Auszug aus dem Geschichtsbuch von Áileea, 1830
Am heutigen Tage, dem 23. September 1830 wurde Ferdinand III., geborener Ramsey von einem namenlosen Mädchen mit unbekannter Herkunft vom Thron gestoßen. Aufgrund seiner grausamen Schreckensherrschaft stellte sich das untertänige Volk auf die Seite der Rebellion und stürmte das Schlossgebäude. Dem König Ferdinand treu ergebene Wachen blieben bis zum Ende an seiner Seite und ließen ihr Leben bei dem Versuch ihren Herrscher zu bewachen, doch das ungezähmte Volk war übermächtig. Der König wurde noch am selben Tag auf dem Hauptplatz von Áileea hingerichtet. Seiner Frau wurde ein Ulitmatum gestellt und sie entschied sich für die Flucht, bei welcher sie auch ihre beiden Söhne, William und Cinner, mitnahm.
Zwei junge Frau knieten auf dem kühlen Steinboden des Empfangsaals. Den Kopf demütig gesenkt, bis meine Königin ihnen erlaubte aufzublicken. Einige Schritte vor ihnen lag, in weiße Lacken gehüllt, auf einem Tisch ein kleines Baby. Es schien höchstens einige Wochen alt zu sein.
"Tragt euer Anliegen vor!", wies der Minister namens August Mirellius an. Im Geheimen nannte ich ihn Pferd, da er einenen breiten Mund und ein langes Kinn hatte, das mich immer an das edle Reittier erinnerte. Nur das es an ihm alles andere als edel aussah, wenn er die langen Flure entlang schritt. Viel eher schien es mir, als wüsste er nicht was er mit seinen langen Gliedmaßen anstellen sollte.
Meine Aufmerksamkeit wurde auf eine der beiden Frauen gelenkt, die das Wort ergriffen hatte. "Eure Hoheit!", begann die rechte Frau. Ihr Gesicht war verdreckt, die Hände die sich ineinander verkrallt hatten waren von der Arbeit gezeichnet, doch sie sah gesund aus. "Diese Fremde behauptet das Kind, welches dort liegt, ist ihres. Aber es ist meine Tochter. Ich habe sie vor zwei Monden geboren."
Verzweiflung und Angst lag in ihrem Blick, als sie meine Königin ansah. Diese jedoch erwiederte den Blick mit undurchdringlicher Miene. Pferd forderte die andere Frau auf zu sprechen und diese wiederholte das Anliegen der ersten Frau. Allerdings fand ich in ihrem Gesicht keine Verzweiflung, sondern bloß Hohn und eine leichte Überheblichkeit. Es war also ziemlich offensichtlich welche Frau log.
Meine Königin indessen, stand auf. Die Ketten auf ihrem Kleid raschelten. Heute trug sie ein Gewand aus rotem Samt mit einem ausladenden Rock, welcher mit dicken, rostigen Eisenketten geschmückt war. Langsam stieg sie die wenigen Treppenstufen von ihrem Thron herunter. Das einzige Geräusch das den Saal erfüllte war das unheilverheißende Klimpern ihrer Ketten. Vor dem Tisch, auf welchem das Baby lag blieb sie stehen. Ihre dunklen Augen wanderten über den kleinen Körper in den Lacken. Ich stand leider zu weit weg um zu sehen ob das Kind schlief, aber es machte keinen Mucks.
Ein leises Schluchzen der ersten Frau lies meine Königin den Kopf heben. Wie so viele Male zuvor schon wünschte ich mir, ich könnte aus ihrem ausdruckslosen Gesicht lesen. Doch ich konnte nur ihren Gesten folgen. Sie nickte einem der Soldaten zu, die an den Wänden des Saales entlang standen. Unbewegt, mit einem langen Schwert im Gürtel waren sie immer anwesend. Das Schloss war voll von ihnen und hätte ich einmal begonnen sie zu zählen, so wäre ich wahrscheinlich heute noch nicht fertig damit. Einer der Männer trat nach vorne. Er zog sein Schwert und stellte sich an die Seite der Königin.
Die erste Frau und offensichtlich die Mutter, begann zu weinen und wollte losstürzen um zu ihrem Kind zu gelangen, doch der Soldat der hinter ihr stand reagierte blitzschnell und hielt sie zurück. Ich biss mir auf die Lippen. Wie gerne wäre ich zu ihr gegangen und hätte ihr beruhigend meine Hand auf die Schulter gelegt. Die Königin hindessen gab dem Mann ein Zeichen und der Soldat schob sein Schwert zurück in die Scheide. Vor Erleichterung brach die Mutter zusammen und ihre dünnen Knie schlugen hart auf dem Steinboden auf. Ihre Schultern hoben und senkten sich schnell, während sie weinte. Sie war klug genug es leise zu machen.
"Ich möchte dieses Problem mit einer Weisheit lösen.", sprach nun meine Königin. "Einer Geschichte, welche euch beiden gewiss bekannt ist. Es geht darum das sich zwei Schafshirten um ein Lämmchen streiten. Jeder davon behauptet, das ihm das Tier gehöre und weil sie sich in ihrer Zwietracht nicht einigen können gehen sie mit ihrem Anliegen zum König. Der König denkt sich ein List aus. Er sagt, dass jeder die Hälfte von dem Lämmchen bekommt, damit Gerechtigkeit waltet. Während der eine Mann zustimmt, tritt der andere hervor und sagt dies könne er nicht zulassen und eher wäre er bereit das Lamm dem anderen Mann zu schenken. Nun weiß der König, dass er der rechtmäßige Besitzer des Lammes ist. Er bekommt sein Lamm zurück und darf das Schloss verlassen. Der Lügner dagegen wird wenige Tage darauf hingerichtet." Ihr Blick wanderte zwischen den beiden Frauen hin und her. Die ersten Frau lächelt und ihr Gesicht strahlt solche Erleichterung aus, dass mir ganz warm ums Herz wird. Im Gegenteil zur zweiten Frau in deren Augen die Angst tanzte. Ich sehe wie sich ihre knorrigen Hände in das abgenutzte Kleid krallen.
"Das war eine Geschichte, die mir schon als Kind sehr gut gefallen hat. Doch noch lieber als Geschichten mag ich Sprichtwörter. Deshalb möchte ich dieses Problem mit diesen lebensnahmen und wichtigen Worten lösen."
Dankeschön fürs Lesen! :) Im nächsten Kapitel werden ihr erfahren wie Königin Lucinda den Streit zwischen den beiden lösen wird. Ich würde mich riesig freuen, wenn ihr mir ein kurzer Feedback in den Kommentaren hinterlassen würdet. Denn ich möchte meinen Schreibstil, mein Charakterbuilding sowie mein Plotting so gut wie möglich verbessern und dazu brauche ich natürlich EUER Feedback. ♥ ^.^
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Die Königin der Ketten
FantasyViele Jahre sind vergangen seit sich die ehemalige Sklavin Lucy von ihren Ketten befreit und das Land Áileea von der Sklaverei erlöst hat. Gemeinsam mit ihren Anhängern stürzte sie den König und bestieg selbst den Thron. Doch das zuerst so herzensgu...