K A P I T E L 1

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England, 2020

Ariene Silver lehnte nackt an ihrer Stuhllehne und zog genüsslich an einem Joint, während sie die Oberfläche eines grün flimmernden Computermonitors aufmerksam überwachte.

Ihre blauen Augen fixierten jeden einzelnen der roten Punkte, die Tracker symbolisierten und die Stille des halbdunklen Raumes wurde durch ein taktweises und stetes Piepen der Markierungspunkte unterbrochen.

Seitdem sie sich Ende August in dem ehemaligen Klostergebäude nahe des Trinity College einquartierte, hatte sich an der Innen vorhandenen Ausstattung nicht viel geändert. Die nach Mief riechenden Kalkwände waren bis auf ein kleines Gebetskreuz, das in jedem der Zimmer hing, kahl und teilweise freigelegt. Überall blätterte Putz zerbröselnd zu Boden, welcher seine besten Zeiten ebenfalls bereits hinter sich hatte.

So standen die Dinge auf Sparflamme, als die junge Frau sich im hinteren Teil des Kellers eingerichtet hatte.

Arienes Rucksack war nicht allzu voll gewesen, als sie Frankreich vor wenigen Wochen per Flugzeug verlassen hatte. Mit der Entlohnung dem die Schatzwache ihr dort eingebracht hatte, war sie sofort zu ihrem nächsten Auftrag geeilt. Als Seeker oder auch Sucher genannt, kannte sie sich als geborener Spürhund alter Schätze und Reliquien bestens in ihren Milieu aus.

Ihre angeborenen übernatürlichen und kognitiven Fähigkeiten, unterschieden sie von denen der in ihrer Welt genannten »People«. Dazu zählten auch ihre Visionen.

Ariene wippte zufrieden mit ihrem schlanken Fuß, als sie sich an das jubelierende Gefühl erinnerte, das sie durchströmte sobald sie ein weiteres Fundstück in die Hände sogenannter »Guardians« übereichte. Einem der Letzten um genau zu sein.

Zumindest wusste Ariene von keinem weiteren Mitglied des Wächter-Zirkels in England. Und hätte ihr schlimmster Erzfeind »die Hunter« den vierten Zirkel, den es auf dieser Welt gab, nicht zur Gänze ausgelöscht, so müsste sie nicht doppelt so viel Arbeit in die Schatzsuche investieren.

Salzige Tränen stiegen ihr in die Augen. Unbewusst biss sich Ariene auf die Unterlippe um das lästige Gefühl von Einsamkeit und Schmerz zu verdrängen.

1. »Dein Zirkel war deine Familie.«

2. »Dein Credo deine Bestimmung.«

Damals hatten die vier Zirkel eine ganze Familie verloren. Der gesamte vierte Zirkel verschwand. Die Welt verlor ihre Schatzmeister. Pro Meister ein Schatz, ein Geheimnis und eine lebende Person die wusste, wo jener begraben lag.

Aber der vierte Zirkel konnte nicht mehr sprechen. War verloren, gejagt und getötet. Alle Geheimnisse und alle Schätze, mussten wiedergefunden werden. Du weißt wo es verborgen liegt, hatte der Schatzmeister einmal zu Ariene geflüstert.

Die letzte Botschaft ihrer Mutter. Mom, dachte Ariene. Werde ich deinen Schatz wiederfinden?

Aus dem Nebel der Erinnerungen blinzelte sie verbittert auf und warf einen ungeduldigen Blick auf ihre Armbanduhr. Die Zeit war ihr in gewohnter Weise immer ein Feind, da auch die Hunter nie lange auf sich warten ließen, wann immer sich ein Seeker auf Schatzsuche begab.

In diesem Fall zeigte die Uhr kurz vor acht an.

Längste Zeit in die Gänge zu kommen. Sie stand auf, schnappte sich ein paar zerknüllte Jeans und ein weißes Hemd aus dem Rucksack neben ihren Schlafplatz, der sich mehr oder minder aus einem Bettgestell mit Stroh und Lacken zusammensetzte, trug ein wenig Lidschatten auf und warf sich eilig einen Kaugummi in den Mund.

Schmatzend zupfte sie noch an ihrem blonden Pony, warf die Reste des Joints aus den josephinischen Erkerfenstern des Kellergeschosses und warf einen letzten Blick auf den Monitor. Sie war kurz davor, ihre Mutter mit Stolz zu erfüllen. Auch, wenn sie es vielleicht nicht mehr sehen konnte.

"Das mir das schön so ruhig bleibt, Baby.", hauchte sie lässig. Damit packte sie das Alarmgerät in ihren Rucksack, zog sich eine dünne Lederjacke über und warf die Zimmertür hinter sich zu.

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