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Jessica stellte die Musik im Auto leiser, als sie aus einer kleinen Entfernung die ersten Fahrzeuge der Gäste sah. Wieder blickte Ena auf den üppigen weißen Rock, auf die Massen an Tüll, wegen denen sie auf der Rückbank des Phaetons Platz nehmen musste, da Jessica sonst nicht mehr an den Schaltknauf gekommen wäre. Im Rückspiegel tauschten die besten Freundinnen während der Fahrt zufriedene Blicke, welche Ena ein wenig die Nervosität nehmen sollten. Als die Mechatronikerin auf die Fläche zum Parken fuhr, bremste sie ruckartig, was ihr Auto verrecken ließ. "Sorry, ich... Egal.", begann sie, startete den Wagen neu, um einzuparken, und sprach nicht weiter.

Jessica stellte den Motor ab, stieg aus dem Wagen und öffnete die hintere Tür auf der Fahrerseite. "Frau Noch-Fabeck, darf ich bitten.", lachte sie auf und reichte Ena ihre Hand. Während diese neben dem Fahrzeug ihr Kleid richtete und in der Spiegelung des dunkeln Bildschirm ihres Handys das Make-up überprüfte, schrieb Jessica eine Nachricht an Melina, welche für den Brautstrauß verantwortlich war.

Melina kam mit Linda die Stufen aus Stein herunter. "Meine Brautjungfern, jawoll.", rief die junge Mutter und strahlte über beide Ohren. Als Melina ihr den kurz gebundenen runden Strauß aus Rosen überreichte, war die Braut überwältigt und realisierte wieder, dass sie in wahrscheinlich weniger als einer Stunde Frau Ena Weitkamp sein würde. "Danke, der ist wunderschön, hast du den gesteckt?", Melina nickte, seit einem halben Jahr arbeitete sie beim Floristen in der Nähe der mittlerweile gemeinsamen Wohnung von Steven und ihr. "Bist du bereit? In ein paar Minuten geht die Trauung los.", sprach Linda zu ihr, Ena antwortete mit einem Nicken. Diese setzte den ersten Schritt nach vorn und Melina lief mit ihr los.

"Jess?", die einst Rothaarige sah Enas Trauzeugin an, welche sich an der Heckklappe ihres Wagens festhielt und ihren Blick auf den schwarzen Audi mit dem Kennzeichen aus Berlin fixierte. Vorsichtig legte Linda ihre Hand auf die Schulter von Jessica, welche ihren Kopf drehte und schluckte. "Alles gut?"
"Muss ja... Es muss ja irgendwie weitergehen.", sagte Jessica gekränkt, senkte ihren Blick und schloss schwungvoll die Heckklappe ihres Wagens.
"Ihm geht es auch nicht besser.", merkte Linda an und dachte erst im Nachhinein über ihre gewählten Worte nach.
"Klasse? Was soll ich dazu sagen? Ich habe Angst... Ich will weder Tim geschweige denn Ena die Stimmung an diesem Tag vermiesen.", Jessica fuhr sich durch die Haare und blickte auf ihre Uhr. "Wir müssen, ich kann jetzt als Trauzeugin keinen Rückzieher mehr machen.", merkte sie an, atmete noch einmal tief durch und begab sich nach drin.

Es war alles bereit. Vor dem Bekannten, welcher die freie Trauung durchführte, stand Tim, der am Altar auf seine zukünftige Frau wartete. Basti stand stärkend hinter dem Bräutigam, Jessica auf der, von den Gästen aus gesehen, linken Seite auf der Höhe des Wahl-Spaniers. In der ersten Reihe saß, auf der Seite auf der Tim stand, Lukas direkt am Gang, zu seiner Rechten Steven. Auf der Seite, auf der Ena stande, saß Linda und zu ihrer Linken hatte Melina ihren Platz. Während Steven versuchte Lukas auf andere Gedanken zu bringen oder auch ein kleines Lächeln in dessen Gesicht zu sehen, fühlte es sich für Jessica an, als würde man ihr die Luft abschnüren. Ihr Blick lag starr auf Lukas und sie konzentrierte sich einzig und allein darauf nicht die Fassung zu verlieren und keine Träne zu vergießen. Jeanine sah ihrer Tochter die schmerzende Trauer an und versuchte Augenkontakt herzustellen, was ihr nicht gelang. Ebenso lagen die mitfühlenden Blicke von Linda und Melina auf der Trauzeugin. Lukas wandte seinen Blick während der ruhigen Konversation von Steven ab, blickte auf Tim, anschließend auf dessen Trauzeugen. Ohne seinen Kopf zu drehen, schweifte sein Blick langsam und zögernd zu Jessica, was ihn einen Schauer verspüren ließ. Ebenso wie sie verspürte er wieder die Trauer und war den Tränen nah.

Die ruhige Musik, welche das Einlaufen der Braut begleitete, setzte ein und die große braune Flügeltür aus Holz, hinter dem Rücken der Gäste, schwang auf. Ena hatte sich in den Arm ihres Vaters eingehängt und sie schritten gemeinsam auf den Altar zu.
"Wie bei unserem ersten Aufeinandertreffen, pass' mir ja gut auf meine Prinzessin auf, sie ist mit das Wichtigste, was ich habe.", mit diesen Worten übergab Frank seine Tochter am Altar an Tim und nahm anschließend in der ersten Reihe zwischen Elisa und Jeanine Platz.

"Liebe Familie, liebe Freunde, wir haben uns heute hier versammelt, um die Liebe zu feiern..."

Utopie - 4Wo Geschichten leben. Entdecke jetzt