Gruul ging im letzten Moment hinter einem der umgefallenen Bäume in Deckung. Hoffentlich war er den Blicken seiner Feinde entkommen. Seine Gedanken rasten. Warum musste alles an ihm hängen? Jeder Fehler könnte sein letzter sein. Ich darf nicht versagen. Der Gedanke wiederholte sich wie ein Mantra in seinem Kopf. Diesmal musste er erfolgreich sein; eine Niederlage kam gar nicht infrage! Er hörte die Schritte seiner Gegner in der Ferne und spürte, wie sein Herz schneller schlug. Die Entfernung maß zwar bestimmt mehr als hundert Armspannen, doch sie war kein Problem für seine spitzen Orkohren. Sie war aber auch kein Hindernis für die Augen seiner Feinde und das wusste er. Zumindest seinen Geruch konnte Gruul verbergen: Bevor er aufgebrochen war, hatte er seinen verstärkten Lederwams mit Schlamm und stark riechenden Kräutern eingerieben. Fünf gegnerische Soldaten mussten sich vor ihm befinden - die Schrittgeräusche verrieten es ihm. Doch wo war der Sechste? Da ihm aber nicht mehr viel Zeit blieb, machte sich Gruul bereit, im nächstbesten Moment weiterzurennen. Weit hatte er es ja zum Glück nicht mehr. Leise kroch er im matschigen Sumpfboden bis ans Ende des Baumstammes.
Die Angst und die Entschlossenheit spürte der junge Krieger in jeder Faser seines Körpers. Ein Fehler konnte alles zerstören. Er musste erfolgreich sein. Plötzlich knackte ein Ast hinter ihm, und Gruul wirbelte herum.
«Wie kommst du voran? Hast du unser Ziel schon gefunden?»
Gruul unterdrückte einen Fluch, als er den stämmigen Ork, der breitbeinig und ohne jegliche Deckung hinter ihm stand, entdeckte. Dieser Idiot! Was dachte er sich dabei, so unvorsichtig zu sein? Ein Gefühl der Verzweiflung stieg in ihm auf, als er ihn am Kragen seines ledernen Brustschutzes packte und zu sich hinunterzog.
«Sag mal, hast du sie noch alle? Geht's noch auffälliger?», flüsterte Gruul dermaßen leise, sodass es sein Gegenüber kaum verstehen konnte. «So wird nie ein anständiger Krieger aus dir, Umug. Da helfen dir deine ganzen Muskeln nichts, wenn man dich aus tausend Schritten Entfernung noch hört.»
Umug schaute verdutzt, antwortete aber nicht. Man sah es ihm an, dass die Worte ihn schwer getroffen hatten: Seine Augen spiegelten eine Mischung aus Verletztheit und Scham wider. Immerhin war es seine selbstbestimmte Lebensaufgabe, als Krieger sein Volk zu repräsentieren und für sein Dorf Ruhm zu erlangen.
«Um auf deine Frage zurückzukommen: ja, ich habe unser Ziel bereits entdeckt. Und wenn ich es mir so überlege, kommst du gerade recht. Ich brauche dich als Lockvogel. Die Fünfergruppe, die mich zuvor verfolgt hat und eigentlich schon aus den Augen verloren hatte», Gruul schaute dabei seinen stämmigen Verbündeten böse an, «wird dich sicher gehört haben. Sie sind bestimmt schon auf dem Weg zurück in ihre Basis, um diese zu verteidigen. Du wirst in ihren Stützpunkt eindringen und sie weglocken. Dann habe ich freies Feld. Verstanden? Vielleicht lockt das Ganze sogar noch den sechsten von ihnen an.»
Umug, nun froh, doch behilflich sein zu können, nickte. Er war zwar nicht der Schnellste, aber aufgrund seines auffälligen Wesens war er als Lockvogel dennoch gut geeignet. Natürlich wäre es dem großgewachsenen Ork lieber gewesen, den Sieg im Kampf zu erringen, was ihm deutlich mehr Ruhm eingebracht hätte; das wusste Gruul ganz genau. Ihm war aber auch bewusst, dass er sich auf seinen Kampfgefährten und Freund verlassen konnte.
Zusammen liefen sie los, dabei äußerst bedacht, keinen Lärm zu verursachen. Der weiche Waldboden federte jeden ihrer Schritte ab und erleichterte so das Ganze. Lediglich die vielen Umbusse, die auf den Grashalmen und Zweigen ruhten und auf jede noch so kleine Vibration der Erde reagierten, flatterten davon und störten dabei ihre Lautlosigkeit. Die zwei kleinen Hügel und die großen Felsen, an denen sie vorbeikamen, wurden auf ihrem Weg als Sichtschutz verwendet. Einzig der kleine Bach, welchen sie überqueren mussten, barg ein gewisses Risiko. Nicht nur das offene Gebiet, sondern auch das kalte Wasser, welches sich an die nackten Füße der beiden Orks schmiegte, ließ sie ihren Schritt beschleunigen. So nah am Ziel. Nicht stolpern, nicht jetzt. Gruuls Blick war starr auf die andere Seite gerichtet. Nur noch ein bisschen, dann sind wir durch. Wenige Gehminuten, nachdem sie den Bach hinter sich gelassen hatten, hinter einigen Sträuchern und Bäumen versteckt, lag das Lager ihrer Gegner. Ein Windstoß ließ das graue Banner mit den roten Hellebarden tanzen, was Gruuls Blick auf sich zog. Da ist es. Die Erleichterung war kurz, sofort gefolgt von einem Anflug von Angst. Jetzt bloß keine Fehler machen. Er versuchte sich zu beruhigen, aber sein heftig klopfendes Herz gehorchte nicht. Es musste klappen.
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Orkblut und Menschenherzen: Ein Ork im Haus der Menschen
Viễn tưởngAls der junge Ork Gruul in einem brutalen Überfall von Menschen gefangen genommen und als Sklave verkauft wird, beginnt seine unfreiwillige Reise in die Welt der Menschen. Tief geprägt von Rassismus und Verlust, kämpft er um seine Ehre und Freiheit...