestimmt.
„Aber Wunder existieren nicht, Schätzchen. Sie sind bloß Einbildungen, jämmerliche Hoffnungen, die Menschen ewiges Leid bescheren." Der Wahnsinn hat sich in seinem Gesicht festgesetzt wie eine angenähte Maske. So wie ihm sein Schatten angenäht wurde.
„Wunder existieren. Jedoch nicht für Unmenschen wie uns." Ein leidgeziertes Lächeln huscht über meine Gesichtszüge, als ich meine Hand in seine lege.
Das ist alles ein Traum.
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„Wie du mir erzähltest, sind Hianeeks Lippen mit rotem Garn zugenäht –"
„Es ist weiß", unterbreche ich ihn flüsternd. Meine Finger verheddern sich umständlich ineinander. Erneut macht sich die Unruhe bemerkbar.
„Nicht rot?" Dr. Z scheint irritiert, was mir ein nervöses Schmunzeln entlockt.
„Blut hat es rot angemalt. Wie die weißen Rosen aus Alice im Wunderland."
„Wessen Blut ist das, Lucette?"
„Über meinem Paradies ergießen sich meine eigenen Bluttränen und färben all die Gräber rot."
„Du scheinst die Farbe zu mögen", sagt Dr. Z langsam, offenbar verunsichert, was er auf diesen Satz erwidern soll.
„Manchmal verabscheue ich sie."
„Ich verstehe." Der Psychologe räuspert sich. „Kannst du mir erklären, weshalb das Garn blutgetränkt ist?"
„Weil unwillige Schweigsamkeit bitter schmeckt."
Dr. Z legt seinen Kugelschreiber geräuschvoll auf seinen Tisch. „Für heute sind wir fertig."
„Nein. Diese Therapiesitzung wird niemals enden." Feinselig begegne ich seinem überraschten Gesichtsausdruck.
„Sie sind nicht real. Sie sind wie all dies nur ein Teil meiner kranken Fantasie." Böse funkle ich ihn an, ehe ich mich erhebe.„Bald werde ich Sie ins Grab bringen."
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Ein drittes Gesicht am Horizont.
Und ein Wispern leis' an meinem Ohr.
Die Wolken singen lebensfroh,
während das Gesicht lacht voller Hohn.
Ich hör' aus Herz und Seel'
Bis mir die Wolkengesichter das Leben stehl'n
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Nimmer Nimmerland - Ort der verlorenen Gedanken
Historia CortaMeine Gedanken - sie erscheinen mir verloren inzwischen der etlichen Realitäten, so fehl an diesem verlogenen Ort. So falsch, gar wie ein Verbot. Diese Gedanken sind meine Vergehen, meine Sünden und doch dienen sie mir als Trost. Dieses Buch...
