~11~
Henry
Heute Morgen war Henry voller Euphorie. Grace würde heute wiederkommen. Er hatte sie zugegebenermaßen ziemlich vermisst, doch er war sich nicht sicher, ob sie dasselbe empfand. Seit dem Vorfall im Restaurant hatten sich beide nicht mehr gesprochen. Er wollte sie zwar immer wieder ansprechen, doch jedesmal wich sie geschickt aus.
Nachdem er einen Kaffee getrunken hatte, fuhr er zur Arbeit. Officer Baskin schnauzte ihn an, er solle sich gefälligst auf den Weg zum Verhör begeben.
Und das tat er auch.
Drinnen fand er Mr. Cort vor. „Guten Tag, Mr. Cort", begrüßte er ihn freundlich.
Dieser sah Henry mürrisch an, ehe er frech fragte: „Wo ist denn die Kleine, die sonst immer so aufmüpfig ist?"
„Sie meinen Miss Hallington?"
„Wie auch immer diese Schnepfe heißt. Tut zuerst auf nett und will mit einem ins Bett, und dann hintergeht sie einen. Na ja, ich habe das schon mit vielen Frauen erlebt."
Henry fragte sich, ob das wirklich so gewesen war. Doch er konnte sich das nicht vorstellen. Wieso sollte sie so etwas tun? Er hatte sie immer anständig eingeschätzt.
Er setzte sich hin.
„Wie auch immer. Es geht hier um einen Mordfall, in dem sie verwickelt sind und nicht um Miss Hallington."
„Ich bin da nicht drin verwickelt!", erwiderte er.
„Natürlich. Sie waren dabei, als ein Mann ermordet wurde, also sind sie auch darin verwickelt. Ob Sie nun den Verdächtigen oder Zeugen spielen."
Mr. Cort sah Henry an. „Es geht um meinen Bruder", murmelte er. „Wieso sollte ich ihn umbringen?", fragte er dann leicht verletzt.
„Sagen Sie es mir. Wieso glauben Sie, haben wir Sie verdächtigt?" Henry sah den Verdächtigen vor sich an.
„Ich weiß es selbst nicht genau, um ehrlich zu sein." Jetzt klang er wieder nett.
Solche Stimmungsschwankungen waren für Henry unverständlich. Zuerst war er unerhört frech und dann war er höflich zu ihm.
„Aber Sie müssen doch irgendeine Vermutung haben. Hatte Ihr Bruder Feinde?"
Mr. Cort überlegte angestrengt und lange. Dabei sah er nach unten auf seine Hände und hatte die Augen geschlossen. „Ich kann mich nicht an irgendwelche Feinde erinnern."
Henry seufzte. Es nervte ihn, nur im Dunkeln gelassen zu werden. Er wollte endlich Klarheit und die Akte dieses Falles ein für alle Mal schließen.
___
Grace
Angst erfüllte Grace. Sie wusste, dass Anthony unberechenbar war, doch vielleicht würde er ihr ja nichts antun. Oder sie könnte sich noch rechtzeitig befreien.
Der Raum in welchem sie saß, war dunkel. Anthony war vorhin wieder gegangen. Er hatte einfach nur dagesessen und sie angestarrt.
Sie hingegen, hatte einfach nur zurück gestarrt und hatte sich nichts daraus gemacht. Womöglich waren das nur Psychospielchen, denn nach einer halben Stunde - so hatte Grace es geschätzt - war er schon wieder gegangen.
Jetzt öffnete sich die Tür und ein Strahl von natürlichem Licht blitzte auf, jedoch verschwand er nach einigen Sekunden wieder, als die Tür wieder geschlossen war.
Anthony knipste ein Deckenlicht an, sodass Grace kurz blinzeln musste, da sie sich schon lange an die Dunkelheit gewöhnt hatte. Etwas Licht hatte man zwar noch im Raum, doch von viel konnte man nicht sprechen.
„Also, meine Liebe", fing er an zu sprechen. Er hatte etwas Verrücktes in seinem Blick.
„Bitte nenn mich nicht so", erwiderte Grace schnippisch.
„Hm-hm. Der Ton macht die Musik." Er lächelte sie überlegen an. Dabei kam er etwas näher. „Ich möchte dir eine Chance geben zu überleben, denn so kaltblütig bin ich nun auch wieder nicht."
Am liebsten hätte Grace laut aufgelacht, wenn er nicht soeben vom Überleben gesprochen hatte. Das bedeutete also tatsächlich, dass er sie töten wollte. Und sie hätte 50 Dollar darum gewettet, dass es nicht schnell gehen würde.
„Überlegen Sie weise, Miss Hallington." Verschmitzt grinsend sah er sie an.
Er machte sich also tatsächlich einen Spaß daraus.
„Wenn du es schaffst, mich innerhalb einer Minute umzubringen, kommst du frei." Triumphierend sah er sie an. Als hätte er praktisch schon gewonnen.
„Und wenn ich es nicht schaffe?"
„Dann musst du dran glauben."
Bei seinen Worten lief es Grace eiskalt den Rücken herunter. In all den Jahren, in denen sie als Ermittlerin gearbeitet hatte, hatte sie viele schlimme Dinge gehört und gesehen, doch nun betraf sie es. Und eigentlich hatte sie überhaupt keine Chance. Es sei denn, sie würde in der Zeit einfach fliehen. Aber wie? Sicherlich würde er ihren Plan sofort durchschauen, denn er war bei weitem kein Anfänger.
Dann hatte sie eine ziemlich gute Idee.
Ihr Blick wurde weich und sie sah auf. „I-ich kann dich nicht töten...", stotterte sie täuschend echt.
„Ach komm, jetzt zieh nicht diese Nummer ab." Anthony sah ihr ungläubig ins Gesicht. „Ich hätte dich wirklich anders eingeschätzt, meine Liebe!"
„Nein, ich meine es ernst", erwiderte sie verzweifelt. „Ich möchte mit dir mein Leben verbringen und bei deinen Plänen mitmachen." Sie machte eine kurze Pause. „Ich glaube, ich liebe dich." Am liebsten hätte sich Grace auf der Stelle übergeben, denn sie war von ihren eigenen Worten angewidert, aber sie ließ sich gekonnt nichts anmerken.
Plötzlich wurde Anthony stutzig. Er schien ihr einigermaßen zu glauben und überlegte lange, ehe er eine Antwort gab. „Ich bringe dir etwas zu essen und werde darüber nachdenken."
Einige Sekunden später war er verschwunden und ließ sie wortwörtlich im Dunkeln.
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Brother #ColourAward18
Mystery / ThrillerChicago 1947. Mord. Liebe. Eifersucht. Ein weiterer Mordfall wurde Grace Hallington zugeteilt. Doch der macht es ihr ziemlich zu schaffen. Zudem kommt noch, dass ihr alter Schulfreund und Verdächtiger sie verführen möchte. Und dann ist da noch ihr...
