5.

38 11 4
                                        

Nabil blickte auf das Grüppchen, das sich vor ihm in der Lounge versammelt hatte. Der Psychologe stand am Schachtisch, der Großvater und die ältere Frau hatten auf dem Sofa Platz genommen. Am Esstisch saß das Pärchen, von dem er bisher noch nichts mitbekommen hatte. Daneben Martin und sein Sohn. Becca stand an der Wand hinter den Piloten. Amir teilte ihm flüsternd mit, dass die Kindergärtnerin sich um die Kinder kümmern würde. Schade. Gerade ihr Gesicht hätte ihm Halt gegeben. Die junge Mutter hatte er nach der Geburt nicht erwartet, Samira würde sich um sie kümmern. Damit waren sie vollständig. 

Es hatte gedauert, bis er sich gefestigt genug gefühlt hatte, um die kleine Kammer zu verlassen. Im Aufenthaltsbereich der Crew fand er eine Taschenlampe und er hatte sofort die Mütze kontrolliert. Amir hatte recht gehabt. Sie war nicht mehr zu sehen. Natürlich war es schwierig, in der Dunkelheit Abstände einzuschätzen, aber er vermutete, dass auch das Flugzeug eingesunken war. Was sollte er nur sagen? Er hatte ausgeharrt, bis die Kälte unerträglich wurde, dann hatte er durch das Fenster einfach nur nach draußen gestarrt und über eine Lösung nachgedacht. Im ersten Moment war ihm gar nicht aufgefallen, dass sich etwas veränderte. Doch langsam verblassten die Sterne und es wurde heller. Die Sonne ging auf. Die Minuten verstrichen und Nabil konnte nicht wegsehen. Es war so unverfälscht. Das Licht berührte die grüne Masse und alles fing förmlich an zu leuchten. Irgendwann wurde es so hell, dass er wegsehen musste. Erst da bemerkte er Amir, der neben ihm stand und höflich wartete. Es war sein Diener gewesen, d ihn schweigend, aber bestimmt zu den Wartenden in die Lounge geführt. 

Aus den Augenwinkeln sah er, wie sich die Tür zum Gästebereich einen Spalt aufschob. Ein Fuß verhinderte, dass er sich wieder schloß. Nabil ging jede Wette ein, dass sie dem jungen Schelm gehörte. Wie hatte er noch geheißen? Björn. 

Nabil schätze den Jungen auf zehn oder elf. Ein Alter, in dem man anfing, sich für die Zusammenhänge zu interessieren. Früher oder später würden auch die Kinder mitbekommen, wie es um sie stand. Wenn Björns Neugier in hierher führte, dann sollte es eben so sein. 

Es wurde Zeit. Nabils Blick wanderte durch den Raum. Martins Finger zuckten unablässig über die Tischplatte. Der Psychologe spielte mit den Bügeln seiner Brille. Die Erwachsenen wirkten unruhig. Gerade, als er etwas sagen wollte, erklang ein heller Ton. Was war das denn nun?

Keiner rührte sich. Kam das vom Flugzeug? Da, schon wieder. Ein melodisches Klingen. Die Tür schob sich weiter auf und Björns sommersprossiges Gesicht tauchte auf. Doch der Junge sah genauso ratlos aus wie alle anderen. Der Großvater richtete sich auf und wieder hörten sie die Töne. 

Björn legte den Kopf schief. „Das kommt von draußen", stellte der Junge überrascht fest. Von draußen? Der Psychologe ging zu einem der Fenster und schaute hinaus. Dann drehte er sich wieder um und zuckte nur mit den Schultern. 

Nabil tauschte einen Blick mit Martin aus und kehrte zurück zum vorderen Einstieg. Der Pilot folgte ihm, dahinter Michael und Björn. Der Rest blieb zurück in der Lounge. Wieder hörten sie die Tonfolge, unverändert in der Lautstärke. Die Tür zu seinen Gemächern öffnete sich und Samira trat heraus. Unauffällig folgte sie ihnen. An einem der kleinen Fenster blieb Martin stehen und starrte nach draußen. 

„Krass", murmelte Björn. Was sahen sie? Von seinem Standort aus konnte er nichts Besonderes sehen. Abgesehen von der grünen Masse natürlich. 

Samira schob sich an ihm vorbei und legte eine Hand auf den Riegel. Ein Blick zu ihm, den er mit einem Nicken beantwortete, dann öffnete sie den Einstieg. 

Nabil blinzelte und die Kälte hüllte ihn ein, doch er spürte sie nicht. Vor ihm stand ein Mensch in einem merkwürdigen Anzug. Grün und sehr eng anliegend von einer weichen, gelartigen Konsistenz. Moment, war das überhaupt ein Mensch? Die Gliedmaßen waren schlank, fast hager, soweit man es wahrnehmen konnte. Gesichtszüge ließen sich hinter der Maske nicht ausmachen. Das Wesen stand, nein, schwebte vor dem Zugang, ohne das Nabil erkannte wie. Geräuschlos. Der Besucher hatte einen Würfel in einer Hand. Ein Schatten glitt über sie. Sie sahen nach oben und dort hing ein Flugzeug, wie Nabil es noch nie zuvor gesehen hatte. Überall sah er den Schimmer dieses grünen Materials. Die Kreatur verbeugte sich. Es verging ein kurzer Augenblick, in dem Nabil die volle Aufmerksamkeit des Wesens auf sich fühlte. 

Reset - eine Göttermeer GeschichteWo Geschichten leben. Entdecke jetzt