26 - Han

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Kapitel 26 - Han

Ende November 2023

Das Meer traf in sanften Wellen auf den Strand, das leise Rauschen war zum steten Begleiter geworden, seit wir auf der Insel angekommen waren.
Einen Moment lang musste ich geblendet die Augen schließen, als sich die Sonne in einem ungünstigen Winkel im Wasser spiegelte, doch mit der nächsten Biegung, die der Kleinbus nahm, war das Meer auch schon wieder verschwunden. Der leicht salzige Geruch, der die ganze Zeit über in der Luft hing, blieb.
Ein zufriedenes Seufzen entfloh mir. Es fühlte sich wie Urlaub an - eigentlich wie jedes Mal, wenn wir in Jeju waren.
Wie gerne hätte ich mich Hyunjin angeschlossen und wäre nach den Dreharbeiten zu den neuen SKZ Episoden noch zwei Tage länger hier geblieben, nur leider ließ das mein Terminplan nicht zu. Vielleicht sollte ich sowas beim nächsten Besuch einfach zeitiger beantragen und mir ein paar Tage freinehmen.

„In zwanzig Minuten sind wir da", schallte es von vorne, mehrstimmiges Gemurmel antwortete. Ein Großteil der anderen Jungs döste in ihren Sitzen vor sich hin, schließlich waren wir heute in aller Herrgottsfrühe aufgebrochen.
Selbst Minho neben mir waren die Augen zugefallen. Sein Kopf war entspannt, etwas zur Seite geneigt, der Mund leicht geöffnet, während sich sein Brustkorb in gleichmäßigen Atemzügen hob und senkte. Er schlief tatsächlich.
Ich verbiss mir ein Kichern und zückte stattdessen mein Handy. Ein schlafender Minho musste verewigt werden, besonders weil er immer behauptete, im Bus nicht schlafen zu können.
Die letzten Tage waren sehr anstrengend gewesen, die Nächte definitiv viel zu kurz. Da übermannte die Müdigkeit selbst jemanden wie ihn.

Grinsend betrachtete ich wenig später die Dutzend Bilder, die ich von ihm gemacht hatte. Auch wenn er sich garantiert darüber beschweren würde, ich könnte keines von ihnen löschen.
Während wir uns unserem Ziel immer weiter näherten, blätterte ich durch die Fotos der letzten Wochen. Bisher hatte ich keine Zeit gehabt, sie auch nur ansatzweise zu ordnen.
Das meiste waren Gruppenfotos vom letzten Auftritt und den Promo-Terminen. Doch auch unzählige Essensfotos hatten sich darunter gemischt. Und -
Ich hielt inne und klickte einmal zurück.
Und von Minhos Geburtstag. Irgendwie waren an diesem Tag sogar noch mehr Fotos vom Essen entstanden als sonst. Zu Recht.

Zufrieden grinsend schaute ich mir die Bilder genauer an. Auch wenn das Essen nicht unbedingt dem eines guten Restaurants glich - besonders die etwas eigenwillige Präsentation nicht - es hatte geschmeckt und das, obwohl ich gekocht hatte. Man betone: Ich. Ich würde nie Minhos Gesicht vergessen, als ich ihn mit dem gedeckten Tisch überraschte.
Denn schlussendlich hatte ich mich wirklich an Felix' Vorschlag, für Minho zum Geburtstag sein Lieblingsessen zu kochen, gehalten. Nach dieser Entscheidung hieß es üben und glücklicherweise stand Felix mir hilfreich zur Seite. Ich hatte sogar kurzzeitig mit dem Gedanken gespielt, Minhos geliebten Pudding nachzumachen, doch nachdem ich das umfangreiche Rezept dazu gelesen hatte, hatte ich es schnell aufgegeben und lieber zwei Puddings aus dem Supermarkt liefern lassen. Mein Freund war nicht böse darüber gewesen. Generell schien er überhaupt nicht mit so einer Aktion gerechnet zu haben, was mich noch ein wenig glücklicher machte.
Wie er mich nach dem Essen angeschaut hatte, mit diesen bestimmten Schmunzeln auf den Lippen... Da wurde ich jetzt noch ganz kribbelig.

„Und wieder ein erstes Mal", hatte er in sein Getränk gemurmelt.
„Was meinst du?"
Er hatte mir über den Rand seines Bechers einen belustigten Blick zugeworfen.
„Du hast das erste Mal für mich gekocht."
Das unausgesprochene „Das kannst du gern öfter machen", das dabei mitschwang, hatte ich unbeantwortet gelassen. Minho war eindeutig der bessere Koch von uns beiden und der Küche zuliebe, würde ich meine neuerworbenen Fähigkeiten wohl höchstens ein- bis zweimal im Jahr unter Beweis stellen.

„Was schaust du dir an?"
Eine leichte Berührung am Arm riss mich aus meinen Erinnerungen. Minho war aufgewacht, auch wenn er gerade nicht danach aussah, so wie er mich, unter den schweren Augenlidern heraus, anblinzelte.
Ich lehnte mich leicht gegen ihn und hielt ihm mein Handy unter die Nase. Es zeigte ihn selbst, fröhlich Pudding mampfend.
„Ah ja", schnaubte er. Seine Mundwinkel zuckten leicht nach oben, er wirkte gleich ein wenig wacher. „Das war ein schöner Abend."
„Mhm... fand ich auch."
„Aber wehe, du machst dir nächstes Jahr wieder so einen Stress. Du musst dich nicht jedes Mal überbieten."
Manchmal hatte ich das Gefühl, dass Minho direkt in meinen Kopf schauen konnte, denn diesen Gedanken hatte ich bereits gehabt.
Mit leicht nach vorne geschobener Unterlippe sah ich zu ihm auf.
„Aber ich -"
„Hey, ihr Turteltauben, wir sind da!", unterbrach Changbin meinen Einwand. Grinsend beugte er sich von hinten über unsere Lehnen, vielsagend mit den Augenbrauen wackelnd. „Spart euch eure flirty Energy lieber für morgen auf." 

Through the years (Minsung)Wo Geschichten leben. Entdecke jetzt