„Ich verstehe das nicht." Nabil fuhr sich durch das zerzauste Haar. Er stand mit Martin und dessen Sohn an der offenen Kabinentür. Jetzt sah er auch endlich die Ähnlichkeit. Der Zug um den Mund, der Schwung der Augen. Es konnte keinen Zweifel geben. Unter ihnen erstreckten sich die grüne Wolken. Das Flugzeug war eingesunken, unter den Flügeln waren vielleicht noch zwei Meter Platz. Aus der Nähe betrachtet wirkte es noch surrealer. Das Grün hatte keine Wolkenkonsistenz. Es glich eher einer geligen Masse. „Erkläre mir ganz genau, was passiert ist", forderte er Martin auf.
Es war der Sohn, der antwortete. „Papa hat den Sinkflug eingeleitet. Bei etwa 10.000 Fuß haben wir die Wolkendecke berührt. Die Elektronik ist sofort ausgefallen."
Die grüne Masse waberte. Fast glich es Wellen, aber Nabil hatte etwas derartiges noch nie gesehen. „Was ist das bloß?", fragte er.
Martin nahm sich die Pilotenmütze ab und kratzte sich am Kopf. Er wirkte verstört. Auf seiner Stirn prangte eine rote Druckstelle. Vielleicht hatte er sich den Kopf angeschlagen? Michael zuckte nur mit den Schultern. Einer inneren Eingebung folgend griff Nabil nach der Pilotenmütze und warf sie auf den merkwürdigen Untergrund. Alle drei schauten ihr nach. Das Grün blitzte schwach auf, doch die Mütze blieb oben liegen.
Michael riss seine Augen auf. Er konnte vielleicht gerade einmal Anfang zwanzig sein, wenn überhaupt. Eigentlich viel zu jung für die Uniform. „Was ich überhaupt nicht verstehe ist, warum hier die Luft so gut ist."
„Bitte?" Nabil schnupperte und sah den Copiloten fragend an.
„Wir sind über dreitausend Metern Höhe. Trotzdem ist die Luft frisch. Hier wäre der Sauerstoffgehalt doch eigentlich viel zu niedrig." Michael schaute fragend zu seinem Vater, der sich an der Kabinentür festhielt. Martin schüttelte nur den Kopf.
Nabil musste Michael recht geben. Die Nachtluft roch anders, aber reichhaltig. Irgendwie satter. Er hatte die Kabinentür geöffnet, ohne sich weitere Gedanken zu machen. Er war wieder voreilig gewesen, hatte sich von seiner Neugier leiten lassen. Vielleicht war die Luft sogar giftig? Nun, dafür war es jetzt zu spät. Sein weißes Hemd fühlte sich schmutzig an, klebte förmlich auf seiner Haut. Er würde gerne duschen und sich umziehen. Die kalte, klare Luft weckte seine Lebensgeister. Sie waren nicht abgestürzt, sie lebten. Über ihnen strahlten der Mond und abertausende Sterne. Mehr, als er jemals zuvor gesehen hatte. Irgendwie fühlte es sich wie ein Sieg an. Nabil lächelte.
Sein Leibdiener Amir trat durch den Gang auf ihre Gruppe zu. Sein ernster Gesichtsausdruck vermischte sich mit einem Hauch Entsetzen, als er Nabils Erscheinung gewahr wurde. Er warf nur einen kurzen Blick hinaus, dann widmete sich der kleine Mann ganz ihm. Unter vielen Verbeugungen und leeren Komplimente wurde er in den Aufenthaltsraum der Crew bugsiert. Er musste schmunzeln. Als ob Sauberkeit nun das Wichtigste sei. Amir half ihm aus seinen Gewändern und schob ihn kompromisslos unter die Dusche. Aber das Nass tat ihm gut. Für einen Moment vergaß er alle Sorgen. Das Wasser spülte sie in den Ausguss. Er trank einen paar Schlucke und wusch sich. Müde Gedanken kreisten durch seinen Kopf. Waren sie nun gestrandet? Was sollten sie tun?
Das Wasser. Hektisch drehte Nabil den Wasserstrahl ab. Was war er doch für ein Idiot. Sie lebten noch, schwebten irgendwo über den Wolken und er verschwendete kostbares Wasser. Würden sie jetzt verdursten? Er musste dringend die Vorräte überprüfen, musste alles rationieren. Stockend holte er Luft. Die klimatisierte Luft sorgte für Gänsehaut und sein Körper fing an zu zittern. Worauf wartete er eigentlich? Ein Wunder? Langsam schob er die Türen der Duschkabine auf. Amir begrüßte ihn mit einem weichen Handtuch. „Was sollen wir nur tun?" Nabil erwartete nicht wirklich eine Antwort.
Umso mehr überraschte es ihn, als Amir tatsächlich etwas sagte. „Ihr solltet euch ausruhen, mein Herr. Ich werde mich um alles kümmern." Sein kleiner Diener nahm sich selten Freiheiten heraus, auch wenn Nabil keinen Wert auf steife Umgangsformen legte. Dieses Angebot kam von Herzen und Nabil wusste es zu würdigen.
„Die Vorräte müssen kontrolliert werden." Nabil konzentrierte sich und dachte nach. Es gab so viel zu tun. Er bekam kaum mit, wie Amir ihn zu einem Bett führte und sich dabei mehrfach entschuldigte. Die Bettwäsche war weich und roch frisch. Amir war trotzdem bestürzt, ihm eine derartige Unterkunft zumuten zu müssen, doch Nabil war alles egal. Sobald sein Kopf das Bettlaken berührte schlief er ein.
Es konnten kaum ein paar Stunden vergangen sein, als Nabil hoch schreckte. Irgendwas hatte ihn geweckt. Er drehte sich und wäre fast von der schmalen Matratze gerutscht. Die Umgebung wirkte ungewohnt. Ein schlichter und unauffälliger Raum. Die Möbel waren eher auf Effizienz als auf Ambiente ausgewählt worden. Schmales Bett, Nachttisch, Schrank und Schreibtisch. Alles weiß. Eine Schreibtischlampe leuchtete, ansonsten war es dunkel. Auf dem Stuhl saß Amir und beobachtete ihn. Nabil setzte sich auf. „Wo bin ich?"
„In der Unterkunft, die ihr mir großzügigerweise auf Flugreisen zur Verfügung stellt, Herr." Amir erhob sich. Nachdem er sich einmal kurz verbeugt hatte, öffnete er die Tür und Samira glitt herein. Die Stewardess begrüßte ihn ehrerbietig und stellte ein Tablett auf den schmalen Nachttisch. Ob sie wohl Zeit gefunden hatte, sich auszuruhen? Oder ob sie sich um die Betreuung der Gäste gekümmert hatte? Mit einer Verbeugung huschte sie wieder hinaus.
Nabils Magen knurrte und er begutachtete das Angebot. Frisch aufgebackene Croissants, Marmelade, Tee und ein Ei. „Wir müssen sparsamer sein", begehrte er auf.
Amir nahm frische Kleidung aus dem Schrank und hängte sie über den Stuhl. Ansonsten ignorierte sein Diener ihn. Eine unangenehme und störrische Angewohnheit, die sich im Rahmen der Höflichkeit bewegte. Nabil seufzte lautlos. „Für wie lange reichen unsere Ressourcen, Amir?"
„Das Wasser für vier Tage, das Essen würde für sechs reichen, wenn wir rationieren. Das Notstromaggregat funktioniert, daher ist für Wärme gesorgt. Wie lange es hält, konnte ich nicht herausfinden."
Also hatte seine Dusche sie alle Zeit gekostet. Er blinzelte, als sich ein Brennen hinter seinen Augen bemerkbar machte.
Amir strich über den Stoff des weißen Hemdes. Offenbar war er in Nabils Ankleidezimmer gewesen und hatte für Nachschub gesorgt. Es war deutlich zu sehen, dass er noch etwas zu sagen hatte. Nachdem er so lange zögerte, konnten es keine guten Nachrichten sein. Langsam begann Nabil zu essen. Biss Stück für Stück des Croissants ab. Tunkte es abwechselnd in Marmelade oder Butter. Trank den Tee. Dabei beobachtete er jede Bewegung seines nervösen Dieners. Amir war gute zehn Jahre älter als er selber, diente ihm seit mehr als zwanzig Jahren. In manchen Dingen kannte Nabil ihn besser als sich selbst. Seit das erste graue Haar auf Amirs Kopf aufgetaucht war, hatte dieser damit begonnen, sich die Haare zu färben. Es hatte seinen Sinn für Ästhetik beleidigt. Amir war ein ordentlicher Mann, der viel Wert auf Pflege legte und gut zehn Jahre jünger aussah. Seine Tage begannen mit Yoga. Nabil versteckte ein Lächeln. Ein sanfter Mann, der sich am besten in einer entspannten Umgebung öffnete. Ein weiterer Bissen. Kauen und Schlucken. Sein nervöser Magen begrüßte die Nahrung mit zwiespältigen Gefühlen.
„Die Mütze, die ihr heute morgen in die Wolke geschmissen habt, Herr?"
„Was ist mit ihr?" Er widmete sich seinem Ei. Es war perfekt, der goldene Kern flüssig, das weiß hart. Aber nichts anderes hatte er erwartet.
Amir rang mit seinen Händen. „Sie ist eingesunken."
„Verstehe." Der sterile Raum schien immer kleiner zu werden. Nabil schluckte. Sein Magen wollte die wertvolle Nahrung sofort wieder abstoßen, aber Nabil kämpfte gegen die plötzliche Übelkeit. Er brauchte Abstand. „Wir sollten uns versammeln, zumindest die Erwachsenen. Bitte leite alles in die Wege."
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Reset - eine Göttermeer Geschichte
Science FictionEine grüne Wolke breitet sich am Himmel aus. Immer schneller wächst sie, bis es kaum noch freie Plätze gibt. Auf der Flucht vor dem Unbekannten treffen verschiedene Charaktere zusammen. Darunter ein arabischer Prinz, ein Arzt, eine Kindergärtnerin...
