second chapter

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04.04.2020

Wieder einigermaßen frisch gemacht verließen Daliah und ich die Toilette mit dem Wissen, dass wir fünf Minuten zu spät zum Geschichtsunterricht kommen werden. Mr. Norton wird zwar nicht erfreut sein. Aber wer kann einer Schülersprecherin und deren Stellvertreterin schon eine Strafe geben? Richtig niemand. Außer vielleicht Mr. Thompson, unser Schulleiter, wobei dieser große Spenden von meinen Eltern bekommt, und ohne diese Spenden wäre diese Schule schon längst geschlossen worden wegen Gefährdung der Schüler. Denn bevor ich an diese Schule gegangen bin, musste man Angst haben, dass sie bei dem kleinsten Luftstoß ineinander zerfällt.

So schlenderten wir ganz gemütlich durch die leeren Flure und hielten noch schnell an unseren Spinden. Wir holten unsere Bücher für Geschichte raus und legten die restlichen Bücher rein. Schon gleich fühlte sich mein Rucksack um einiges leichter an und ich hatte nicht mehr das Gefühl, als würde ich mir meinen Rücken jeden Moment brechen.

Ich warf meiner besten Freundin einen Blick zu, um zu schauen, ob sie bereit war sich nun zwei Stunden das Gefasel von Mr. Norton über den kalten Krieg anzuhören. Anscheinend schien sie genauso wenig bereit zu sein, wie ich. Denn sie verzog ihr Gesicht wehleidig. Aber wir wussten beide, irgendwann mussten wir dort auftauchen, denn wir konnten uns nicht noch mehr Fehlstunden einholen, um dann vielleicht doch irgendwann mal eine Strafe dafür zu kassieren.

Wir gingen durch die ruhige Schule und hielten dann vor unserem Geschichtsraum. Von drinnen konnte man schon Mr. Norton hören, wie er unseren Mitschülern erklärte, wieso es den kalten Krieg überhaupt gab. Das interessierte kein Mensch. Wahrscheinlich hingen die anderen eher auf den Tischen, als das sie saßen. Nun ja, dann mussten wir wohl die ganze Zeitreise ein bisschen aufmischen.

Ohne anzuklopfen öffnete ich die Tür und betrat erhobenem Hauptes den Klassenraum. Daliah hatte ebenfalls ihr Kinn in die Höhe gehoben und schloss mit einem lauten Scheppern die Tür hinter sich, sodass sich jeder Volltrottel, der eingeschlafen ist, merkte, dass wir auch am Unterricht teilnahmen. Automatisch zielte jeder Blick in unsere Richtung. Ein kleines Schmunzeln erschien auf unseren Lippen und wir wandten den Blick Mr. Norton zu.

»Miss Lopez, Miss Adams, ihr seid zu spät. Mal wieder.«, seufzte unser Geschichtslehrer am Ende und gab uns somit die gewollte Genugtuung, dass er mit den Nerven am Ende ist und keine Motivation mehr dazu hatte, uns eine Strafe rein zudrücken. Gut so. Denn ein Eintrag in der Schulakte machte sich nicht gut bei einer Unibewerbung.

»Wir wissen das. Es tut uns auch so unfassbar leid. Aber sie kennen es bestimmt selber, dass man bevor der Unterricht hat noch zum Spind muss, und mein Schloss hat leider gehakt. Ich konnte nichts machen, deswegen mussten wir erst den Hausmeister rufen und dann musste er auch noch mein Schloss wieder reparieren. Das dauert seine Zeit.«, tischte ich ihm eine Lüge auf, die so brilliant war, dass man denken könnte, sie wäre einstudiert. Aber nein, ich hatte mir das gerade in kurzer Zeit einfallen lassen. »Ich konnte schließlich nicht ohne Geschichtsbuch in den Geschichtsunterricht kommen, stimmt's oder hab ich Recht?«

Ich ließ ihm keine Wahl zu antworten, sondern klopfte ihm auf die Schulter, warf ihm noch ein charmantes Lächeln zu und ging auf meinen Platz in der dritten Reihe. Die anderen starrten mir hinterher. Aber das war ich mittlerweile gewohnt, weswegen es mir auch nichts mehr ausmachte. Ich habe gelernt die Blicke einfach zu ignorieren.

Daliah war stumm während meiner gelogenen Ausrede, doch daran, dass sie sich ihr Grinsen verkneifen musste, wusste ich, dass ich nach ihren Geschmack gehandelt habe. Gemeinsam ließen wir uns auf unseren Plätzen fallen.

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