Ich sehe es nicht ein, mich zu entschuldigen. Es ist nicht meine Schuld.
Aber wenn ich es nicht mache, sprechen sie nicht mit mir – Aranea und Lino.
Der Streit hat versunkene Gefühle angespült. In den tiefen meines inneren Meeres haben sie geschlummert – der Sturm hat sie wachgerüttelt; der Streit.
Zweifel überfallen mich, erinnern mich an Verrat. Ich wurde schon immer ersetzt; von den Feen und jetzt von Ari durch Tommy. Wahrscheinlich haben sich meine Eltern auch ein neues Kind gesucht. Ein besseres.
Erinnerungen an alles, seit ich mein Kinderzimmer verlassen habe, nehmen mich ein. Die frühste, als Serra mich nach Astan brachte, klammert sich fest an mein Gedächtnis. Ich denke an ihre Worte, daran als sie mir Armál zeigte und daran, dass in wenigen Tagen der Vollmond die Nacht erleuchten wird und wir auf die Lichtung gehen werden, um den Feen beim Tanzen zuzusehen.
Man meint, dass das alles hier gar nicht so viel wäre – nur diese eine Lichtung, die jeden Neumond das Protal zur Menschenwelt wird. Aber man liegt falsch. Es ist so unendlich viel. Die Sterne, die unsere Träume in sich aufnehmen und für uns aufbewahren, uns jede Nacht zeigen, damit wir sie nicht vergessen. Armál bedeutet so viel. Es mag nur ein Bruchteil von Astan sein und doch so bedeutend groß. Armál, jene Lichtung, auf der die Feen aus ihren Blüten steigen und zum ersten Mal ihre Welt betreten. Jene Lichtung, an der Unwissende an Neu- und Vollmonden die kleinen Fabelwesen für Glühwürmchen halten würden, obwohl sie eigentlich großer als die Insekten sind. Doch wenn sie von der Ferne ihr Licht leuchten lassen, gleichen sie den kleinen Insekten. Wissende aber erkenne die Magie.
An Aería werde ich Serra wieder sehen. Trotz ihres Versprechens kommt sie mich kaum besuchen. Anfangs noch öfter, aber als die Zeit verging, immer seltener. Meistens bleibt es bei Aería.
Der Gedanke wirft mich zurück in die groben Hände meiner Zweifel und Ängste, meiner Gefühle und aller Erinnerungen. Tränen brennen in meinen Augen, meine Sicher verschwimmt. Ich trauere um den Verlust von guten Freunden. Erst Serra, dann Aranea und Lino.
Alles nur, weil ich ich bin.
Der Gedanke vergiftet mich; ich schüttle ihn ab.
Nein. Das stimmt nicht. Sie haben mich alle verraten. Ich kann nicht Schuld sein.
Die Verzweiflung legt ihre Finger an mich, bewegt sich tänzerisch im Kreis um mich und lässt mir kein Entkommen.
Der nächste Stein, den ich zu fassen bekomme, wiegt weniger schwer, als ich es mir wünschen würde. Er landet laut Platschend im Wasser. Der nächste folgt.
Was bilden sich alle nur ein. Ich brauche sie nicht.
Ein Kiesel wird von dem dunklen Nass verschluckt. Es nimmt ihn in sich auf, wie ein hungriges schwarzes Loch. Wenn ich hineinfalle, werde ich auch untergehen und einfach verschwinden.
Vielleicht wollen sie das ja. Dass ich verschwinde.
Aber diesen Gefallen tue ich ihnen nicht.
Ich brauche sie nicht. Aber sie mich.
Die Lüge könnte nicht schwerer auf meinen Schultern wiegen und mich hinunterdrücken.
Meine Arme schließen sich um meine Beine. Mein Gesicht vergrabe ich an meinen Knien – das gibt mir Sicherheit und Geborgenheit. Wenigstens ich brauche mich noch.
Und ich brauche Ari und Lino. Auch wenn ich mir einreden will, dass sie keine einzige meiner Tränen wert sind.
Doch je länge ich versuche, so zu denken, umso mehr bäumt sich das laue Gefühl in meinem Magen auf, drück und bringt mich nur noch mehr zum Weinen. Bei jedem Gedanken, als hätte ich Unrecht.
Tief in mir, weiß ich, dass ich Unrecht habe.
Ich sitze in der Mitte einer Wippe. Mal sinkt die eine und Mal die andere Seite zu Boden.
Mal rede ich mir ein, dass die anderen Schuld sind; Mal nimmt das Chaos in meinem Kopf, in meinem Herz, in mir Überhand und zeigt mir die verklärte Wahrheit – dass ich Schuld bin.
Zwei Extreme, doch die Wirklichkeit bleibt aus.
Ich weiß das und doch glaube ich es nicht.
„Xenia?"
Mein Herz macht einen Sprung, als ich Linos Stimme höre. Dummes Herz – es soll ihn hassen. Wenn wir uns wieder vertragen, wird er mich wieder verraten.
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Astan - vom Ende
FantastikJeden Neumond verschwinden Kinder. Niemand weiß, wo sie sich befinden. Niemals ist je eines zurückgekehrt. Aber eigentlich sind sie in Astan.
