Schrankengedanken

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 Leuchtend weiß und rot bemalt
Sinkt die Schranke vor ihm nieder.
Jeden Tag aufs Neue wieder
 Zwingt sie ihn zum Aufenthalt. 

 Vor ihm rollen ratternd viele
Güterwagen auf dem Gleise
Immerfort auf Ihre Reise
 Zu dem unbekannten Ziele. 

 Duldsam muss er es ertragen,
Auf sein Fortkommen verzichten.
Zürnen wird hier nichts verrichten,
 Jammern nicht und auch kein Klagen. 

 So gezwungen zu verharren,
Macht er es sich recht bequem
Und ersinnet ein Poem -
 Sei's für Weise, sei's für Narren. 

 Er lässt die Gedanken schweifen,
Unsern Globus sie umrunden,
Fremde Welten gar erkunden
 Und den Augenblick ergreifen.

 Fantasien lässt er sprießen,
Und zu Bildern sie gerinnen,  
Um zu Reimen sie zu spinnen
 Und in Verse sie zu gießen.

 Solches Tun kann nur gedeih'n,
Weil er Muße hat zu träumen
Und was Schönes sich zu reimen,
 Während er hier steht allein.

 Denn hätte er hier nicht verweilt,
Wär die Straße frei gewesen,
Wär er ohne Federlesen
 Seinem Ziele zugeeilt.

 Huld dem Schlagbaum drum gewährt.
Mancher Vers wär ungeschrieben
 Oder ungesagt geblieben,
 Hätt' er nicht den Weg versperrt. 

 Danke, Schranke!

Belämmerte BalladenWo Geschichten leben. Entdecke jetzt