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Der Blick aus dem Cockpit war unbeschreiblich. Überall, soweit sein Auge reichte, waren Wolken zu sehen. Um ihn herum sahen sie noch normal aus, weiß und grau. Doch sie wurden immer fremdartiger bis sie schließlich eine Art grünen Ring bildeten. Darüber strahlte der blaue Himmel. Es war ein schrecklich schöner Anblick. „Gibt es Neuigkeiten von meinem Vater?", fragte Nabil. 

Martin flug nun schon seit fünf Jahren für ihn und Nabil konnte sich nicht daran erinnern, das er ihn jemals so blass gesehen hätte. Im Gegensatz zu seinem eigenen Vater hatte Nabil keinen Flugschein. Seine Vorlieben galten der Zucht, dennoch nutzte er den Flieger, wann immer er ihn brauchte. Die Instrumente leuchten und erzählten bestimmt eine Geschichte, aber er verstand sie nicht. Beide Piloten trugen ihre Uniformen, wobei die des Copiloten nicht ganz zu passen schien. Er kannte den jungen Mann auch nicht, der auf der linken Seite saß, vermutlich hatte Martin in der Eile niemand vertrauten auftreiben können. Ihm sollte es recht sein, Hauptsache sie flogen. Martin übergab das Steuer und wandte sich Nabil zu. „Wir haben überhaupt keinen Kontakt mehr herstellen können. Zu niemandem." 

Schlecht, ganz schlecht. 

Der Adamsapfel des Copiloten hüpfte und Schweißtropfen bildeten sich am Rand der Pilotenmütze. Nabil musste seine eigene Panik bekämpfen. Er stützte sich an der Wand ab und atmete tief ein. Sie waren nun an einem Punkt angekommen, an dem jemand eine Entscheidung treffen musste. Offensichtlich erwarteten die beiden Piloten, dass er diese Person war. „Wir können also hinein oder drüber hinweg fliegen", fasste er die naheliegenden Möglichkeiten zusammen. Das Grün der Wolken sah eindeutig ungesund aus. Es konnte in dieser Masse kein Leben geben, wie also sollte er sie retten? Aber es brachte nichts, über das ungewisse nachzugrübeln, er musste sich auf das jetzt konzentrieren. Ein Schritt nach dem nächsten. 

Martin legte seinem Copiloten eine Hand auf die zitternde Schulter. Die grünen Wolken kamen näher, doch Nabil ignorierte ihre drohende Präsenz. „Wir versuchen es zuerst über den Wolken." Dort wo die Freiheit noch grenzenlos war. Der alte Liedtext zuckte durch seinen Kopf. Seine Mutter hatte ihn oft gesungen oder gesungen, wenn sie gute Laune hatte. „Wenn uns das Kerosin ausgeht, werden wir sowieso hineinfliegen müssen. Ich möchte diesen Zeitpunkt so lange es geht hinauszögern. Sagt mir Bescheid, wenn es soweit ist."

Beide nickten und Nabil kehrte zurück in die Lounge. Diesen Raum hatte er schon immer geliebt. Er war freundlich, gemütlich und warm. Die Möbel waren hell, die Einrichtung aus Kirschholz. Es gab einen Essbereich, eine Wohnlandschaft und einen Spieltisch. Alles von erstklassiger  Qualität, dennoch funktional und nicht protzig. Hier hatte er Geschäftstreffen durchgeführt und mit Freunden gefeiert. Die Atmosphäre entspannte ihn. Der Arzt hatte sich an seinen Schachtisch gesetzt, der Großvater nahm gegenüber Platz. Wie konnten sie in einer solchen Situation nur an ein Spiel denken? Der alte Mann fing seinen Blick auf und lächelte, wenn es auch eher gequält aussah. Nabil konnte sein Alter schlecht abschätzen, wahrscheinlich sechzig oder älter. „Ablenkung tut gut. Die Kinder haben Ihre Filmsammlung entdeckt, das war mir aber zu laut." Der alte Mann versank förmlich in dem Ledersessel. Verständlich. Wahrscheinlich hatten sie den einen oder anderen Disneyfilm entdeckt. Das würde sie über Stunden beschäftigt halten. 

„Falls Sie selber spielen wollen, können Sie gerne meinen Platz haben." Der Arzt strich zögernd über die schwarzen Figuren. Das Angebot schien nicht unbedingt von Herzen zu kommen. 

„Nein, spielen Sie ruhig. Jeder muss sich so beschäftigen, wie er es für nötig hält." Nabils Füße führten ihn wie selbstverständlich zu seinem Lieblingssitz. Ein heller Echtledersessel, in dem er sowohl lesen als auch arbeiten konnte. 

Henrike döste mit dem Kind im Arm, öffnete aber die Augen, als er wieder Platz nahm. Mit den Füßen drehte sie vorsichtig ihren Sessel, bis sie Nabil direkt anschauen konnte. Eine Locke fiel ihr in die Augen, und sie blies sie vorsichtig zur Seite. Ihre Hände hielten weiterhin das Kind fest. „Alles in Ordnung?" 

Nein. „Natürlich. Und bei Ihnen?" 

„Ich habe Angst." 

Er auch. In seinem Magen hatte sich ein dicker Knoten gebildet. Irgendwie hatte er die Verantwortung für diese Menschen übernommen. Es war nicht möglich gewesen, sie zurück zu lassen, aber würde er ihr Überleben sichern können? „Es wird schon alles gut gehen." Die Angst war groß. Größer, als die vor seinen älteren Halbbrüdern oder den Erziehungsmethoden seines Vaters. Er brauchte dringend ein anderes Thema. „Das Mädchen hängt sehr an Ihnen." 

Das schlafende Kind regte sich nicht, es sah einfach nur friedlich und entspannt aus. „Ich konnte Lottas Eltern nicht erreichen. Die Anderen lassen sich gut ablenken, aber Lotta ist sehr emphatisch. Sie fühlt, dass etwas nicht stimmt." Henrike zögerte. „Ich habe ihnen gesagt, dass wir uns mit ihren Eltern treffen würden. Das hält sie ruhig." 

Nabil wollte ein paar tröstende Worte sagen, doch dazu kam es nicht. Die Tür zum hinteren Bereich wurde aufgestoßen und die ältere Frau rauschte herein. Händeringend sah sie sich um und lief zum Schachtisch. Samira folgte ihr dicht auf, wenn auch wesentlich ruhiger. 

„Die Wehen! Herr Doktor, meine Tessa hat Wehen." Tränen rollten über ihre Wange. Der ältere Mann stand sofort auf und versuchte, die Frau zu stützen. „Das Baby kommt." 

Herr Doktor wurde aschfahl und versteckte sich hinter seiner Brille. Das erste Mal, dass Nabil eine echte Emotion an ihm wahrnahm. „Ich bin kein Frauenarzt", stieß er gepresst hervor. 

„Aber, Herr Doktor!", protestierte die ältere Dame. Ihr Hände wedelten hektisch in der Luft und für einen kurzen Moment befürchtete er, sie könnte in Ohnmacht fallen. 

Das Flugzeug ruckelte durch ein Luftloch, dann stieg es nach oben. Nabil verlor beim Aufstehen fast das Gleichgewicht. Kurz schweifte sein Blick zu dem friedlich schlafenden Kind. Soviel Ruhe schien ihm nicht vergönnt zu sein. 

„Aber, Herr Doktor. Sie haben das doch einmal studiert," versuchte der Großvater zu vermitteln. 

Der Arzt hielt sich am Tisch fest und vermied jeglichen Augenkontakt. „Ich bin Psychologe." 

Die ältere Dame legte eine Hand an ihre Brust und schwankte. Nicht gut. Samira griff schnell nach ihrer anderen Seite und verhinderte das Schlimmste. Nabil vermisste seine Jagdfalken. Sie waren viel ruhigere Mitreisende. „Ich könnte ihrer Tochter behilflich sein", begann er. Jedes Wort fiel ihm schwerer als das zuvor gesagte. Er? Einer Gebärenden helfen? Er griff kurz nach dem Anhänger und rieb über die Flügel. Gleich fühlte er sich etwas ruhiger.

Alle drehten sich zu ihm um und starrten ihn an. Es galt eine Panik zu vermeiden und auf so etwas war er von seinem Vater vorbereitet worden. Schweiß bildete sich in seinem Nacken. Nun, natürlich nicht direkt auf die Aufgaben eines Geburtshelfers. Aber darauf, die Massen zu kontrollieren.

„Sind Sie Arzt?", hauchte die ältere Dame, während sie nach seinem Arm fasste. Ihr Griff glich einer Stahlklammer und Nabil spürte die geballte Macht ihrer Hoffnung auf ihn zurollen. 

„Nun, nicht direkt", wich Nabil ihrer Frage aus. „Aber ich habe ein wenig Erfahrung." Mit Pferden. Er atmete tief durch und zwang seine Lippen zu einem Lächeln. Panik vermeiden. Auf kleinstem Raum konnte ein winziger Funke zu einem Feuer führen, das sie alle in einen Abgrund riss. Ob sein Vater wohl stolz auf ihn wäre? Mutter ganz sicher. 

Die ältere Dame zog ihn hinter sich her zu dem Aufenthaltsraum der Besatzung. Dort saß die Hochschwangere auf einem Sitz und trank einen Tee, den Becca ihr aufgebrüht hatte. Die Frau trug ein geblümtes Wickeloberteil und Jeans. Der Bauch wirkte einfach nur riesig. Nabil schätzte sie auf Mitte dreißig, eine Frau die mitten im Leben stand. Die blonden Haare waren in einem Dutt zusammengesteckt und sie schien recht groß zu sein. Die zukünftige Großmutter stürzte zu ihrer Tochter. „Der Scheich wird dir helfen!" 

Nabil konnte ein Zucken nicht verhindern. Er hatte im Gestüt der Familie schon unzählige Fohlen mit auf die Welt gebracht. Wie schwer konnte das schon werden? Zunächst galt es Ruhe bewahren. Die Frauen mussten beschäftigt werden und sie bräuchten einen ruhigen Ort. „Wir werden schaffen das schon." Sein Magen hüpfte wie ein bockendes Pferd. „Als erstes bringen wir sie an einen gemütlichen Ort." Und nachdem die Gästezimmer belegt waren, gab es nur noch ein Zimmer, das dafür in Frage kam. 

Reset - eine Göttermeer GeschichteWo Geschichten leben. Entdecke jetzt