Der Prozess des Vergessens überfiel mich nicht wie ein Räuber in der Nacht, sondern kam schleichend wie eine Katze auf der Jagd. Ich bemerkte es erst, als ich nichts mehr über mein früheres Leben wusste – fast nichts mehr. Nur Grundlagen und Erzählungen der Feen. Nichts über mich selbst, nicht wer ich einmal war. Am Anfang war alles so neu und aufregend – ich vergaß heim zu wollen, vergaß, dass meine Eltern auf mich warten würden.
„Willst du wieder zurück nach Hause?", fragte Serra mich im Traum.
„Nach Hause? Ich bin doch daheim", antwortete ich.
Vielleicht war das nicht der Moment, in dem ich meine Eltern vergaß, aber es war der Anfang des Erinnerungsschwundes. Danach redete ich mir immer wieder ein, dass ich sie wiedersehen würde – später. Wenn ich bereit sein würde, Astan zu verlassen. Dass das nie geschehen wird, weiß ich mit felsenfester Sicherheit. Dennoch, es beruhigt mich.
Ich kann mir sagen, dass mein Herz sie noch nicht ausgesperrt hat. Aber das hat es. Glauben will ich es auch in tausend Jahren nicht.
Mit den anderen Kindern habe ich nie über die Vergangenheit gesprochen, nicht einmal mit Aranea oder Lino. Vielleicht haben wir alle vergessen. Vielleicht ist es besser so.
Die Erinnerung an ein Gespräch drängt sich wie ein kleines Kind schreiend in den Vordergrund.
„Serra?", fragte ich. „Serra, warum bringt ihr uns Kinder eigentlich hierher? Warum lügt ihr uns an, wenn ihr sagt, ihr wollt uns nur Armál zeigen?"
„Aber wir lügen doch nicht. Wir zeigen euch Armál. Und dann könnt ihr gehen, wir haben euch nicht davon abgehalten wieder zu gehen, oder? Ihr seid doch freiwillig geblieben, Süße." Sie legte eine kunstvolle Pause ein, in der ich nur nickte. „Oder bereust du es etwa?" Ihre Augen schienen mich zu stechen. Nicht bedrohlich, viel mehr, als würde ein falsches Wort das zarte Wesen zerbrechen. Als wollte sie mir sagen, was meine Antwort sein muss.
„Nein, nein, natürlich nicht. Ich würde nie gehen wollen." Es entsprach der Wahrheit. „Ihr habt uns Freiheit geschenkt. Aber warum?"
„Warum denn nicht? Ihr habt es verdient. Weiß du, Liebes, die Welt, in der ihr geboren wurdet ist grausam. Deswegen holen wir auch...", sie schluchzte, Tränen rollten über ihr Gesicht, als sie sprach. Bevor sie fortfuhr, wischte sie sich die nassen Perlen langsam weg und atmete tief ein und aus, bis sie sich etwas beruhigt hatte. „Deswegen holen wir auch so viele Kinder wie möglich nach Astan. Jeden Neumond eines. Den ganzen Monat lang suchen wir nach dem Kind, das es am meisten verdient. So wie du, Xenia. Du bist besonders."
„Mhm", murmelte ich und hielt kurz inne, bevor ich meine nächste Frage stellte: „Warum Neumond?"
„Ehrlich? Genau weiß ich es auch nicht. Seit ich lebe, war es so. Ich denke, es ist eine Art Prüfung. Ob wir das richtige Kind ausgewählt haben. Ob ihr uns folgt, oder nicht genug an uns glaubt. Ob ihr mutig genug für Astan seid."
Stumm stimmte ich zu, sagte nichts. Was Serra damals sagte, scheint logisch.
Dennoch brennen mir einige unausgesprochenen Fragen auf der Zunge. Woher sie unser Schicksal wissen – was meines gewesen wäre. Damals hielt mich die Angst davon ab, sie zu stellen. Jetzt habe ich sie in den Schatten gedrängt, wäre bereit mit Serra darüber zu reden. Doch Serra würde es mir nie verraten. Zu meinem Wohl.
Heute stehe ich mit den anderen Kindern vor einer Höhle etwas außerhalb des Dorfes. Auch sie scheint eine Wurzel eines längst toten Baumes zu sein. Verschiedene Filme der Vergangenheit spielen Fangen, rennen um die Wette.
Vor etwa einem Jahr stand ich ebenfalls hier. Damals war ich zwei Monate in Astan. Das Mädchen, das damals aus der Höhle trat, hatte mich bei den Feen ersetzt. Schon als ich sie das erste Mal sah, hasste ich sie von ganzem Herzen. Smila. Die Szene spielt sich vor meinem inneren Auge ab, als würde sie in diesen Moment gehören – die Stelle eines aufgenommenen Schauspiels, die man wieder und wieder wiederholen kann. Ich spüre meine Frustration, die Wut von damals durch meinen Körper beben. Diese Gefühle
DU LIEST GERADE
Astan - vom Ende
FantasyJeden Neumond verschwinden Kinder. Niemand weiß, wo sie sich befinden. Niemals ist je eines zurückgekehrt. Aber eigentlich sind sie in Astan.
